Hernienchirurgie: Mit allem rechnen: Leistenschmerz, Rezidiv und unwirtschaftliches Arbeiten


Im ambulanten Bereich muss der Chirurg in einer Mischkalkulation entscheiden, welche OP-Technik er wirtschaftlich anbieten kann. Für den Patienten ist dies nicht unbedingt ein Nachteil, denn de Qualität einer Hernienoperation hängt vor allem am Chirurgen – und weniger an der Technik und am Material.

Von einem Konsens über den Goldstandard zur optimalen Versorgung von Leistenhernien sind Chirurgen bekanntlich weit entfernt. Auch beim Wilhelmsburger Herniensymposium am 5. September 2008 in Hamburg diskutierten die 250 Teilnehmer intensiv über Operationsmethoden, die Frage nach dem offenen oder endoskopischen Zugangsweg, das Für und Wider alloplastischer Implantate und über das optimale Netzmaterial.
Der aktuelle Diskurs zeigte aber auch, dass eine niedrige Komplikations- und Rezidivrate mittlerweile weniger auf externe Faktoren zurückgeführt wird, sondern vor allem auf einen versierten und erfahrenen Chirurgen, der seine Technik beherrscht.

Für die Netzimplantation bei Hernienoperationen bedeutet dies zum Beispiel, dass der Operateur das Netz mit ausreichend Überlappung über den Bruch platziert, wie der US-amerikanische Hernienexperte Professor Parviz Amid vom Lichtenstein Hernia Institute in Los Angeles berichete. Mehr noch erkennt man den guten Hernienchirurgen Amid zufolge an seinem schonenden Umgang mit den Leistennerven: Auf keinen Fall dürfe das Netzmaterial direkt auf einem Nerven zum Liegen kommen. Ebenso obsolet seien Nähte durch den M. obliquus internus oder gar durch einen der drei Leistennerven.

Nerven aufmerksam beobachten und schützen
Was selbstverständlich klingt, spiegelt leider nicht die gängige Praxis, wie Amid erläuterte: „Nur etwa ein Drittel der Chirurgen schenken bei einer Hernienoperation den Nerven überhaupt ihre Aufmerksamkeit – und bei uns in den USA sind es sogar noch viel weniger.“ Weit mehr Gedanken machen sich Operateure oft über die Wahl des geeigneten Netzmaterials. Doch wer gewissenhaft nach wissenschaftlichen Belegen für die Biokompatibilität und Komplikationsraten der verschiedenen Materialien recherchiert, ist rasch überfordert von der Fülle aktueller Studien mit teilweise konträren Ergebnissen.

Privatdozent Dr. Dirk Weyhe vom Oldenburger Pius-Hospital berichtete: „Es gibt so viele Produkte und noch mehr Vergleichsstudien, dass man leicht die Übersicht und Orientierung verlieren kann.“ Wissenschaftlich gesichert sei jedoch kaum mehr als die Daten zur Porengröße von Netzmaterialien: „Je kleiner die Poren, desto mehr Komplikationen.“

Mehr Komplikationen bei kleinporigen Netzen
Das ideale Netzimplantat sollte nach Auffassung von Professor Ferdinand Köckerling vom Berliner Vivantes-Klinikum Spandau aus monfilamentärem Polypropylen bestehen, möglichst großporig sein und weniger als 40 Gramm pro Quadratmeter wiegen, „außerdem sollte es nach der Implantation um maximal 15 Prozent schrumpfen.“ Für die schlechtere Biokompatibilität kleinporiger Netze machte Köckerling die heftige Entzündungsreaktion und die vermehrte Bildung von Narbengewebe verantwortlich: „Die starke Fremdkörperreaktion lässt das Netz schrumpfen. Es bildet dann Wellen oder Kanten, die Schmerzen auslösen können.“

Leistenschmerz nach zehn Prozent aller Hernien-OPs
Es wundert daher kaum, dass chronische Schmerzen nach der Operation mit einer Inzidenzrate von etwa zehn Prozent zu den häufigsten Komplikationen in der Leistenhernienchirurgie zählen. Diese Schmerzen können die Lebensqualität der Betroffenen massiv beeinträchtigen. Dr. Eske Aasvang vom Kopenhagener Rigshospital berichtete, dass chronische Leistenschmerzen auch zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und bei der Ejakulation führen können.

Tabuthema: Leistenschmerz stört die Sexualfunktion
Nur wenige Männer sprächen jedoch offen über ihre gestörte Sexualfunktion infolge des Leistenschmerzes: „Gerade einmal zwei Prozent der Betroffenen konsultieren ihren Hausarzt oder Operateur wegen dieser Probleme“, erklärte Aasvang. Er riet seinen Kollegen daher, ihre Patienten in der postoperativen Nachbehandlung nach einer Leistenhernienoperation aktiv auf dieses Tabuthema anzusprechen.

Der dänische Hernienspezialist empfahl qualitative sensorische Tests um das Ausmaß der chronischen Schmerzen zu diagnostizieren: Die individuelle Reaktion auf Kälte oder Wärme, Druck oder andere taktile Reize sage mehr über die Lebensqualität des Patienten aus als andere Messmethoden wie etwa visuelle Analogskalen.

Differenzierte Anamnese bei chronischem Leistenschmerz
Auch Amid forderte in einem weiteren Referat dazu auf, chronische Leistenschmerzen unbedingt ernst zu nehmen: „Manche Patienten sind aufgrund ihrer Schmerzen sogar suizidgefährdet.“ Im Rahmen einer differenzierten Schmerzanamnese sollte der Arzt nicht nur pauschal nach dem Leistenschmerz, sondern auch nach anderen Parametern wie einer möglichen Ausstrahlung zum Skrotum oder zum femoralen Dreieck, nach Parästhesien, Allodynie oder Hyperpathie fragen, riet der US-Chirurg.

Erst sechs Monate nach der OP gilt Schmerz als chronisch
Doch erst sechs Monate nach dem Eingriff gelten postoperative Schmerzen als chronischer und behandlungsbedürftiger Leistenschmerz, erinnerte Amid: „Im ersten halben Jahr nach der Operation sind Schmerzen bis zu einem gewissen Grad normal.“ Bei persistierenden Beschwerden sei eine Triple-Neurektomie der drei Nerven N. Iliohypogastricus, N. Ilioinguinalis und Ramus Genitalis die Methode der Wahl.

„Die besten Ergebnisse lassen sich mit einer Triple-Neurektomie nach anteriorer Hernienreparatur erzielen“, berichtete Amid. Weniger erfolgversprechend sei die Methode nach laparoskopischer Operation oder nach Implantation einer Netzplombe (Plug). In diesem Zusammenhang wies Dr. Cidegem Berger vom Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand in Hamburg darauf hin, dass alle drei Leistennerven in ihrem Verlauf eine große Variabilität aufweisen. In einer Studie zur retroperitonealen Anatomie an 30 fixierten Leichen hatte Berger untersucht, inwieweit sich die Eintritts- und Austrittspunkte des N. Iliohypogastricus, des N. Ilioinguinalis sowie des Ramus femoralis und genitalis individuell unterscheiden.

Anatomische Studie zum Verlauf der Leistennerven
Ein retroperitonealer Zugang sei am besten geeignet um die Leistennerven bei einer Triple-Neurektomie erfolgreich zu lokalisieren, schloss Berger aus den Ergebnissen ihrer Forschungsgruppe, „denn im weiteren Verlauf kann das Auffinden dieser Nerven sehr mühsam sein.“ Vor einer Neurektomie gilt es allerdings zu klären, ob tatsächlich Nervenprobleme für die chronischen Leistenschmerzen verantwortlich sind. Am Kreiskrankenhaus Giffhorn testen die Chirurgen vor einer operativen Schmerzbekämpfung daher zunächst mit Hilfe einer Epiduralanästhesie die Erfolgsaussichten der Triple-Neurektomie.

Verschwindet der Schmerz unter Epiduralanästhesie?
„Wenn der Schmerz unter einer PDA verschwindet, dann ist eine Neurektomie sinnvoll“, erklärte Dr. Matthias Rohr. Bleibe der chronische Leistenschmerz auch unter Epiduralanästhesie bestehen, könnten Nervenprobleme kaum die Ursache sein. In diesen Fällen sei anstelle einer operativen Schmerzbekämpfung eine diagnostische Laparoskopie indiziert um ein mögliches kleines Rezidiv aufzuspüren.

Sorge um die Fertilität männlicher Patienten
Am Knappschaftskrankenhaus Dortmund wiederum sorgten sich die Hernienchirurgen in den vergangenen Jahren weniger um den chronischen Leistenschmerz, sondern vielmehr um die Frage, ob der großzügige Einsatz von Kunststoffnetzen bei männlichen Patienten zur Infertilität führen kann. Bei direkten Leistenhernien bevorzugten die Operateure seiner Klinik die total-extraperitoneale Netzimplantation (TEP), bei der sie den Bruch sogar gern mit einer doppelten Lage Netzmaterial verstärken, wie Privatdozent Dr. Karl-Heinz Bauer berichtete.

Das alloplastische Material scheint die Fruchtbarkeit ihrer Patienten allerdings nicht zu beeinträchtigen, wie Bauer in zwei kleinen Studien zeigen konnte. Zunächst retrospektiv(n=38), dann auch in einer prospektiven Studie (n=21) untersuchte er die Fertilität seiner Patienten im Alter zwischen 18 und 60 Jahren vor und drei Monate nach der endoskopischen Hernienoperation.

Netz scheint keinen Einfluss auf die Fertilität zu haben
Weder in Bezug auf das Ejakulatvolumen, noch bei den Parametern Hodengröße, Spermienzahl, Flussrate oder Hormonstatus wichen die operierten Männer vom Normbereich ab. Damit widersprach Bauer den Chirurgen Shin et al., die vor einigen Jahren vor der Gefahr einer obstruktiven Azoospermie infolge einer Hernienversorgung mit Netzimplantat gewarnt hatten. „Die Hernienversorgung mit der TEP-Methode beeinflusst weder die Spermatogenese, noch den Fluss oder den Hormonstatus. Die Gefährdung geht wohl nicht so sehr vom Netz aus, sondern eher vom Chirurgen“, folgerte Bauer.

Niedergelassene Chirurgen müssen permanent rechnen
Während die TEP-Versorgung im stationären Bereich durchaus ihre Berechtigung hat, ist ihr Einsatz im ambulanten Sektor aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen undenkbar, wie der niedergelassene Chirurg Dr. Ralph Lorenz aus Berlin betonte: „Bestimmte Methoden wie die minimal invasive Chirurgie, die stationär sinnvoll sind, lassen sich ambulant einfach nicht kostendeckend erbringen.“

Doch auch bei anderen Methoden müssen niedergelassene Chirurgen regelmäßig rechnen, zumal die einzelnen Leistungen im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) zwar äußerst differenziert, aber dennoch inhaltlich häufig unsinnig bewertet wurden, kritisierte Lorenz. „Ein komplizierter Eingriff wie die offene Reparatur einer großen Narbenhernie bringt dem Operateur nach EBM gerade einmal 5.500 Punkte. Für die einfache Nahtversorgung einer kleinen Leistenhernie nach Shouldice erzielt er hingegen über 7.000 Punkte“, monierte der Berliner Chirurg.

Ob die anstehende Honorarreform derartige Schieflagen in der Leistungsbewertung beseitigen wird, sei noch völlig offen: „Wir niedergelassenen Chirurgen müssen in der Lage sein, jederzeit flexibel zu reagieren. Wir haben weiter keinerlei Planungssicherheit, unsere Praxen sind daher nur mit einer Mischkalkulation wirtschaftlich überlebensfähig“, sagte Lorenz.

Integrierte Versorgung: Feilschen wie auf dem Basar
Zu einer Mischkalkulation gehört für ihn auch die Kooperation mit Kliniken: „Es ist sehr angenehm, wenn man sich beim Operieren im Krankenhaus auf das chirurgische Kerngeschäft konzentrieren kann. Allerdings ist man bei der Abrechnung seiner Leistungen im engen DRG-Korsett gefangen.“ Als weiteres Standbein für niedergelassene Chirurgen sieht Lorenz auch Verträge zur integrierten Versorgung (iV): „In diesen Verträge werden feste Honorare gezahlt und Sachkosten separat vergütet. Beim Aushandeln der Konditionen geht es aber zu wie auf dem Basar.“

Autorin: Antje Soleimanian, Medizinjournalistin, Redaktion Chirurgen Magazin und www.bncev.de
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Quelle: Chirurgen Magazin 35, Heft 5/08 (Oktober/November 2008)
 

Mi.  29.10.2008