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Eine erfolgreiche Wundbehandlung basiert auf der korrekten Diagnose, dem
phasengerechten Einsatz geeigneter Wundauflagen, der kompetenten
chirurgischen Therapie - und der interdisziplinären sowie
interprofessionellen Zusammenarbeit. Eine solche Kooperation gelingt im
Hamburger Wundnetz bereits seit 2001.
Bereits 1962 etablierte Winter [Winter GD, Scales JT: Effect of air drying
and dressings on the surface of a wound. Nature 1963 Jan 5; 197: 91-2] den
Begriff der „feuchten Wundbehandlung“, der allmählich einen
Paradigmenwechsel weg vom „Austrocknen, Trockenlegen, Gerben“ einleitete.
Jahrhundertelang war es ärztliches Ziel gewesen, schwärende Wunden mit
welchen Maßnahmen auch immer zum Trocknen zu bringen. Erst allmählich setzte
sich nach der Erkenntnis Winters der Gedanke der „modernen Wundbehandlung“
durch. Dennoch gibt es auch heute noch Situationen und Verhaltensweisen, die
hiervon scheinbar unberührt sind.
Nach fast 50 Jahren immer noch modern und neu
So nimmt es nicht Wunder, dass auch heute – nahezu 50 Jahre nach Winters
Arbeiten – der Begriff „moderne Wundversorgung“ von allen Beteiligten
verwendet wird, als handele es sich hierbei um ein ganz neues und
bahnbrechendes Konzept. Sieht man einmal von dem leidigen Thema der
Genehmigung der ambulanten Vakuumtherapie ab, zollen auch Krankenkassen und
Gesundheitspolitiker diesen Erkenntnissen ihre Anerkennung und fördern sie
durchaus. Leider aber sind chronische Wunden bei manchen Entscheidern in der
realen Medizin, im medizinischen Alltag der Klinik und der Praxis ein
unbeliebtes Thema. Ein Grund mag sein, dass es „den Wundarzt“ schlechthin
nicht gibt (auch nicht in anderen Ländern oder Gesundheitssystemen), sondern
bereits auf ärztlicher Seite viele Fakultäten beteiligt sind.
Pflegedienste weisen den Weg zum Wundspezialisten
So dürfte in den allermeisten Fällen zunächst der Hausarzt mit dem Problem
konfrontiert sein. Der Weg bis zum Phlebologen, Diabetologen, Dermatologen,
Chirurgen oder einem anderen ärztlichen Wundspezialisten ist dann oft noch
weit. Oft geht die Initiative von ambulanten Pflegediensten und stationären
Pflegeeinrichtungen aus, wenn die Wunde stagniert, eine vermehrte Exsudation
oder gar Infektion aufweist oder die Wundversorgung nicht adäquat erscheint.
Phasengerechte Wundbehandlung einleiten
Erste ärztliche Pflicht ist es, zunächst eine richtige Diagnose zu stellen,
also etwa venöse und arterielle Ulzera zu differenzieren, beim diabetischen
Fuß unter Umständen eine zusätzliche periphere arterielle
Verschlusskrankheit (pAVK) auszuschließen oder entsprechend zu behandeln.
Parallel dazu muss die phasengerechte Wundbehandlung eingeleitet werden,
basierend auf der jeweiligen Erfahrung des Verordners. Die Wahl der
geeigneten Wundauflage ist angesichts der Fülle von zum Teil hervorragenden
Produkten auf dem Markt nicht leicht. Sie ersetzt auch nicht den
entscheidenden Akt der chirurgischen Wundbehandlung, des Debridements oder
anderer operativer Massnahmen bis in zum Gefäß-Bypass. Insofern ist – bei
aller Wertschätzung der Tätigkeit und des Wissensstandes von Wundtherapeuten
und Pflegekräften – zuallererst der Arzt gefordert, die Wunde zu untersuchen
und behandeln.
Es darf nicht zu viel Kunterbuntes geschehen
Ferner gilt es zu vermeiden, dass durch lokale Übertherapie – sei es in
guter Absicht oder interessengesteuert durch Homecare-Anbieter und
-Verkäufer allzuviel Kunterbuntes an der Wunde geschieht, mit drei oder mehr
verschiedenen Wundauflagen gleichzeitig, Wundfüllern und sonstigen
eigentlich guten und sinnvollen Maßnahmen. Wir sind dem Sparsamkeitsprinzip
verpflichtet – viel hilft meist eben nicht viel – zumindest hilft es nicht
besser als weniges, das dafür aber richtig ausgewählt wurde. Ein
ordentliches chirurgisches Debridement ist besser (und nahezu immer
durchführbar) als wochenlange Wundspülungen, womöglich sogar in
Unterminierungen und Fistelungen. Ein Debridement ist auch effektiver als
das Einbringen von Alginaten und anderen Substanzen mit anschließender
Abdeckung durch einen Schaumstoffverband, gern auch „Burger-Verband“
genannt. Ein Schaumstoffverband kann seine Wirkung nur enfalten und die
Granulation anregen, wenn die Wunde nicht bereits mit diversen wirksamen
Substanzen angefüllt ist.
Chancen nicht durch inflationäre Anwendung verspielen
Über der Wundeinlage genügt ein gut saugender Kompressionsverband aus
absorbierendem Material, bei stark exsudierenden Wunden gegebenenfalls noch
ein Superabsorber. Wir dürfen die Chancen der modernen Wundauflagen und
insbesondere ihre Erstattungsfähigkeit nicht durch kritiklose inflationäre
Anwendung aufs Spiel setzen. Kein System der modernen Wundbehandlung ist
tatsächlich evidenzbasiert, das beste Beispiel sind die Probleme bei der
ambulanten Vakuumversiegelung. Die Behandlung von Wunden ist anno 2009 keine
originär ärztliche (und auch keine alleinige pflegerische) Kunst. Vielmehr
liegt der Schlüssel in der Kombination ärztlichen Fachwissens und der
erfahrenen Wundpflege der ausführenden Fachkräfte sowie im Umgang
miteinander auf Augenhöhe. Wo dies nicht der Fall ist, gibt es meist
Probleme in der Kommunikation, was die Versorgungsqualität und letztlich
auch den Erfolg beeinträchtigt.
300 Mitglieder aus Hamburg und der näheren Umgebung
Eine derart beinahe ideal vernetzte Struktur ist das „Wundzentrum Hamburg
e.V.“. Dieses „virtuelle Zentrum“ wurde Ende 2001 gegründet und umfasst
mittlerweile über 300 Mitglieder aus Hamburg und Umgebung. Dies sind zum
einen Kliniken der Spitzenversorgung wie die Universitätsklinik Eppendorf (UKE)
mit Professor Matthias Augustin und das Asklepios Westklinikum Rissen, aus
dessen Reihen der langjährige 1. Vorsitzende Chefarzt Dr. Wolfgang Tigges
stammt. Daneben aber auch andere an der Wundversorgung beteiligte Kliniken,
zahlreiche Arztpraxen, Pflegedienste und stationäre Pflegeeinrichtungen,
Orthopädietechniker und Orthopädieschuhmacher und Apotheker (Deutschlands
wohl bekanntester Wundapotheker Werner Sellmer ist Schatzmeister des
Vereins).
Das Netz erstellt Standards und macht sie öffentlich
Auch zahlreiche Krankenschwestern und Pflegekräfte aus der Basisversorgung
sind aktive Mitglieder und leisten wertvolle Beiträge bei der Ausgestaltung
des bundesweit bislang einmaligen Projekts. Das Netz hat zahlreiche
Standards der Wundversorgung erstellt, auf der Homepage veröffentlicht und
somit jedermann zugänglich gemacht. Als Mitgründer und langjähriger 2.
Vorsitzende vertrete ich die niedergelassenen Ärzte im Vorstand, darunter
speziell die Interessen der chirurgischen Fächer im ambulanten Bereich und
an der Schnittstelle zur Klinik. Schließlich ist mit Kerstin Protz auch eine
der bekanntesten Wundexpertinnen im Vorstand tätig.
Enge Zusammenarbeit und Diskussionen auf Augenhöhe
Der Verein schöpft seine Kraft aus den zahlreichen aktiven Mitgliedern und
dem strikten Umgang „auf Augenhöhe“. Hier wird Interdisziplinarität und
Interprofessionalität gelebt und gearbeitet. Eine entsprechend besetzte
Gruppe innerhalb des Vereins trifft sich regelmäßig zur Überarbeitung der
Standards, im Beirat werden intensiv Fragen von Aus-,Fort- und Weiterbildung
sowie zahlreiche weitere Themen erörtert, ferner gibt ein Expertengremium
gerne Antworten auf kritische Fragen rund um die Behandlung chronischer
Wunden. Den Kontakt halten die Mitglieder bei Veranstaltungen und über das
Internet. Anfragen können zum Beispiel per E-Mail gestellt werden.
Zahl der Industriepartner gewährt Unabhängigkeit
Bei alledem ist auch die Mitarbeit der Industrie erwünscht, da ohne ihre
Beteiligung die regelmäßigen Mitgliederversammlungen und Workshops nicht
möglich wären. Die Tatsache, dass nahezu alle am deutschen Markt tätigen
Firmen das Wundzentrum fördern, garantiert gleichzeitig die Neutralität des
Vereins. Erfreulicherweise akzeptieren die beteiligten Industriefirmen und
ihre qualifizierten Mitarbeiter vor Ort dies von Vornherein.
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Workshop: Erstmals auch mit
Patientenbeteiligung
Am 28. August 2009 fand erneut
ein Workshop statt, in den ehrwürdigen Räumen der Hamburger
Handwerkskammer. Erstmals waren Patienten eingeladen, die durch Presse und
Fernsehen auf die Veranstaltung aufmerksam geworden waren. Sie kamen
reichlich, informierten sich über die aktuellen Möglichkeiten einer
modernen Wundversorgung und beteiligten sich rege an den Diskussionen.
Wenn auch als Ergebnis einer
Versorgungsstudie der Universität Hamburg festgestellt werden konnte, dass
die Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden in Hamburg
überdurchschnittlich gut gewährleistet ist, bleibt doch noch ein großer
Handlungsbedarf. Der Verein Wundzentrum Hamburg e.V. hat sich die
Verbreitung der Kenntnisse über die moderne Wundversorgung zum Ziel
gesetzt.
Wichtig hierbei sind kritische
offene Augen für Neuerungen, das flexible Anpassen der Standards an neue
gesicherte Erkenntnisse und der respektvolle Umgang der Akteure
untereinander – eben interprofessionell und interdisziplinär, oder anders
ausgedrückt: im Rahmen einer gut funktionierenden vernetzten Struktur.
Autor: Dr. Elmar Schäfer,
niedergelassener Chirurg aus Hamburg, stellvertretender Vorsitzender des
Wundzentrums Hamburg e.V. |