Lymphödem: Das dicke Bein – des Gefäßchirurgen täglicher Alltag


Zum Alltag des Gefäßchirurgen gehört die Abklärung des geschwollenen Beines. Die auf dem Konsilschein vermerkte Verdachtsdiagnose Thrombose bestätigt sich nur in den seltensten Fällen. Zahlenmäßig dominiert das Lymphödem – doch das Lymphsystem ist für viele Chirurgen eine „Terra incognita“.

Das Krankheitsbild des Lymphödems findet sich trotz Umstrukturierungen im Curriculum im Modulunterricht der Universitäten nicht wieder. So verwundert es nicht, dass die wenigsten Ärzte mit dem Lymphsystem und seinen typischen Erkrankungen vertraut sind.
Es ist vielleicht symptomatisch, dass auch der Diagnoseschlüssel ICD-10 in seiner Fassung vom 1. Januar 2008 die Erkrankungen des Lymphsystems unbefriedigend wiedergibt. Weder wird hier in der Genese richtig differenziert, noch lassen sich stadiengerechte Verschlüsselungen durchführen.

Der ICD-10 kennt längst nicht alle Arten von Lymphödemen
Die Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Lymphödem (vergleiche Tabelle 1a und b) ist nicht möglich. Zwar kann man mit dem Q82.0 ein hereditäres Lymphödem verschlüsseln, aber es gibt auch primäre, nicht vererbte und beidseitige Lymphödeme. Ganz zu schweigen von den zahlenmäßig weit mehr verbreiteten posttraumatischen und postoperativen oder iatrogenen sekundären Lymphödemen.

Kampf bei der Verordnung von Kompressionsstrümpfen
Hier kennt der ICD nur das Lymphödem nach Mastektomie I97.2 (vergleiche Tabelle 2). Was ist mit dem Gros der Patienten nach aortoiliacaler, pelviner oder inguinaler Lymphadenektomie? Was sich im ICD-10-Schlüssel abspielt, spiegelt sich wider in der täglichen Arbeit beziehungsweise im Kampf mit den KVen und mit den Krankenkassen bei der Verordnung von Kompressionstrümpfen. Auf das Lipödem gehe ich aus Platzgründen erst gar nicht ein – denn diese Krankheit ist dem ICD und damit den Krankenkassen erst recht nicht bekannt.

Aufgabe ist der Abtransport lymphpflichtiger Lasten
Das Lymphsystem (LS) besteht aus Lymphgefäßen, Lymphknoten und dem extranodulären lymphatischen Gewebe. Das Lymphgefäßsystem ist ein Niederdrucksystem (0 – 25 mm Hg), dessen Hauptaufgabe in erster Linie die Entsorgung des Interstitiums ist (vergleiche Tabelle 3), das heißt der Abtransport von lymphpflichtigen Lasten (Eiweiß, Fett, Tellbestandteilen und Wasser), organischen und nichtorganischen Zellprodukten sowie Zellresiduen einschließlich artfremder Organismen wie Viren und Bakterien (immunologische Vorgänge).

Das LS ist wichtig für die Mikrozirkulation. Ein insuffizientes LS führt zum Ödem der Extremitäten (vergleiche Tabelle 4 und 5). Diese meist chronisch verlaufende Erkrankung führt zu einer zunehmenden Einschränkung der Lebensqualität. Die frühzeitige Diagnose und konsequente (Entstauungs-)Therapie kann die Krankheit deutlich entschleunigen. Hierbei ist die Mitarbeit des Patienten und des Physiotherapeuten entscheidend.

Anatomie der Drainage über das lymphatische Systems
Im Gegensatz zum tiefen Venensystem erfolgt die Hauptdrainage des lymphatischen Systems zu 90 Prozent epifaszial. Die tiefen Kollektoren laufen entlang der subfaszialen Blutgefäße und münden in die poplitealen und inguinalen Lymphknotenstationen, die über Kollektoren miteinander verbunden sind. Epifaszial werden die Lymphkollektoren in ein ventromediales und in ein dorsolaterales Bündel unterschieden. Vereinfacht kann man sagen, dass sie den epifaszialen Venen Vena saphena magna und parva folgen. Das gilt es insbesondere bei der Varizenchirurgie zu beachten, um postoperative Lymphödeme zu vermeiden.

Diagnostik: Arbeitshypothese nach genauer Anamnese
Zur Diagnose eines Lymphödems gehört eine eingehende Anamnese. Hier kann der Chirurg bereits eine mögliche Arbeitshypothese erarbeiten und gegebenenfalls internistische Erkrankungen als mögliche Faktoren (nephrogen, hepatisch oder cardial) aus- oder einschließen. Auch kann aus der Anamnese entnommen werden, ob der Prozess seit der Adoleszenz besteht (verstrichene OSG-Gelenksilhouette) oder nach einem Trauma, nach einer neurologischen Erkrankung (Parese mit arthrogenem Stauungssyndrom) oder Bestrahlung aufgetreten ist.

Diuretika zementieren den Prozess der Ödembildung
Klinisch findet sich eine eindrückbare Delle, Hautfurchenvertiefung, eine Konsistenzvermehrung (Fibrose, Sklerose), Hautveränderungen und schließlich das positive Stemmer’sche Zeichen. Insbesondere bezüglich der Fibrosierung ist der Kontakt mit dem Hausarzt zu suchen, der nicht selten das Ödem mit Diuretika auszuschleichen versucht und dabei den Prozess weiter zementiert: Zwar wird „Wasser“ ausgeschieden, aber das proteinreiche Substrat bleibt im Gewebe zurück und vermehrt die Fibrosierung.

Apparativ reicht zur Sicherung der Diagnose die Sonographie, ergänzt durch die Duplexsonographie. Dabei können Gefäßprozesse (Thrombosen etc.) gesichert oder ausgeschlossen werden und das morphologisch klassische Bild der epifaszialen „Seen“ (Lymphstraßen) gesichert werden. Nach Lymphadenektomien kann eine Lymphszintigraphie den klinisch-anamnestischen Verdacht bestätigen helfen, ist aber eigentlich entbehrlich.

Manuelle Lymphdrainage und Kompressionstherapie
Die Therapie des Lymphödems besteht aus der manuellen Lymphdrainage (MLD), die zur Volumenreduktion führt, und der anschließenden Kompressionsbehandlung, die der Erhaltung des Therapieerfolges dient. Mit der Kompression wird über eine Steigerung des Gewebedruckes eine Steigerung der Lymphangiomotorik und eine verbesserte Gelenk- und Muskelpumpenarbeit erreicht. Auf diesen drei Säulen MLD, Kompressionstherapie und Bewegungstherapie in der Kompression fußt die kombinierte komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE).

KV-Sonderziffer 90951 für die Entstauungstherapie
Die beste Therapie wäre es neben der Vermeidung von Traumen und Läsionen der Lymphbahnen direkt nach unvermeidbaren Eingriffen wie einer Lymphadenektomie oder einer Kniegelenksimplantation mit einer KPE zu beginnen. Hierfür gibt es auch von Seiten der KV die Sonderziffer 90951, die bei Verordnung der MLD in der direkten postoperativen Phase genannt werden sollte.

Diese erste Phase der Entstauung , sie kann etwa vier oder mehr Wochen betragen, bedarf einer guten Patientenaufklärung und -führung. Insbesondere bei längeren Anfahrtswegen oder älteren Patienten ist der Wunsch nach sofortiger schneller Versorgung mit Kompressionsstrümpfen (flachgestrickte Maßware) sehr groß. Allerdings führt die frühe Versorgung auch schnell zu Rückfällen, wenn die Beine noch nicht ausreichend entstaut sind.

Voreilige Bestrumpfung schadet der Compliance
In Folge sinkt beim Patienten die Bereitschaft, die Kompressionsstrümpfe zu tragen. Daraus folgt ein Rezidiv und über die schlechte Erfahrung ein Misstrauen gegenüber dem lymphologischen Kompressionsverband und der gesamten Therapie. Man sollte also keine übereilte Strumpfversorgung vor der definitiven Entstauungstherapie durchführen.

Praktisch für die Versorgung von Lymphödemen sind „Lymphsets“, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Ambulanz zugeschnittene Verbands- und Polstermaterialien enthalten. Allerdings ergeben sich für den niedergelassenen Arzt je nach KV und zuständiger Krankenkasse Probleme bei der Abrechnung dieser Sets.
Auch bei der Verordnung der MLD sollte der Arzt auf eine gute Dokumentation – auch durch den Physio-/Lymphtherapeuten – achten, da hier ansonsten schnelle Regresse resultieren können. Da die Lymphologen noch nicht über die entsprechende Lobby verfügen, ist der Aufbau von Netzwerken, Qualitätszirkeln zur Abwehr möglicher Regresse ratsam.

Variable Maschenzahl ermöglicht individuelle Passform
Um den Therapieerfolg zu erhalten, sollten je nach Befund flachgestrickte Strümpfe gegenüber den rundgestrickten Strümpfen bevorzugt werden. Beim flachgestrickten Strumpf wird ein flacher Rohling, auf geraden Nadelreihen gefertigt, erst durch das Zusammennähen zu einem Strumpf. Die Maschenzahl ist hier variabel und damit ist eine individuelle Passform sowie ein optimaler Druckverlauf auch bei extremen Ödemformen gewährleistet.

Bei der Verordnung sollte auch bedacht werden, dass es inzwischen unterschiedliche Versorgungsvarianten gibt: vom Wadenstrumpf AD hin zur Einbeinversorgung oder der Kombination aus Wadenstrumpf und zum Beispiel Caprihose. Zusätzlich finden sich Zusätze wie Pelotte oder Reißverschluss.

Operative Therapie nur beim erfahrenen Gefäßchirurgen
Kurz erwähnt seien für ganz ausgewählte Fälle operative Maßnahmen, wobei hier das Spektrum von resezierenden Verfahren über ableitende Verfahren bis hin zur Rekonstruktion reicht und in die Hände hierauf spezialisierter Kollegen gehört. Zur Sicherung des Therapieerfolges nach KPE sollten die modernen Möglichkeiten der An- und Ausziehhilfe ausgeschöpft werden, um die Compliance des Patienten zu steigern.

Lymphödem: Das dicke Bein ist mehr als nur die Thrombose
Fazit: Es gibt noch viel zu tun, um das Bewusstsein für dieses häufige und dennoch selten diagnostizierte Krankheitsbild einer Gefäßkrankheit zu schärfen. Als Chirurgen und Gefäßchirurgen, sollten wir aus der Vergangenheit lernen und dieses Krankheitsbild nicht „ortsfremden“ Fachdisziplinen überlassen. Das heißt, auch die chirurgischen Fachverbände müssten mehr Flagge zeigen: und zwar in der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich-Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) und überall dort, wo Weichen gestellt werden. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass natürlich – wie so oft hier – in die Behandlung mehr Zeit und Aufwand hineingesteckt wird als über den EBM mit Ziffer 02313 honoriert wird. Auch in diesem Punkt sind wir gefragt.

Autor: Dr. Siamak Pourhassan
Facharzt für Chirurgie
Klosterstr. 12
46145 Oberhausen
Tel.: 0208 668898

Siamak.Pourhassan@uni-duesseldorf.de

 
Quelle: Chirurgen Magazin 35, Heft 5/08 (Oktober/November 2008)
 

Mi.  29.10.2008