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In der Behandlung chronischer Wunden werden häufig die zugrundeliegenden
Prinzipien des modernen Wundmanagements missachtet. Angesichts steigender
Fallzahlen, einer schwierigen Versorgungslage und inadäquater Vergütung gilt
es, die Patienten möglichst strukturiert und effizient zu behandeln.
Zur Behandlung chronischer Wunden gehört immer auch die Analyse und Therapie
der lokalen und systemischen Faktoren, die zu dieser Wundheilungsstörung
geführt haben. Aufgabe des Wundbehandlers ist es, die Differenzialdiagnostik
(zum Beispiel Duplex, Angiographie, Labor, Abstrich, Biopsie) und die
Therapie der Grunderkrankung (Diabetes mellitus, pAVK) zu koordinieren.
Wichtig ist eine persönliche Absprache der behandelnden Ärzte über das
weitere Vorgehen, um Synergien zu nutzen und Parallelbehandlungen
auszuschließen. Selbstverständlich müssen auch die Patienten und Angehörigen
in die Behandlung mit einbezogen werden.
Verständnis für Zusammenhänge verbessert Compliance
Oft sind es scheinbare „Banalitäten“, die zu einer verzögerten Wundheilung
führen können: So müssen die Patienten und ihre Angehörigen erst den
Zusammenhang zwischen einer unzureichenden Druckentlastung, dem Vermeiden
des Tragens von Kompressionsstrümpfen und einer Verzögerung der Wundheilung
verstehen. Nur so lässt sich eine bessere Compliance erzielen. Exemplarisch
seien folgende flankierende Maßnahmen erwähnt:
Raucherentwöhnung verbessert die Wundheilung
Abgesehen von der nikotinbedingten Ausbildung einer arteriellen
Verschlusskrankheit (AVK) mit den entsprechenden Komplikationen finden wir
bei Rauchern deutlich häufiger Wundheilungsstörungen.
Dies liegt an der verminderten Zahl und Güte der Fibroblasten und
immunkompetenten Makrophagen sowie der rauchinduzierten Gewebe-Ischämie:
Hieraus resultiert etwa ein durchschnittlich um zwei bis drei Tage
verlängerter stationärer postoperativer Aufenthalt bei Rauchern. Deshalb
muss der Behandler den Patienten zu einer Nikotinentwöhnung anhalten – auch
wenn sie unzureichend vergütet wird und oft auf den Widerstand der Patienten
stößt.
Konsequente Druckentlastung ist das A und O
Durch die Druckbelastung etwa bei bettlägerigen Patienten kommt es zu einer
lokalen Gewebe-Ischämie und Scherkräften und damit der Entstehung von
Dekubitalgeschwüren. Aus diesem Grund ist bei bettlägerigen Patienten auf
eine konsequente Druckentlastung zu achten. Ein besonderes Problem sind
junge Rollstuhlfahrer, die auf ihre Mobilität nicht verzichten wollen und
dabei wiederholt Dekubitalulzerationen entwickeln. iabetische Fußulzera
benötigen zur Abheilung die konsequenten Entlastung, sonst kann auch eine
noch so gute Wundauflage keine Heilung herbeiführen.
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Wundheilung: Lokale und systemische
Einflussgrößen
Lokale Einflussgrößen
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Lokalisation, Größe und
Tiefe der Wunde
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Mechanische Belastung
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Bakterielle Besiedlung
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Temperatur
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Feuchtigkeitsbalance
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Nährstoff- und
Sauerstoffangebot
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Nekrosen, Fibrinbeläge
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Zustand der Wundränder
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Bisherige Lokaltherapie
Systemische Einflussgrößen
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Lebensalter
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Begleiterkrankungen
und Immunstatus
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Durchblutung
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Ernährungsstatus
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Mobilität und Scherkräfte
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Blutzuckerwerte und
Medikamente
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Psyche
Analyse der Medikamente
und Prüfung des Bedarfs
Medikamente wie Clucocorticoide, Zytostatika, Immunsuppresiva, Marcumar und
nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) können die Wundheilung stören. Eine
Prüfung der Indikation ist unerlässlich, bei Bedarf sollte die jeweilige
Dosierung vorübergehend reduziert werden. Um den Patienten nicht zu
gefährden, sollte dies in enger Absprache der behandelnden Ärzte erfolgen.
Eine Mangelernährung mindert das Unterhautfettgewebe. Dies begünstigt das
Entstehen von Drucknekrosen, außerdem verhindert eine ausreichende
Kalorienzufuhr, dass Strukturproteine zur Energiegewinnung herangezogen
werden.
Wundpatienten brauchen nährstoffreiche Ernährung
Die Patienten haben einen erhöhten Eiweißbedarf aufgrund der anabolen
Stoffwechsellage bei Proliferation und Gewebsneubildung sowie durch den
Proteinverlust über das Wundsekret. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung
(DGE) nennt einen Bedarf von 0,8 g pro kg Körpergewicht für gesunde
Personen. Der Proteinbedarf ist bei bei Wundpatienten mit 1,0 bis 1,5 g pro
kg Körpergewicht erhöht. Vitamine sind Kofaktoren für Enzyme, die an der
Wundheilung beteiligt sind: insbesondere bei der Bildung von
Strukturproteinen wie Kollagen (Vitamin C und B), aber auch bei der
Stimulation der Immunreaktion (Vitamin A und K). Eisen erhöht die Stabilität
von Kollagen durch Beteiligung an der Hydroxilierung von Prolin und Lysin.
Zink ist ein Kofaktor von Enzymen, die in der Biosynthese von
Ribonukleinsäure (RNA), Desosyribonukleinsäuse (DNS) und Proteinen
involviert sind. Bei den essentiellen Aminosäuren sind insbesondere
Methionin, Cystin und Arginin an der Kollagensynthese beteiligt. Für die
Praxis bedeutet dies, dass der Wundbehandler auf eine ausreichende Protein-
und Energiezufuhr achten und Flüssigkeitsverluste (etwa durch Wundsekrete)
ausgleichen muss. Die Gabe von Multivitaminpräparaten ist eine weitere
pragmatische Lösung.
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Ernährung: Auswirkungen eines Proteinmangels
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Verlängerte Entzündungsphase
mit erhöhter Infektanfälligkeit der Wunde
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Verminderte Kollagensynthese
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Reduzierte
Fibroblastenaktivität
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Reduzierte Angioneogenese
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Verzögertes Remodelling
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Reduzierte mechanische
Stabilität
der Wunde
Neben der Behandlung der
zugrundeliegenden Störungen, muss der Wundbehandler sich der lokalen
Wundbehandlung widmen. Das Debridement ist ein entscheidender Bestandteil
dieser Behandlung.
Debridement entsprechend der lokalen Gegebenheiten
Dabei hängt es unter anderem von den lokalen Gegebenheiten ab –
Wundsituation, Patientenmitarbeit, Erfahrung und technische Ausrüstung des
Behandlers –, ob das Debridement chirurgisch, autolytisch, enzymatisch oder
biologisch durchgeführt wird. Dennoch ist es leider immer wieder zu erleben,
dass eine moderne Wundauflage liebevoll auf einer festen Nekroseplatte
fixiert wird. Dabei begünstigen Nekrosen und insbesondere Fibrinbeläge
(„Biofilm“) das Entstehen von Infektionen als schwerster Komplikation der
fehlenden Wundheilung mit dem drohenden Verlust einer Extremität oder gar
letalen Folgen. Sie verschlechtern die nutritive Situation im Wundgebiet und
bilden ein pathologisches Wundmilieu mit durch Proteasen inaktivierten
Proteinen. Nekrotoxine wirken mitose- und migrationshemmend, bei größeren
Mengen nekrotischen oder fibrinösen Gewebes verlängert sich die
Entzündungsphase, und Wundreinigung sowie Wundheilungsprozesse stagnieren.
Das Debridement wiederum schafft logischerweise überhaupt erst die
Voraussetzungen um eine Wunde zur Abheilung zu bringen. Das chirurgische
Debridement mit dem Skalpell, dem scharfen Löffel oder der Kürette gehört
zur Initialbehandlung einer jeden chronischen Wunde, insbesondere beim
Vorliegen von Infekten oder Nekroseplatten. In meiner Erfahrung entwickelt
sich dadurch eine „Beziehung“ zu der Wunde, die für die weitere Behandlung
entscheidende Informationen gibt.
Das Debridieren ist eine ärztliche Aufgabe, die jedoch delegiert werden
darf, wenn sich der verantwortliche Arzt von der „materiellen Qualifikation“
(sprich: der tatsächlichen und nicht nur der formalen Qualifikation) des
Behandlers überzeugt hat. In praxi ist dies jedoch kaum umzusetzen.
Feuchte Wundbehandlung löst Nekrosen und Beläge
Als begleitende Maßnahme hat sich das autolytische Debridement etabliert.
Hierunter versteht man das Aufweichen und Ablösen von Nekrosen und
Wundbelägen durch feuchte Wundbehandlung mit Hilfe hydroaktiver Wundauflagen
(Alginate, Hydrokolloide, Schäume, Gele). Durch das Schaffen und den Erhalt
eines feuchten Wundmilieus werden die natürlichen Wundreinigungsmechanismen
unterstützt, Beläge verflüssigt und damit dem chirurgischen Debridement
leichter zugänglich gemacht. Je nach Wundstadium werden unterschiedliche
Materialien verwendet, um das feuchte Wundmilieu aufrechtzuerhalten. Es
würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, die vielen unterschiedlichen
Wundauflagen zu benennen. Es ist auch nicht so wichtig, jeden Trend auf dem
Markt mitzumachen. Vielmehr sollte man sich mit einigen Materialien gut
auskennen und diese auch gezielt anwenden können. Vorteil des autolytischen
Debridements ist die selektive, zellschonende, nebenwirkungsfreie und wenig
schmerzhafte Behandlung, die sehr gut ambulant durchführbar ist. Das
physiologische Wundsekret stimuliert die Granulation. Nachteile der Methode
sind die benötigte Zeitspanne, das damit verbundene Infektionsrisiko und die
nicht vorhersehbare Effektivität. Die Versorgung mit den unterschiedlichen
Wundauflagen hat sich als Domäne der Pflegedienste etabliert. In der Praxis
handhaben wir es so, dass die Patienten von den Pflegediensten betreut und
in regelmäßigen Abständen bei mir vorgestellt werden. Dieses Vorgehen hat
sich als sehr zweckmäßig und gut herausgestellt.
Enzymatisches Debridement als Methode der 2. Wahl
Das enzymatische Debridement durch hydrolysierende und proteolytische Enzyme
ist eine Methode der zweiten Wahl, da die Enzyme auch gesundes Gewebe reizen
und durch Resoption von Purinen Fieber auslösen können. Zudem müssen bei
dieser Methode lange und teuere Behandlungszeiten in Kauf genommen werden,
hinzu kommen tägliche Verbandswechsel. Ebenfalls in die Hand von erfahrenen
Wundbehandlern gehört die Behandlung durch biologisches Debridement mit
Maden (Lucilia serratia), die bei richtiger Indikation eine ausgezeichnete
Wirkung entfalten durch
• Sekretion antibakterieller Wirkstoffe,
• Abtöten von Bakterien durch Verdauung,
• Alkalisierung des Wundmilieus,
• Sekretion heilungsfördenden Allantoins, Harnstoffs, Ammoniumcarbonats,
• Steigerung der Sekretproduktion der Wunde (Auswascheffekt),
• biochemische Stimulation der Fibroblastenmigration und
• mechanische Stimulation der Gewebeneubildung.
Die Behandlung von chronischen Wunden ist eine sehr komplexe ärztliche
Aufgabe, die mit der notwendigen Sorgfalt und Hingabe erfolgen muss. Dann
ist es eine sehr dankbare Möglichkeit, Patienten wieder zu ihrem normalen
Lebensalltag zu verhelfen.
Kasuistik 1: Wundheilung trotz schlechter Ausgangslage
Eine 38-jährige Patientin kam in unsere Praxis mit einer zirka acht mal
sechs Zentimeter großen veralteten Wunde an der rechten Wade lateral, mit
Rötung und Schwellung des gesamten Unterschenkels. Sie berichtete, dass ihr
damaliger Lebensgefährte sie drei Wochen zuvor an den Beinen durch die
Wohnung gezogen hätte.
Es fand sich die oben beschriebene Decollementwunde mit mehreren sich
ungünstig verstärkenden Faktoren:
• Quetschwunde bei häuslicher Auseinandersetzung (instabiles soziales
Milieu),
• Unfalltag 6. September 2008 (veraltete Wunde ohne adäquate Vorbehandlung),
• Compliance schlecht
(Aversion gegen Ärzte sowie Unwissenheit),
• Diabetes Mellitus (Stoffwechselerkrankung mit erhöhter
Wundkomplikationsrate),
• Nikotinabusus (nachgewiesen negativer Einfluss auf die Wundheilung).
Bei der Patientin habe ich zunächst das chirurgische Debridement mit
Skalpell und scharfem Löffel durchgeführt, um die zwei Zentimeter dicke
Nekroseplatte abzutragen. Darunter fand sich ein altes infiziertes Hämatom
mit tiefen Wundtaschen und lokalem Infekt. Es erfolgten zunächst tägliche
Verbandswechsel mit Wundsäuberungen, Octenidinspülungen, Antibiotikagabe,
sowie die stadienadaptierte Wundbehandlung nach dem jeweiligen Debridement.
Im Behandlungsverlauf kam es zu einer guten Wundsäuberung und Granulation,
so dass nach vier Wochen Vorbehandlung eine Reverdin-Hauttransplantation
möglich wurde, die auch komplikationslos einheilte.
Reverdin-Hautransplantate haben den großen Vorteil, dass die Granulation und
Epithelialisierung durch die Hautinseln sehr stark angeregt wird. Die
Methode ist ohne technischen Aufwand und in Lokalanästhesie durchführbar.
Die Patientin hatte den Nikotinkonsum eingeschränkt, kam sehr zuverlässig
zur Behandlung in die Praxis und hatte sich von ihrem „Partner“ getrennt.
Entsprechend vielversprechend sah auch das vorläufige Behandlungsergebnis
aus.
Kasuistik 2: Häufige Situation in der chirurgischen Praxis
Der 82-jährige Patient kam nach einer Hüftgelenks-Totalendoprothese (HTEP)
und entsprechender Immobilisation in unsere Praxis. Die Untersuchung ergab,
dass sich eine Fersendrucknekrose gebildet hatte, die drei Monate nicht
adäquat therapiert wurde und inzwischen bis auf den Calcaneus reichte.
Nach dem anfänglich engmaschigen chirurgischen Debridement erfolgte die
Behandlung mit Alginat-Tamponaden und einem PU-Schaumverband in den
Intervallen zwischen den weiteren Debridements. Der aktuelle Befund zeigt
einen sauberen und gut granulierenden Wundgrund.
Autorin: Dr. Verena Fritzsche, niedergelassene Chirurgin aus
Karlsruhe, 15 Jahre an einem Klinikum der Maximalversorgung beschäftigt,
dort Projektleiterin „Wundmanagement“. Seit 1. Januar 2009 niedergelassene
Chirurgin. Dozentin und Moderatorin von Seminaren zum modernen Wundmangement
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