Arthroskopie: Kreuzbandchirurgie aus der Sicht eines niedergelassenen Chirurgen

Teil 2: Fehler bei der VKB-Plastik, HKB-Plastik, Kasuistiken. Die Kreuzbänder zählen zu den kräftigsten Bändern des menschlichen Körpers und sind die zentralen Stabilisatoren des Kniegelenkes. Dennoch sind die Probleme des vorderen und hinteren Kreuzbandersatzes nicht umfassend gelöst.

Typische Komplikationen nach einer Plastik des vorderen Kreuzbandes (VKB) sind Hämatome, Thrombosen und anhaltende Muskelatrophien. Auch Transplantatinsuffizienzen können trotz regelrechter Positionierung auftreten.
Weiler [14] stellte fest, dass 80 Prozent der Fehlschläge bei VKB-Plastiken auf operationstechnische Fehler zurückzuführen sind. In meinen Fällen beobachtete ich Komplikationen in 6,9 Prozent der Fälle. Zu Beginn meiner Tätigkeit hatte auch ich Fälle von Tunnelfehlplatzierungen.

Ständiges Training und Arbeit an Leichenpräparaten
Eine Lernkurve ist also definitiv vorhanden: Nur durch ständiges Training und Fortbildung und vor allem Arbeit an Leichenpräparaten lässt sich dieses Problem minimieren beziehungsweise beseitigen. Infektionen hingegen treten nur selten auf. Arthrofibrosebilder sah ich bei 94 Patienten mit Einschränkung von Beugung und Streckung des Gelenkes unterschiedlichen Grades. Ehe man fehlgeschlagene VKB-Plastiken revidiert, muss man die Ursache genau analysieren. Wichtig sind die Analyse der Tunnelposition hinsichtlich Notch-Impingement und Verankerungstechnik sowie die Suche nach Begleitverletzungen, welche bisher nicht beachtet wurden.

Tunnelsanierung vor der eigentlichen Wechselplastik
Dieses Prozedere ist aufwändig, aber nicht zu umgehen. Oft müssen die Revisionseingriffe zweizeitig ausgeführt werden. Bei instabilen Tunneln ist vor der eigentlichen Wechselplastik eine Tunnelsanierung durch Spongiosa¬plastik nötig.
Manchmal bolze ich auch den Tru-Fit (Firma Smith & Nephew) in derartige Tunnel ein. Wie vorgegangen wird, hängt immer von individuellen Entscheidungsgrößen und der Erfahrung des Operateurs ab.

Gelenk kann die Rotationskräfte nicht kompensieren
Aus meinem Patientengut ist mir bewusst geworden, dass das heutige Problem der Tunnelpositionierung femoral nicht mehr in erster Linie die Positionierung zu weit vorn in der seitlichen Betrachtungsweise ist, sondern die High-Noon-Positionierung, also eine zu steile Einbringung des Transplantats. Das Gelenk kann die Rotationskräfte nicht kompensieren. Eine Positionierung über eine anteromediale Porta schafft diesem Problem weitgehend Abhilfe. Desweiteren machte die Doppelbündeltechnik klar, dass viele Transplantate zu weit dorsal fixiert werden. Über die gleichen Gesichtspunkte berichtet auch Strobel [1].

Kasuistik: Schwere Komplikation nach VKB-Plastik
Über eine schwere Komplikation, die ich erlebte, möchte ich im Sinne einer Kasuistik berichten. Im Jahre 2007 übernahm ich die Behandlung eines 23-jährigen Patienten wegen einer Fehlplatzierung eines Transplantats des Ligamentum patellae, welches anscheinend ohne Arthroskopie in einer fremden Einrichtung über einen vorderen Zugang implantiert worden war. Ein Abriss des Innenmeniskus war nicht bemerkt worden. Der Patient hatte zum Zeitpunkt der Operation vor allem noch eine femorale offene Epiphysenfuge. Das Transplantat war mit Metallinterferenzschrauben fixiert worden. Die femorale Interferenzschraube klemmte in der noch offenen Epiphysenfuge in zu weit ventraler Position des Tunnels. Die Indikation zur VKB-Plastik war nur nach MRT Befund und ohne Röntgen des Kniegelenkes gestellt worden. Der Patient stellte sich mit schmerzhafter, anhaltender Streckhemmung und Nussknackereffekt auf den Knorpel vor. Ich plante eine arthroskopische Gelenksanierung, gefolgt von einer späteren Wechselplastik zu Weichteiltransplantaten. Anlässlich der Arthroskopie reinserierte ich zunächst den Innenmeniskus.

Metallischer, sehr scharfer Fremdkörper im Knie
Das schwere Notchimpingement des Transplantates behandelte ich durch eine Transplantatentfernung. In der Notch fand ich massives Narbengewebe. Die Entfernung der femoralen Interferenzschraube bereitete sehr große Schwierigkeiten, da der Innensechskant beschädigt war. Bei weiterer Präparation löste sich aus der Bohrung der Schraube ein metallischer Körper, der wie ein Teil einer Branche einer Klemme aussah. Dann konnte ich mit großem Kraftaufwand die Schraube entfernen. Der metallische, sehr scharfe Fremdkörper glitt nach posterolateral und drohte durch ein Leck in der Kapsel in die Kniekehle zu entweichen. Erst in Viererposition des Gelenkes und Bildwandlereinsatz konnte er entfernt werden. Die tibiale Interferenzschraube wurde belassen, da der Tunnel weitgehend knöchern konsolidiert war und die OP-Zeit fortgeschritten war. Die Operation wurde mit Drainage des Gelenkes beendet. Postoperativ erfolgten Schmerz-und Kryotherapie. Der Patient gab postoperativ eine Schwächung und Reizung genau im Ausbreitungs¬gebiet des Nervus peroneus an. Die Beinschwellung war nicht erheblich, die Logen waren weich und die Durchblutung vollständig. Ich verlangte, dass der Patient mit einer Begleitperson in seiner örtlichen Wohnung bleibt und nicht 150 km zum Nachbehandler fährt. Alle Revisionsoperationen und primäre Bandersatzoperationen werden bei mir mit einem Kompressionsverband aus sterilen Binden am Unterschenkel versehen, um einen Flüssigkeitseinstrom in die Logen des Unterschenkels zu vermeiden, so wie es Professor Strobel bei Operationen am hinteren Kreuzband (HKB) empfiehlt. Am Morgen nach dem OP-Tag stellte sich der Patient mit starken Schmerzen vor. Das Knie stand unter massiver Spannung, der Drainagebeutel war voll. Nach einem Wechsel der Drainage besserte sich der Zustand trotz einer Schwellung des Unterschenkels. Der N.peroneus zeigte in allen Anteilen weiterhin deutliche Ausfälle. Nach einer Kniepunktion gab der Patient sofort eine deutliche Besserung an. Unter dem Verdacht eines Kompartmentsyndroms wies ich den Patienten umgehend als Notfall in eine entsprechende Klinik ein. Aufgrund des klinischen Befundes hätte man durchaus auch auf eine Thrombose schließen können.

Vor dem Wundverschluss noch vier weitere Revisionen
Der Patient hatte eine Hyp-Anästhesie an der Fußsohle und im Ausbreitungsgebiet des N. peroneus. Im ersten Interdigitalraum des Fußes bestand fast normales Gefühl. In der Klinik erfolgte nach weiterer Diagnostik dann die Spaltung aller Logen. Im Folgendem wurde das Bein noch viermal revidiert, bevor letztlich ein Wundverschluss möglich war. Das Kompartmentsyndrom blühte richtig auf und wurde begleitet von einer Myoglobulinurie, die aber für die Nieren folgenlos abklang. In der weiteren Diagnostik ergab sich eine schwere Schädigung der Kniebeuger und ein Komplettausfall des N. peroneus, der aber Reinnervationstendenzen hat. Der Patient läuft jetzt frei, trainiert seine Muskulatur, trägt orthopädische Schuhe und arbeitet wieder in seinem Beruf.

Kompartmentsyndrome auch bei arthroskopischer OP
Die Schlussfolgerung aus diesem Vorfall ist, dass es auch in der arthroskopischen Chirurgie Kompartmentsyndrome gibt, wenngleich selten. Die Literatur bietet hierzu nicht viel. Die Lehren sind:
• Auch beim ambulanten Operieren muss die Nachkontrolle durch den Operateur
  lückenlos sein.
• Der Operateur muss an eine ein Kompartmentsyndeom als mögliche Komplikation denken.
• Schwellungen sind nicht immer gleichbedeutend mit Thrombose, sofortiges Handeln
  ist erforderlich.

Die Peroneusschwäche postoperativ führte ich auf die lange Viererposition des Gelenkes zurück, die eine erhebliche Dehnung der laterales Kapselstrukturen nach sich zieht. Die initiale Schwellung des Beines war nicht erheblich, die Durchblutung in Mehrfachkontrollen intakt. Der Unterschenkel wurde während der Operation komprimiert. Die Spülflüssigkeit wird bei uns annähernd bilanziert, nicht zuletzt aus ökonomischen Erwägungen. Ein derartiges Kompartmentsyndrom verläuft anders als bei einer Traumatisierung der Extremität. Auf Basis dieser Erfahrungen habe ich den aktuellen Goldstandard der Kreuzbandchirurgie in zehn Punkten zusammengefasst (siehe Kasten).

 

Kreuzbandchirurgie: Aktuelle Goldstandards der ­operativen Behandlung von Kreuzbandverletzungen

1.   Nach Konditionierung des verletzten Kniegelenkes ist die zeitgerechte und individuelle Operation indiziert. Jeder Patient benötigt ein seinen Belastungsbedürfnissen angepasstes Transplantat. Es sollen nur autologe Transplantate in optimaler Positionierung in beiden Ebenen des Raumes verwendet werden. Die Hybridverankerung in anatomischer Positionierung sollte favorisiert werden.

2.   Die Fixationsmaterialien sollten den mechanischen Anforderungen der optimalen Transplantatfixation entsprechen und resorbierbar sein.

3.   Begleitverletzungen müssen diagnostiziert, gebührend beachtet und therapiert werden.

4.   Das Transplantat muss postoperativ durch Orthesen geschützt werden, damit es knöchern in die Bohrtunnel einheilen kann. Wir wissen nicht, was beim Patienten zu Hause passiert.

5.   Die Nachbehandlung sollte individuell vom Operateur gesteuert werden und darf in den ersten Wochen nach der Operation nicht zu aggressiv sein.

6.   Jeder Operateur sollte die wissenschaftlichen Standards befolgen, sich stetig weiterbilden, Operationskurse besuchen und die Fähigkeit erwerben, aus Fehlschlägen Lehren zu ziehen.

7.   Jeder Operateur muss eine Mindestzahl an Kreuzbandoperationen pro Jahr ausführen, um im Training zu bleiben [17]. Lässt sich die eine oder andere Methode der VKB-Rekonstruktion nicht bewerkstelligen, dann muss ein sofortiger Verfahrenswechsel eingeleitet werden. Der Operateur muss die gängigen Methoden zur VKB-Rekonstruktion beherrschen und sicher ausführen können. Der Operateur muss Komplikationen erkennen können und diese frühzeitig behandeln. Die Behandlung endet nicht mit dem Wundverband nach der Operation.

Der Operateur muss sein Personal, egal ob in Praxis oder Klinik, optimal schulen, damit die Prozessabläufe während der Operation optimal sind. Dies reduziert die Operationszeit und Komplikationsmöglichkeiten. Die derzeitige Sparpolitik im Gesundheitswesen darf zu keiner Qualitätsminderung der operativen Versorgung der Patienten und deren Nachbehandlung bis zur vollständigen Rehabilitation führen.
Man muss sich bewusst sein, dass derzeit die Ansprüche an die Qualität einer Kreuzbandoperation bis weit in den Leistungssport hineinreichen.

Die Verletzung des hinteren Kreuzbandes
Das hintere Kreuzband (HKB)ist das kräftigste Band des Kniegelenkes. Verletzungen dieser Struktur sind stets problematisch. Viele Jahre wurde es nicht beachtet, ja sogar als nicht behandelbar bezeichnet. Nicht umsonst wird es als das „vergessene Band“ bezeichnet. Eine hohe Inzidenz für Verletzungen dieser Struktur besteht bei Anpralltraumen im Bereich des Tibiakopfes bei gebeugtem Kniegelenk. Besonders gefährdet sind Anpralltraumen beim Motorradfahrer und im Fußballsport, der Torwart ist hier besonders gefährdet. Über die Besonderheiten beim Verletzungsmechanismus und der Pathophysiologie der Insuffizienz berichtete ich bereits in Teil 1 meines Artikels (siehe Chirurgen Magazin 45, Heft 3.2010). Die Insuffizienz kann aufgrund der explizit guten Durchblutung und narbigen Scheinheilung nach Verletzung erst spät auftreten. Die komplexen Akutrupturen sind ein besonderes Kapitel in der Diagnostik und Versorgung der Verletzung.

Symptomatik entspricht oft nicht Ausmaß der Verletzung
In Symptomatik und Diagnostik können sehr leicht Irrtümer auftreten. Oft stehen die Symptome im Gegensatz zum Ausmaß der Verletzung. Ursache ist die exzellente Durchblutung des Bandes, denn es sprosst entwicklungsgeschichtlich von dorsal in das Gelenk ein. Das HKB trägt 24 Stunden am Tage die Last des Unterschenkels. Eine insuffizient werdende Narbe führt langsam und schleichend zu einer Insuffizienz mit Druckumverteilung und Veränderung der Kinematik des Kniegelenkes.

Hintere Knieinstabilität ist nicht immer sofort erkennbar
Im chronisch werdenden Stadium muss nicht die Instabilität dominieren, sondern vielmehr der uncharakteristische Schmerz und die femoropatellare Drucksteigerung sowie mediale Arthrosesymptome durch Verlagerung des Drehpunktes des Gelenkes in das mediale Kompartment. Viele Patienten entwickeln ein femoropatellares Schmerzsyndrom. Oft ist die hintere Knieinstabilität nicht ohne weiteres erkennbar. Bei der klinischen Untersuchung ist daher die Prüfung der hinteren Instabilität in Neutralposition des Gelenkes, auch in Außen- wie Innenrotation des Gelenkes wichtig.
Desweiteren muss die Außenrotation des gebeugten Kniegelenkes im Seitenvergleich geprüft werden. Eine vermehrte Außenrotation des verletzten Kniegelenkes ist ein Indiz für eine posterolaterale Instabilität.

Arthroskopie im Akutstadium nach Kreuzbandverletzung
Wichtig ist hierbei der „Step-of-Hand-Test“. Hierbei drückt die flache Hand des Untersuchers bei gebeugtem Knie den Tibiakopf nach dorsal. Die Fingergelenkkapseln nehmen sehr dann empfindliche Dorsalverschiebungen wahr und können den Untersucher auf die richtige Fährte bringen. Bei einer Arthroskopie im Akutstadium nach Verletzung kann die HKB-Betrachtung über einen posteromedialen Arbeitszugang zerrissene und unterblutete HKB-Anteile darstellen und so die Verletzung sichern. Auch eine Magnetresonanztomographie (MRT) kann hier helfen.
Das Akutstadium sollte konsequent für sechs Wochen konservativ in einer PTS-Schiene (Positiv Tibial Support) für 24 Stunden am Tag behandelt werden. Danach kann unter Physiotherapie mit Kräftigung des Muskulus Quadrizeps aus Bauchlage heraus und unter Verwendung einer HKB-Orthese (zum Beispiel die Donjoy CI Orthese) und weiterer Verwendung der PTS-Schiene nachts zur Verbesserung der Instabilität oder Heilung eingesetzt werden. Kontrolliert wird dies mit der Stressradiografie frühestens sechs Wochen nach der Verletzung. Besonders bei der Versorgung von Schaftfrakturen der unteren Extremität ist eine intraoperative Bildwandleruntersuchung des Kniegelenks mit Druck auf das Tibiaplateau wichtig. Hierbei kann unter Umständen eine hintere Schublade sichtbar gemacht werden. Anders verhält es sich bei chronischen Instabilitäten. Die Arthroskopie versagt hier in der Diagnostik, ebenso die MRT. Professor Strobel zeigt seit Jahren, wie schön die Arthroskopie scheinbar intakte HKB-Strukturen darstellt. Indizien der HKB-Insuffizienz sind ein enges Femoropatellargelenk, das sich bei Vorwärtstranslation der Tibia erweitert, sowie Knorpelschäden femoropatellar und im medialen Kompartment des Kniegelenkes. Das vordere Kreuzband zeigt sich elongiert und ausgedünnt („ACL-Sloppy-Sign“).

Viele HKB-Patienten werden irrtümlich am VKB operiert
Dies ist der Fallstrick: Aus dieser Situation heraus kann der unerfahrene Behandler schnell zur VKB-Plastik schreiten. Päßler [9] legte dar, dass aufgrund dieser Tatsache etwa 15 Prozent aller HKB-Patienten irrtümlich am vorderen Kreuzband voroperiert wurden. Nur die Stressradiografie kann eine HKB-Insuffizienz im akuten wie auch im chronischen Stadium eindeutig beweisen. Der Verdacht einer HKB-Läsion besteht so lange, bis nicht das Gegenteil durch eine Stressradiografie bewiesen ist.
Ist die Diagnose gestellt, dann muss eine „fixierte hintere Schublade“ ausgeschlossen werden. Hierunter versteht man eine Fixierung des Gelenkes in dorsaler Luxationsstellung. Ob man operieren will oder nicht, muss diese fixierte hintere Schublade konsequent durch positive tibiale Unterstützung durch Dehnung mit einer PTS-Schiene und mit Physiotherapie beseitigt werden. Hierfür sollte der Behandler durchaus einen längeren Zeitraum einkalkulieren.
Aus einem großen Erfahrungsschatz klassifizierte Strobel [1, 10, 11] die HKB-Verletzungen nachder Dauer ihrer Instabilität:
• akut (Instabilität weniger als drei Wochen),
• subakut (Instabilität zwischen drei Wochen und drei Monaten),
• chronisch (Instabilität zwischen drei Monaten und fünf Jahren),
• Langzeit (chronische Instabilität – Instabilität mehr als fünf Jahre).

Aus der Stressradiografie und der Bestimmung des Ausmaßes der hinteren Instabilität können wichtige Schlussfolgerungen für das therapeutische Konzept gezogen werden. Bei einer hinteren Knieinstabilität von weniger als zehn Millimetern kann man davon ausgehen, dass das hintere Kreuzband isoliert verletzt ist. Bei Beschwerdearmut und ohne wesentliche subjektive Instabilitätszeichen kann ein konservativer Therapieversuch mit PTS-Schiene, Brace und Quadrizepstraining unternommen werden. Kontrolliert wird durch standardisierte Stressaufnahmen. Bei erfolgloser Therapie ist ein isolierter HKB-Ersatz nötig.

HKB-Plastik bei posterolateraler Instabilität
Bei einer hinteren Knieinstabilität von zehn bis zwölf Millimetern muss an eine zusätzliche posterolaterale Instabilität gedacht werden. Diese Verletzungen verursachen oft gravierende Instabilitätszeichen und Beschwerden. Diese Verletzungen müssen durch HKB-Plastik und gleichzeitige posterolaterale Stabilisierung mit Semitendinosus-Schlinge des gesunden Beins in modifizierter Larsentechnik nach Strobel versorgt werden. Die Grundlagen für diese Technik haben Strobel und Weiler erarbeitet, verfeinert und vielfach klinisch erprobt [10, 11]. Ich verzichte daher auf eine Darstellung der derzeit gültigen Operationstechnik, die bereits genannten Autoren beschreiben sie in ihren Werken vortrefflich. Der Eingriff wird arthroskopisch ausgeführt und ist schwierig. Man benötigt ein stabiles, mindestens zehn Zentimeter langes Transplantat.
Ich selbst führe HKB-Plastiken seit 2003 durch. Voraussetzung ist die Sicherheit in den arthroskopischen VKB-Operationen. Vor diesen Eingriffen beschäftigte ich mich nochmals intensiv mit der Anatomie des Gelenkes, der Biomechanik des HKB und übte an Leichengelenken.

Nachbehandlung mit HKB-Orthese und PTS-Schiene
Seit 2003 führte ich 89 arthroskopische HKB-Plastiken in der Technik der genannten Autoren Strobel und Weiler aus. 21 Patienten mit hochgradiger hinterer Knieinstabilität wurden zusätzlich mit einer posterolaterlen Stabilisierung versorgt. Die Nachbehandlung erfordert viel Zeit. Der Physiotherapeut muss vom Operateur speziell instruiert werden. Ich meine, dass bei hinterer Stabilisierung des Gelenkes die Nachbehandlung des Patienten noch individueller gestaltet werden muss als bei VKB-Plastiken. Die Ergebnisse sind insgesamt vielversprechend.

Kasuistik: Pathophysiologie der HKB-Verletzung beachten
Ich selbst hatte ein sehr negatives Ergebnis, welches zeigt, wie ernst die Lehren der Pathophysiologie der HKB-Verletzung zu nehmen sind. Deren Nichtbeachtung hat katastrophale Konsequenzen. 1995 überwies ich einen 1975 geborenen Patienten mit gesicherter HKB-Insuffizienz in stationäre Behandlung zur HKB-Plastik. Da sich ein elongiertes VKB (ACL-Sloppy-Sign) zeigte, erhielt der Patient eine VKB-Plastik.
Der Patient hatte schwerste Schmerzen und Bewegungsstörungen des Gelenkes. Mehrfache Nachoperationen erfolgten, doch die Druckarthose ließ sich nicht mehr aufhalten. Im Jahr 2005 entschied sich der junge Patient wegen der starken Schmerzen zu einer Knieendoprothese. Diese infizierte sich, der Befund endete in einer Arthrodese des Kniegelenkes mit Beinverkürzung von sechs Zentimetern. Die Umstellungsosteotomie wird bei gerader Beinachse nicht ausgeführt. Diese kommt nur bei fortgeschrittenen chronischen Fällen mit Varusfehlstellung des Gelenkes und einem Varustrust in der Gangbildanalyse in Betracht. Ausgeführt wird sie nach Beinachsenvermessung als hohe valgisierende Tibiakopfosteotomie. Retendiert wird die Osteotomie mit Tomofix. Das OP-Verfahren wird ganz präzise von Lobenhoffer beschrieben und analysiert [13].

Fazit: Optimale Strukturen und ständige Evaluation
Kreuzbandoperationen können auch im niedergelassen Bereich sicher ausgeführt werden. Voraussetzungen sind Erfahrung und Engagement des Operateurs sowie entsprechende sichere operative Strukturen, die instrumentelle Ausstattung muss optimal sein (siehe Abb. 6). Man benötigt geschultes Assistenzpersonal.
Der Operateur muss die wissenschaftlichen Trends kennen und muss entsprechend ausgebildet und trainiert sein, damit er Notfallsituationen sicher beherrschen kann. Auch die Nachbehandllung erfordert optimale Strukturen. Man muss ständig ungünstige Verläufe analysieren, Schlussfolgerungen für die tägliche Arbeit ziehen und diese umsetzen.

Kooperation mit geschulten Pflegediensten vor Ort
Wir verfügen zwar über keine stationären Betten. Dennoch können auch Patienten, die große Entfernungen zur operierenden Einrichtung zurücklegen müssen sowie Patienten mit Risikofaktoren oder komplizierten Eingriffen bei mit uns mit Hilfe kooperierender Pflegedienste durch Fachpersonal unter hotelähnlichen Bedingungen kurzfristig überwacht werden. Eine ärztliche 24-Stunden-Rufbereitschaft ist sichergestellt. Eine Kooperation mit geeigneten stationären Einrichtungen ist nötig. Oberstes Gebot ist immer die Patientensicherheit.

 

Literatur:
1. Strobel, M. J.: Sportverletzungen des Kniegelenkes. In: OP Journal 2008: 2 (24): 96-134
2. Garrick JG., Regua RK: Anterior Crucriate ligament injuries in men and women. How common are they? In: Griffin LY (Hg.): Prevention of noncontact ACL-Injuries, American Academy of Orthopaedic Surgeons 2000, Rosemont
3. Hangody, Efort: Tagung Budapest 2008
4. Wilcke, A.: Vordere Kreuzbandläsion. Darmstadt: Steinkopff Verlag , 2004
5. Myar GD, Ford KR, Paterno MV, Nick TG, Hewett TE: The effect of generalized joint ¬laxity injury in young female athletes. In: Am J Sports Med 2008;36:1073-1080
6. Müller, W.: Das Knie: Form, Funktion und ligamentäre Wiederherstellungschirurgie
Berlin: Springer Verlag, 1982
7. Felmet,G: Fremdimplantatefreier anatomischer vorderer Kreuzbandersatz – All-Press Fit. Ergebnisbericht Chirurgie. München: Sympomed Verlag, 2001
8. Petersen, W./T. Zantop: Das vordere Kreuzband. Köln: Deutscher Ärzteverlag, 2008
9. Päßler, H., Heidelberg: Persönliche Mitteilung 1999
10. Strobel, M.: Arthroskopische Chirurgie Berlin: Springer Verlag, 1998
11. Michael J. Strobel, A. Weiler: Hinteres Kreuzband. Tuttlingen: Endo Press Verlag, 2008
12. Lobenhoffer, Ph.,Agneskirchner, J. D., Galla. M.: Kniegelenknahe Osteotomien. Stuttgart: Georg Thieme Verlag, 2006
13. Weiler, A.: Charité Symposium 12.9.2002
14. Bernard, M und Hertel P.: Die intraope¬rative Insertionskontrolle bei vorderen Kreuzbandplastiken. In: Unfallchirurg 1999 (99):332-340
15. Insall & Scott: Surgery of the Knee, W. Normann Scott, Vol. 1 and 2. Churchill Livingstone: Elsevier,2006
16. Eichhorn, H.-J.: Das gesunde Knie. In: Focus 2006 (46), 13.November 2006

Autor: Dr. Ullrich Gebhardt, Ambulantes Gelenkoperationszentrum Bautzen,
op-zentrum-ol@t-online.de

 
 
Quelle: Chirurgen Magazin 46 (Ausgabe 4.2010, August/September 2010)
 

Mo. 06.09.2010