Chronische Leistenschmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität bei allen
Patienten, bei Profi- und Amateursportler darüber hinaus auch die sportliche
Einsatzfähigkeit. Die Diagnostik erfordert mitunter kriminalistischen
Spürsinn und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen.
Chronische Leistenschmerzen treten bei Sportlern ebenso wie bei
Nicht-Sportlern auf. Bei Profisportler in der Australian Football League
(AFL) sind Leistenverletzungen neben Verletzungen des vorderen Kreuzbandes
der Hauptgrund, warum die Footballer nicht an Punktspielen teilnehmen [1].
Die Komplexität der Anatomie in der Leistenregion erschwert die exakte
Diagnose ebenso wie die Vielfalt der Beschwerden, die vom Patienten oft sehr
unspezifisch geschildert werden. Ursache können sowohl Veränderungen der
Muskeln oder Sehnen als auch der Knochen, Schleimbeutel, Faszien, Nerven und
Gelenke sein (siehe Tabelle).
Tabelle 1: Differentialdiagnosen des
chronischen Leistenschmerzes
· Intra-abdominelle
Erkrankungen (Aneurysma, Appendizitis, Divertikulose, entzündliche
Darmerkrankungen, Tumore)
· Urogenitale
Erkrankungen (Tumore, Harnwegsinfekt, Lymphadenitis, Prostatitis,
Hydrozele, Varicozele, Nieren- oder Harnleitersteine,
Nebenhodenentzündung, Glomeruolonephritis)
· Gynäkologische
Erkrankungen (Tumore, Ovarialzyste, Eileiterentzündung)
· Wirbelsäulenerkrankungen
(Bandscheibenerkrankung, Wurzelreizsyndrome)
· Beckenfrakturen
· Hüfterkrankungen
(Osteoarthritis, Legg-Calve-Perthes, Synovitis, Osteochondritis dissecans,
Ephyseolysis capitis femoris, Hüftkopfnekrose, Hüftarthrose)
· Hüfttrauma
(Labrumriss, Knorpelschaden, Verletzung Ligamentum teres, avaskuläre
Nekrose der Hüfte, Hüftschnappen
· Hautinfektionen
· Adduktorenzerrung,
Zerrung anderer Muskeln (Mm. adductor longus, iliopsoas, rectus femoris,
rectus abdominis, gracilis, sartorius)
· Osteitis
pubis, Symphysitis
· Femoroacetabuläres
Impingement
· Stressfrakturen
(Os pubis, Schenkelhals)
· Avulsionsfrakturen
· Iliopsoaszerrung,
-sehnenentzündung
· Iliopsoas
Bursitis
· Psoas
Abszess
· Osteomyelitis
· Lymphadenitis
· Nervenkompressionssyndrome
· Sportlerhernie
· Leisten-
oder Schenkelhernie
· Traumatische
Hernie
· Gefässerkrankungen
(Aneurysma, Varikose)
· Postoperative
Schmerzsyndrome (z.B. nach Leistenhernienoperation)
Externe von internen Ursachen
unterscheiden
Bei 27 bis 90 Prozent der Sportler kommt mehr als eine Erkrankung als
Ursache für die Schmerzen in Frage [3, 4]. Es lassen sich externe Ursachen,
wie beispielsweise Trainingsbelastung, Verletzungsrückstände oder
Bewegungseinschränkungen benachbarter Gelenke von internen Ursachen wie etwa
einer Aufbaustörung des Hüftgelenkes, schwache Bauch- und Rückenmuskulatur,
Veränderung der Beckenstatik, funktionelle Störungen oder Fehlbelastungen
unterscheiden [5].
Die Untersuchung folgt den allgemeinen Grundsätzen:
• Inspektion (Fußform, Bein- und Beckenstatik, Leistenvorwölbung, Tumor),
• funktionelle Beurteilung von Fuß-, Knie- und Hüftgelenk,
• Palpation (Lokalisierung des Schmerzes) von Leiste, Oberschenkel,
Genitalbereich, Unterbauch.
Durch die sonographische Untersuchung lassen sich Sehnenverletzungen und
direkte Hernien darstellen [6]. Die Röntgenuntersuchung (Beckenübersicht,
Hüfte) erfolgt zum Ausschluss knöcherner Verletzung oder Veränderungen und
ist möglicherweise durch Computertomographie (CT) und
Magnetresonanzomographie (MRT) zu ergänzen. Die MRT- ist der CT-Untersuchung
überlegen in der Darstellung der Muskeln und Sehnen bzw. der Darstellung der
Leistenstrukturen [7].
Bei Fußballern tritt häufig eine Ostitis pubis auf
Muskuläre Verhärtungen, Muskelzerrungen, Muskelfaserrisse und
Insertionstendinosen sind die häufigsten Ursachen von chronischen
Leistenbeschwerden bei Sportlern [8]. Neben Schäden am Hüftgelenk
(Knorpelschäden, Labrumläsionen, Frakturen, Avulsionen, Hüftkopfnekrosen
oder Dysplasien) rückt das femoroacetabuläre Impingement zunehmend in den
Vordergrund der Aufmerksamkeit [9]. Häufig ist bei Fußballern die Ostitis
pubis anzutreffen, eine meist konservativ ausheilende Erkrankung [10],
ebenso die Sportlerhernie [11]. Chirurgisch bedeutsame Ursachen sind neben
intra-abdominellen Erkrankungen und Gefäßerkrankungen vorangegangene
Operationen, Infektionen und Unfälle.
Chronischer Schmerz nach Leistenhernienoperation
Chronischer Schmerz wurde als somatisch, neuropathisch und viszeral
beschrieben. Nach einer Leistenhernienoperation wird er meist als somatisch
bezeichnet und im Bereich des ligamentären Ansatzes am Tuberculum pubicum
angegeben. Ursache kann eine Staplerbefestigung des Netzes sein [12].
Neuropathischer Schmerz wird am ehesten durch einen Schaden am N.
ilioinguinalis oder genitofemoralis verursacht. Dies kann entweder
intraoperativ oder sekundär durch ein Granulom verursacht sein [13].
Viszeraler Schmerz wird zum Beispiel als Schmerz bei der Ejakulation
beschrieben und kann durch eine Verletzung der sakralen Nerven oder durch
eine narbige Einengung des Samenstranges verursacht sein [14]. Diese
Symptome lassen sich vermeiden durch Kenntnis der Anatomie der Nerven und
durch sorgfältiges und schonendes Präparieren. Die Behandlung des
chronischen Schmerzes nach Leistenhernienoperation kann zunächst konservativ
mit Hilfe einer Nervenblockade oder – im Falle einer Therapieresistenz –
durch operative Neurolyse und Nerventeilentfernung erfolgen [15, 16].
Leistenabszess als Spätfolge einer Mesh-Implantation
Selten wird eine Infektion nach Mesh-Implantation bei einer Hernienoperation
beobachtet. Doch wenn einmal eine Infektion vorliegt, sollte sie rechtzeitig
erkannt und behandelt werden. Infektionen können nach laparoskopischen und
offenen Leistenhernienoperationen auftreten. Meist wird eine Entfernung des
Mesh angestrebt. In besonders schweren Fällen kann auch die Einlage einer
VAC-Pumpe notwendig werden [17].
Schwerwiegende Folgen traumatischer Hernien
Traumatische Bauchwandhernien haben schwerwiegende Folgen für Patienten und
Versicherungen, wenn diese Hernien nicht zum Zeitpunkt des Unfalles
diagnostiziert werden. Bei der Evaluierung unklarer Schmerzen von Hüfte,
Leiste und Wirbelsäule sollte eine unfallbedingte Veränderung der Bauchwand
ausgeschlossen werden.
Eine traumatische Bauchwandhernie kann als Folge eines Sturzes von einem
Carport mit Fraktur eines Lendenwirbelkörpers auftreten und lässt sich nur
durch MRT- oder Ultraschalluntersuchung der Bauchwand ausschließen.
Schmerzen im Unterbauch sind richtungsweisend. Eine Vorwölbung wie bei einer
normalen Leistenhernie sucht man dabei vergebens. Für die traumatische
Hernie ist charakteristisch, dass sie eben keinen Bruchsack hat [18].
Literaturliste:
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8 Hölmich P. Long standing groin pain in sportspeople falls into three
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9 Dudda M, Albers C, Mamsch TC, Werlen S, Beck M. Do normal radiographs
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Resaerch 2009;467:651-659
10 Grieser T, Schmitt H. Die Ostitis pubis – MRT als diagnostischer
Schlüssel eines klinisch unklaren, belastungsabhängigen Leistenschmerzes.
Dtsch Z Sportmed 2009;60:150-156
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systematic literature view. Br J Sports Med 2008;42:954-964
12 Cunningham J, Temple WJ, Mitchell P, et al. Cooperative hernia study:
pain in the postrepair patient. Ann Surg 1996;224:598-602
13 Callesen T, Bech K, Kehlet H. Prospective study of chronic pain after
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14 Butler JD, Hershman MJ, Leach A. Painful ejaculation after inguinal
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15 Amid PK. A 1-stage surgical treatment for post herniorraphy neuropathic
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oft he cord. Arch Surg 2002;137:100-4
16 Aroori S, Spence RAJ. Chronic pain after hernia surgery – An informed
consent issue. Ulster Med J 2007;76:136-140
17 Paton BL, Novitsky YW, Zerey M, Sing RF, Kercher KW, Heniford BT.
Management of infections of polytetrafluoroethylene-based mesh. Surg Infect
(Larchmt.) 2007;8:337-41
18 Holzheimer RG. Traumatic abdominal wall hernia diagnosed 14 years after a
bad fall with lumbar spine fracture. Eur J Med Res 2008;13: 487-92
Autor: Prof. René g. Holzheimer, niedergelassener Chirurg, Sauerlach
www.praxisklinik-sauerlach.de |