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Die evidenzbasierten Empfehlungen der European Hernia Society (EHS)
berücksichtigen relevante Literatur bis einschließlich Mai 2008 und gelten
bis Ende 2011. Die Leitlinien geben Chirurgen Orientierung bei der Anamnese,
klinischen Untersuchung, Differenzialdiagnostik, Diagnose und Behandlung von
Leistenhernien.
1.900 Chirurgen aus aller Welt besuchten vom 9. bis 12. September 2009 den
4. gemeinsamen Jahreskongress der American Hernia Society (AHS) und der
European Hernia Society (EHS) in Berlin – unter anderem, um sich über
nationale Hernienregister, verschiedene Ansätze zur Klassifizierung von
Hernien und die neuen EHS-Leitlinien zur Behandlung von Leistenbrüchen zu
informieren.
Pünktlich zum Kongress lagen nach jahrelanger Literaturrecherche und
Diskussion endlich auch die ersten evidenzbasierten EHS-Leitlinien zur
Behandlung von Leistenbrüchen beim Erwachsenen vor – gedruckt in Buchform
ebenso wie online als pdf-Datei.
Leitlinien haben merklichen Einfluss auf die Versorgung
Die EHS-Leitlinien basieren auf den entsprechenden nationalen Empfehlungen
aus den Niederlanden aus dem Jahr 2002. Wie der Chirurg Dr. MP Simons vom
Onze Lieve Vrouwe Gasthuis in Amsterdam berichtete, hatten die Leitlinien
bereits merklichen Einfluss auf die favorisierten Operationsmethoden und
auch die -ergebnisse seiner Kollegen. So stieg der Anteil von
Lichtenstein-Operationen an den Kliniken, welche die Leitlinien
mitentwickelt und getestet hatten, von 40,2 in 1994 auf 81,5 Prozent im
Jahre 2004 an. Auch der Anteil ambulanter Eingriffe erhöhte sich von 14,7
Prozent im Jahre 1998 auf 65,2 Prozent im Jahre 2004 [Aufenacker et al.,
2009].
Mehr Netzplastiken nach Lichtenstein als vor 2002
Eine weitere Erhebung an 70 Prozent der niederländischen Krankenhäusern
spricht ebenfalls für einen deutlichen Effekt der Leitlinien: Während vor
Publikation der Leitlinien in 78,8 Prozent der Fälle ein Netz implantiert
wurde, lag der Anteil zwischen 2002 und 2005 bei 95,9 Prozent. Der Anteil
von Lichtenstein-Operationen stieg gleichzeitig von 40,2 auf 58,0 Prozent.
„Beide Studien deuten darauf hin, dass die Leitlinien mit hoher
Wahrscheinlichkeit Einfluss auf die Hernienchirurgie hatten“, erklärte
Simons. Die Erfahrungen mit den niederländischen Leitlinien sollen nun auf
europäischer Ebene genutzt werden.
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Tab. 1: Leistenhernien:
Anamnese und Diagnostik nach den EHS-Leitlinien
Anamnese
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Schwellung in der Leistenregion links
und/oder rechts?
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Art der Beschwerden (insbesondere Schmerz)?
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Beschwerden seit wann?
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Reponibler Bruch?
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Symptome für eine Inkarzeration?
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Voroperationen an der Leiste?
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Begünstigende Faktoren wie Rauchen,
chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Aortenaneurysma im
Bauchraum, schweres Heben am Arbeitsplatz, familiäre Prädisposition,
vorangegangene Appendektomie oder Prostatektomie, Bauchfelldialyse)?
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Schwellung oberhalb des Leistenbandes
abtasten
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Operationsnarben in der Leistenregion
dokumentieren
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Gegenüberliegende Leiste abtasten
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Symptome für eine Inkarzeration erfassen
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Ist der Bruch reponibel?
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Hoden abtasten
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Untersuchung auf Ascites
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Rektale Untersuchung
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Differenzialdiagnostik der Schwellung
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Femoral- oder Leistenhernie?
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Vergrößerte Lymphknoten?
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Aneurysma der Saphena varix?
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Weichteiltumor?
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Abszess?
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Anomalien im Genitalbereich?
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Differenzialdiagnostik des Leistenschmerzes
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Tendinitis des Adduktor?
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Osteitis pubis?
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Hüftgelenksarthrose?
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Ausstrahlender Schmerz im
Lendenwirbelbereich?
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Entzündung der Bursa iliopectinea?
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Bei Frauen: Schenkelhernie? Endometriose?
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Klinische Untersuchung
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Nur selten erforderlich: Ultraschall,
Magnetresonanztomographie (MRI), Herniographie
Tab. 2: Leistenhernien:
Behandlung und Operationsmethoden nach den EHS-Leitlinien
Behandlung
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Bei Männern mit asymptomatischen oder
minimal symptomatischen Leistenhernien kann eine konservative Therapie
erwogen werden.
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Bei inkarzerierten Hernien ohne Symptome
einer Strangulation kann der Chirurg versuchen, die Hernie zu
reponieren.
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Bei inkarzerierten strangulierten Hernien
sofortige Notoperation.
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Bei symptomatischen Leistenhernien geplante
Operation.
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Bei Frauen: Schenkelhernie erwägen,
preperitonealen endoskopischen Zugang erwägen.
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Operationstechnik beim erwachsenen Mann
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Einseitige Primärhernie: Netzplastik nach
Lichtenstein, alternativ bei entsprechender Expertise auch endoskopische
Netzplastik (TEP).
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Beidseitige Primärhernie: Netzplastik nach
Lichtenstein oder endoskopische Netzplastik (TEP).
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Rezidivhernie: Netzplastik. Anpassung der
Technik entsprechend der vorangegangenen Operation. Bei Voroperation mit
anteriorem Zugang: offene preperitoneale Netzplastik oder endoskopische
Netzplastik (TEP). Bei Voroperation mit posteriorem Zugang: anteriore
Netzplastik nach Lichtenstein.
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Das Komitee gibt bei den endoskopischen
Verfahren generell der totalen extraperitonealen Plastik (TEP) den
Vorzug vor der transabdominalen preperitonealen Plastik (TAPP).
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Das Komitee hält in Bezug auf offene
Netzplastiken lediglich die Methode nach Lichtenstein für ausreichend
wissenschaftlich abgesichert und evaluiert.
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Bei Patienten mit ASA-Klasse I und II sollte
die Operation in der Regel ambulant durchgeführt werden, bei Patienten
mit ASA-Klasse III und IV kann ein ambulanter Eingriff unter
Lokalanästhesie erwogen werden.
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Eindeutige
Leitlinien für die Behandlung bestimmter Krankheitsbilder sind nur möglich,
wenn diese exakt klassifiziert sind. Auf dem Gebiet der
Leistenhernienchirurgie kursieren diverse Klassifikationen, wie der
belgische Chirurg Marc Miserez in seinem Referat berichtete: „Die meisten
Klassifikationen sind zu komplex für den chirurgischen Alltag und werden
daher nicht systematisch angewendet.“
Modifizierte Version der Aachen-Klassifikation
Zusammen mit ihren Leitlinien hat die EHS daher ein einfaches Schema
erarbeitet, das Chirurgen in ihrer täglichen Arbeit die korrekte
Klassifikation der verschiedenen Leistenhernientypen erleichtern soll. „Die
EHS-Version basiert auf der Aachen-Klassifikation nach Schumpelick, die nur
in wenigen Punkten modifiziert wurde“, sagte Miserez. Die Größe der Hernie
wird nach der EHS-Klassifikation mit „Fingern“ gemessen: Eine Hernie der
Größe 1 ist damit zwischen 1,5 und 2,0 Zentimeter groß, was der
durchschnittlichen Länge einer Zeigefingerkuppe entspricht – ein einfaches
und auch intraoperativ jederzeit verfügbares Messinstrument. Auch die Arme
der meisten laparoskopischen Greifzangen hätten diese Länge, so dass die
Maßeinheit „Finger“ auch für die nicht-offenen Verfahren anwendbar sei.
Einfach im Formular ankreuzen: L, M oder F?
Um die anatomische Lokalisation zu klassifizieren, empfiehlt die EHS die
Abkürzungen „L“ für lateral, „M“ für medial und „F“ für femoral. Dieser
Klassifizierung sollte ein „x“ angehängt werden, wenn der Chirurg eine
diffuse Leistenwölbung bemerkt oder wenn keine Hernie festgestellt wurde –
etwa „Fx“, wenn die Schenkelregion nicht näher untersucht wurde. Um zu
dokumentieren, ob es sich um eine Primär- oder eine Rezidivhernie handelt,
kringelt der Chirurg in dem Formular entweder das „P“ oder das „R“ ein.
Die vollständigen Leitlinien und ausführliche Informationen zur
EHS-Klassifikation finden Sie auf der Internetseite der EHS unter:
www.herniaweb.org
Autorin: Antje Soleimanian, freie Medizinjournalistin, Redakteurin Chirurgen
Magazin und www.bncev.de |