Diabetischer Fuß: Bühne frei für das alte Misstrauen zwischen Chirurg und Internist?


Traditionell wird der Chirurg bei der Behandlung eines diabetischen Fußsyndroms erst zu Rate gezogen, wenn der Fuß ganz oder teilweise amputiert werden muss. Dabei muss der chirurgische Einsatz viel früher beginnen - zum Wohle des Patienten, der interdisziplinären Kooperation und der chirurgischen Reputation.

„Wenn Du einen diabetischen Fuß hast, hüte Dich vor den Chirurgen“, so oder ähnlich lautet(e) die Parole in einschlägigen Diabetologenkreisen, angeführt von der Düsseldorfer Schule um Professor Ernst Chantelau, Diabetologe der Uniklinik Düsseldorf. In einem aktuellen Artikel [A. Risse, H.-U. Clever: Vermeidungsstrategie Majoramputation – Extremitätengefährdung durch Diabetsches Fußsyndrom (DFS). In: Wundmanagement 5.2009] prangern die Autoren zu Recht die mangelnde Kooperation der Fachgruppen und die ungesteuerte Lebenswirklichkeit der Patienten an. Sie werfen dabei speziell den chirurgischen Disziplinen in den meisten Fällen ignorantes Verhalten gegenüber den diabetologischen Erkenntnissen vor.
Was können wir Chirurgen zur Behandlung von Patienten mit diabetischem Fuß beitragen – abgesehen von der Minor- oder Majoramputation, die oft am Ende der Schicksalskette steht? Was können und sollten wir tun, die wir sehr häufig tatsächlich die diabetologische Realität unterschätzt haben und pauschal die Amputation befürworteten und durchführten?

Widerlegte Grundsätze von Stinkefuß bis Salamitaktik
Auch heute noch hängen viele operativ tätige Kollegen in Praxis und Klinik wissenschaftlich längst widerlegten Grundsätzen der Pathogenese und Therapie an (Mikroangiopathie, „Stinkefuß“, „Minoramputation ist nur Salamitaktik“). Wir verwenden diese unkritisch weiter und verschließen uns vor der gebotenen und auch für den Patienten sinnvollen interdisziplinären Zusammenarbeit mit erfahrenen Diabetologen. Das alte Misstrauen zwischen Internisten und Chirurgen scheint hier fröhliche Urstände zu feiern. Dabei ist das Gegenteil erforderlich. Eine gut geführte Diabetes-Ambulanz oder diabetologische Fußsprechstunde braucht den versierten, erfahrenen Chirurgen, der wiederum aber auch die Denkweise der Diabetologen akzeptieren und verinnerlichen muss. Naturgemäß muss er auch weiterhin für die Behandlung von katastrophalen Entwicklungen zuständig sein, die im Einzelfall trotz intensiver Betreuung eintreten.

Neue Erkenntnisse müssen sich herumsprechen
Aber unser chirurgischer Einsatz muss früher beginnen. Dies dient dem Wohl des Patienten, aber auch der kritischen Begleitung der diabetologischen Tätigkeit – und nicht zuletzt auch unserer eigenen Reputation. Welche neuen Erkenntnisse sich noch nicht bis zur Mehrheit der Allgemeinchirurgen herumgesprochen haben, möchte ich im Folgenden erläutern. Auch wenn die Gesundheitspolitik das Fachgebiet zerschlägt, ist die Innere Medizin in meinen Augen auch heute noch das Fachgebiet mit dem höchsten wissenschaftlichen Anspruch.Auch wir Chirurgen konnten und können aus diesem Fachgebiet pathophysiologisch extrem wichtige Erkenntnisse ziehen.

„Leibesinselschwund“ meint Sensibilitätsverlust des Fußes
Grundlegende Arbeiten der Diabetologen, einer Fachdisziplin der Inneren Medizin, zeigen eine völlig andere Grundlage der Entwicklung eines diabetischen Fußes. Die Neuropathie steht im Vordergrund, sie führt zu dem von Risse so gennannten „Leibesinselschwund“. Dieser der Anthropologie entlehnte Begriff sagt dem pragmatischen Chirurgen zunächst einmal nicht viel. Gemeint ist unter anderem der Sensibilitätsverlust: Der Fuß ist am weitesten entfernt vom Hirn, wird nicht mehr wahrgenommen und somit vernachlässigt. Der Chirurg sieht dann gewöhnlich das Endresultat eines diabetischen Fußes mit Malum perforans oder Nekrosen und Gangrän. Der Weichteilinfekt beginnt jedoch mit einer häufig (von allen Beteiligten) ignorierten Bagatelle, nämlich der Hyperkeratose, oder einer Minimalläsion an den Zehen.

Chirurg muss am Anfang der Behandlungskette stehen
Diabetologen behandeln in Eigenregie zwar Hyperkeratosen und Wundränder beim Malum perforans (Minimal-Debridement). Werden diese „Bagatellen“ allerdings dem Chirurgen zu lange vorenthalten, kann der tiefer gehende Infekt der Faszienlogen am der Fußsohle, das Überschreiten der Grenzmembran im Bereich von Gelenken (chronisches Empyem) oder der Mitbefall knöcherner Strukturen zu lange übersehen werden.
Daher sollte der Chirurg bereits am Anfang und nicht erst am Ende dieser Kette mit beteiligt sein. Ihm hilft sein geübtes Auge, sein Tast- und eventuell auch sein Geruchssinn, die ihm eine großzügige frühzeitige Indikationsstellung für bildgebende Verfahren ermöglichen, sprich: konventionelles Röntgen, Magnetresonanztomographie (MRT) und Szintigramm. Bei der Diagnostik kann der Chirurg sein ganzes Erfahrungsgewicht in der septischen Chirurgie einbringen. Während Gefäßchirurgen sehr häufig angiopathische Ursachen anführen, sehen Hardliner unter den Diabetologen oft überhaupt keinen Anlass, eine Makroangiopathie – das heißt eine begleitende periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) – in Betracht zu ziehen.

Dauerhaftes Ziel: Erhalt des Fußes und des ganzen Beines
Die Wahrheit dürfte, wie so oft, in der Mitte liegen: Wenn nämlich eine hämodynamisch relevante Stenose besteht, kann diese nur durch Doppler- und Duplex-Sonographie, durch konventionelle Angiographie oder heute besser durch MR-Angiographie dargestellt werden. Hieraus leiten sich die notwendigen Konsequenzen für die weitere Behandlung ab: die gefäßchirurgische Rekonstruktion neben der suffizienten diabetologischen Versorgung des Fußes selbst in enger Kooperation mit dem Diabetologen. Nur sie können zu einem dauerhaft erfolgreichen Ziel führen, nämlich dem Erhalt des Fußes und des Beines.

Erfolg mit tief cruralen und pedalen Bypass-Operationen
Aus Sicht des erfahrenen Gefäßchirurgen sind selbst weit peripher gelegene Verschlüsse kein grundsätzliches Hindernis. Längst nicht allen in gefäßchirurgischen Abteilungen, wohl aber in spezialisierten Einrichtungen ist man sehr erfolgreich mit tief cruralen und pedalen Bypass-Operationen.
Manch diabetischer Fuß konnte so vor höheren Amputationen bewahrt werden. Die neueren MRT-Spulen speziell für die untere Extremität liefern hier wertvolle Anhaltspunkte für die Machbarkeit eines Bypass.
Auf der anderen Seite steht die Forderung der Diabetologen nach „absoluter Ruhe“ für den diabetischen Fuß. Dem Chirurgen widerstrebt natürlich eine wochenlange Bettruhe. So haben neuere Entwicklungen der Orthesentechnik hervorragende Entlastungsorthesen hervorgebracht. Aus dem angloamerikanischen Raum kommt zunehmend auch bei uns der „Total Contact Cast“ (TCC) zum Einsatz.

Orthesen-Anpassung an Fachpersonal delegieren
Auch hier wieder überraschend für den Chirurgen, der (früher) noch selbst gegipst hat: Die Anpassung, Anlage und Kontrolle – sowie auch die Verantwortung – übernimmt heute er diabetologisch versierte Orthopädie-Schuhmacher, der per Rezept damit beauftragt und von den Kassen auch bezahlt wird. Mit ihm haben wir hier einen weiteren Mitspieler bei der Therapie des diabetischen Fußsyndroms.
Das den Patienten betreuende Team wird dann noch komplettiert durch den Pflegedienst, denn die entsprechenden chronischen Wunden sind in den allermeisten Fällen im häuslichen Umfeld, jedoch nicht von Laien zu behandeln. Unsere Aufgabe ist es, den Pflegenden den korrekten Verbandswechsel beizubringen und das Auge für sich anbahnende Komplikationen zu schulen.

Pflegedienst braucht Hilfe im Umgang mit der V.A.C.
Sollte tatsächlich einmal eine Vakuumtherapie (V.A.C.) genehmigt werden, die in vielen Fällen wie beispielsweise nach Teilamputationen sinnvoll ist, benötigen wir einen einschlägig geschulten und erfahrenen Pflegedienst zur regelmäßigen Neuanlage der V.A.C. Es zeichnet sich also ab, dass beim diabetischen Fuß zunehmend das Team von Behandlern gefragt ist. Man sollte es nicht dem Zufall überlassen, wer gerade als Einzelkämpfer den diabetischen Fuß behandelt. Erst das Zusammenspiel der Experten kann zum Ziel des Erhalts der Extremität führen. In der Onkologie etwa ist eine vergleichbare Teamarbeit bereits Standard!

Interdisziplinäre Sprechstunde ist äußerst sinnvoll
Der niedergelassene Chirurg kann innerhalb dieses Behandlungsteams eine ganz zentrale Rolle einnehmen. Debridements unter chirurgischen Kautelen sind Bestandteil des ambulanten Operierens. Röntgenaufnahmen und auch die oben genannten weitergehenden Maßnahmen sind ambulant zu leisten.
Wo es die Zeit erlaubt, ist die interdisziplinäre und gegebenenfalls auch interprofessionelle Sprechstunde äußerst sinnvoll. So haben wir in Hamburg-Harburg in den vergangenen Jahren eine sehr erfolgreiche Sprechstunde für Patienten mit diabetischem Fußsyndrom an der Helios Mariahilf Klinik etabliert.
Zwei der größten Asklepios-Kliniken in Hamburg haben spezielle gefäßchirurgische Abteilungen, die eng mit den an der Klinik oder ambulant tätigen Diabetologen kooperieren und in ihren jeweiligen Wundzentren und -ambulanzen ebenfalls regelmäßige Sprechstunden mit den beteiligten ärztlichen und anderen medizinischen Fachgruppen anbieten.

Chirurgen unterstützen die Arbeit der Diabetologen
Das Praxisnetz Süderelbe (PNS) und das Wundzentrum Hamburg e.V. haben zusammen eine Gruppe initiiert, die an der Helios Mariahilf Klinik ambulant arbeitet und jederzeit auf die entsprechend ausgerichteten Abteilungen des Hauses zugreifen kann. Die Zusammenarbeit hat gezeigt, dass hier sämtliche am Ort tätigen niedergelassenen Chirurgen die umfassende Tätigkeit der Diabetologen sinnvoll unterstützen und ergänzen. Für einen niedergelassenen Chirurgen können die Diabetologie und die Behandlung von Patienten mit diabetischem Fuß ein wichtiger Mosaikstein im Angebot der Praxis sein, gerade auch unter den zukünftigen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. In funktionierende interdisziplinäre und interprofessionelle Kooperationen können wir unser ganzes Facharztwissen und Engagement einbringen. Diese Chance sollte auch berufspolitisch genutzt werden.

Interdisziplinäre Sprechstunde ist äußerst sinnvoll
So scheint es denkbar, dass der Chirurg, der in einer von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zertifizierten „Diabetologischen Fußambulanz“ fest eingebunden ist, künftig auch in entsprechende Disease Management Programme (DMP) eingebunden wird. Im Rahmen von Modellen zur Integrierten Versorgung (IV) wie etwa den IV-Verträgen mit Barmer und Techniker Krankenkasse in Hamburg oder bei den IV-Verträgen der Vertragsarbeitsgemeinschaft Nord der BKKen sind Chirurgen grundsätzlich bei der Behandlung des diabetischen Fußes mit von der Partie. Es gibt noch viel zu tun – aber es kann sich in jeder Hinsicht auch lohnen, als niedergelassener Chirurg neu über den Patienten mit diabetischem Fuß nachzudenken.

Autor: Dr. Elmar Schäfer, niedergelassener Chirurg aus Hamburg, stellvertretender Vorsitzender des Wundzentrums Hamburg e.V.

 
 
Quelle: Chirurgen Magazin 41 (Heft 5.2009, Oktober/November 2009)
 

Mi. 21.10.2009