Bundeskongress: Abstracts der Fachvorträge – Neues aus Forschung und Praxis



An dieser Stelle finden Sie Zusammenfassungen ausgewählter medizinischer Fachvorträge aus dem umfangreichen Programm des 12. Bundeskongresses der niedergelassenen Chirurgen vom 5. bis 7. März 2010 in Nürnberg.

Ambulante Chirurgie im Alter: Das Problem ist weniger das Lebensalter als die alterstypische Morbidität

„Das Lebensalter als solches ist kein Grund, einem Patienten von einer ambulanten Operation abzuraten“, erklärte Elmar Mertens vom Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA). Dies gelte sowohl für die Operation als auch für die Anästhesieverfahren. Mertens meinte: „Wenn Sie künftig überhaupt noch ambulant operieren wollen, dann müssen Sie alte Leute operieren, weil es immer weniger Junge gibt.“ Auch andere Länder hätten ein Demographieproblem – ohne dass deswegen der Anteil ambulanter Operationen sinke. „Es liegt also nicht an der Demographie, dass in Deutschland noch verhältnismäßig wenig ambulant operiert wird“, betonte Mertens.
Das eigentliche Problem sei die Morbidität, die allerdings nicht zwingend an ein bestimmtes Alter gebunden sei. „Mehr als den alten Patienten fürchte ich den 4 x 40er-Patienten: 40 Jahre alt, 40 Zigaretten pro Tag, ein BMI von 40 und außerstande, 40 Treppenstufen zu gehen.“
Viel wichtiger als medizinische Faktoren seien häufig juristische Fragen, etwa nach der Einwilligungsfähigkeit des Patienten: „Nur weil ein Patient dement ist, heißt es nicht automatisch, dass seine Angehörigen für ihn in einen operativen Eingriff einwilligen dürfen“, warnte Mertens und ergänzte: „Lassen Sie sich auf keinen Fall darauf ein, Angehörige einwilligen zu lassen, diese könnten ja schließlich finanzielle Interessen verfolgen, beispielsweise ein ansehnliches Erbe.“ Grundsätzlich seien alle volljährigen Menschen selbst einwilligungsfähig. Im Falle von Demenzkranken müsse gegebenenfalls ein Vormund bestellt werden.
Mertens erinnerte auch an das Problem der postoperativen Nachsorge nach ambulanten Operationen: „Bislang haben wir keine Konzepte für die postoperative häusliche Nachbetreuung durch Pflegedienste oder Home-Nurse-Modelle, es fehlen auch Abrechnungsmöglichkeiten für die postoperative häusliche Nachsorge nach ambulanten Eingriffen.“ Derartige Konzepte seien weitaus sinnvoller und zielführender als starre Altersgrenzen beim ambulanten Operieren.

Referent: Elmar Mertens (Aachen)


Ambulante Chirurgie im Alter: Weniger Probleme im Aufwachraum

Dr. Klaus Bäcker von der Münchener Firma Medicaltex zeigte sich in der Sitzung „Ambulante Chirurgie im Alter“ am Samstagnachmittag davon überzeugt, dass ambulante Operationen auch für ältere Patienten nicht per se ein höheres Risiko bergen. Es sei zwar unbestritten, dass etwa ein Drittel aller über 70-Jährigen an fünf mittelgradig schweren Erkrankungen leiden und dass der Anteil von Patienten mit ASA-Klasse III bei den älteren Patienten deutlich höher.
Eine Auswertung der AQS1-Qualitätssicherungsbögen von Tracer-Operationen (Katarakt, Arthroskopie, Karpaltunnel, Leistenhernie) habe denn auch ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit einer ungeplanten stationären Aufnahme bei über 74-Jährigen doppelt so hoch ist wie bei jüngeren Patienten. Auch seien bei ambulanten Eingriffen an über 74-Jährigen häufiger unerwünschte intraoperative Ereignisse wie Probleme mit Herz-Kreislauffunktionen, Respiration, Aspiration oder Begleitmedikation) und speziell bei Eingriffen an der Leistenhernie auch vermehrt Infektionen oder hämatöse Nachblutungen aufgetreten. All diese unerwünschten Ereignisse seien aber problemlos beherrschbar gewesen.
„Im Aufwachraum hingegen klagten Patienten dieser Altersgruppe dagegen seltener über Wundschmerz, Übelkeit oder Kreislaufprobleme“, berichtete Bäcker, „ältere Menschen scheinen in diesem Punkt genügsamer zu sein.
„Überraschenderweise träten auch Probleme bei der häuslichen Versorgung bei jüngeren häufiger als bei älteren Patienten auf: „Ältere Patienten sind zu Hause verlässlicher versorgt und sind insgesamt zufriedener mit ihrer ambulanten Operation.“ Nur 1,3 Prozent der älteren Patienten hätten angegeben, dass sie sich nicht noch einmal ambulant operieren lassen würden.
Aktuell liege der Anteil über 65-jähriger Patienten bei den ausgewerteten ambulanten Operationen bei 14 Prozent. „Natürlich haben jüngere Patienten allgemein einen besseren Gesundheitszustand und neigen seltener zu Infektionen“, meinte Bäcker. Um künftig die Eignung älterer Patienten besser einschätzen zu können, forderte er daher ein geriatrisches Assessment oder Screening.

Referent: Dr. Klaus Bäcker (München)


Orthopädie: Osteoporose-Prävention ist im ambulanten Bereich kaum möglich

Fortschritte auf dem Gebiet des Hüftgelenkersatzes scheitern nach Auffassung von Prof. Ralf Gahr (Orthopäde am Städtischen Klinikum St. Georg in Leipzig) hierzulande unter anderem an der unzureichenden Vergütung im ambulanten Bereich: Gahr informiere zwar regelmäßig seine niedergelassenen Kollegen, wenn er bei einem Patienten den Verdacht auf Osteoporose hege. „Aber die Kosten für eine entsprechende Diagnostik sind so hoch, dass sie ambulant nicht präventiv stattfindet.“
Sein Kollege Dr. Martin Karl (Leitender Oberarzt der Abteilung Orthopädie an der Fachklinik Herzogenaurach), der als Leiter einer Rehabilitationsklinik viele Osteoporose-Patienten betreut, pflichtete ihm bei: „Solange eine Knochendichtemessung erst dann von den Kassen bezahlt wird, wenn sich der Patient bei einem Sturz bereits eine Fraktur zugezogen hat, werden wir dieses Problem nicht lösen
können.“
Daher konzentriert Karl sich bei seinen Patienten vorerst auf die Sturzprävention: „Zunächst gilt es, die Grunderkrankungen des Patienten zu behandeln.“ Wichtig sei auch die Prüfung des Ernährungsstatus, denn viele der betroffenen alten Menschen seien unter- oder mangelernährt. „In unserer Rehaklinik legen wir außerdem ganz besonderen Wert auf ein gezieltes Muskelaufbautraining, um die Mobilität und Muskelfunktion zu verbessern“, schloss Karl.

Referenten: Prof. Ralf Gahr (Leipzig), Dr. Martin Karl (Herzogenaurach)


Gelenkersatz: Wo bleibt das deutsche Endoprothesen-Register?

Weil noch immer kein nationales Endoprothesen-Register eingeführt wurde, gibt es hierzulande über die Komplikationsraten und Standzeiten von Implantaten kaum verlässliche Daten, die den Kriterien der evidenzbasierten Medizin genügen.
Diese Auffassung vertraten Prof. Ralf Gahr (Städtisches Klinikum St. Georg, Leipzig), Dr. Peter Heppt (niedergelassener Orthopäde, Erlangen) und Dr. Martin Karl (Leitender Oberarzt, Fachklinik Herzogenaurach), als sie über ihre Erfahrungen mit der Diagnostik und Therapie von Hüftfrakturen und entsprechenden Osteosynthesen oder Totalendoprothesen (TEP) berichteten.
„Die Schweden hegen hier weit weniger Datenschutzbedenken als die Deutschen“, erklärte Heppt: „Jede Prothese erhält dort eine Nummer, die zentral registriert wird, so dass sie im Revisionsfall rasch auffindbar ist.“ Das schwedische -Register dokumentiere unter anderem den Prothesentyp, die Erfahrung des Operateurs und bestimmte Patientendaten, so dass man tatsächlich erkennen könne, welche Implantate die niedrigsten Komplikationsraten und die längsten Standzeiten haben.

Referenten: Prof. Ralf Gahr (Leipzig), Dr. Peter Heppt (Erlangen),
Dr. Martin Karl (Herzogenaurach)


Gesichtstumoren: Ästhetische und funktionelle Rekonstruktion

Rund 90 Prozent der Tumoren im Gesicht sind Basalzellenkarzinome, wie Prof. Johannes-Franz Hönig, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie aus Hannover-Langenhagen berichtete. Aufgrund der alternden Bevölkerung und der ungebrochenen Neigung zu hautschädigender Sonnenexposition sei die Tendenz sogar weiter steigend. Meist sei eine ästhetische und funktionelle Rekonstruktion des Weich- und Hartgewebes durch lokalen Nah- und Fernlappenplastiken möglich. Für eine Lippenrekonstruktion beispielsweise eigne sich die enorale Mukosa, für die Rekonstruktion einer Nase könne man häufig Knorpelmaterial aus dem Ohr einsetzen.
Häufig allerdings werden insbesondere ältere Bewohner von Pflegeheimen erst sehr spät behandelt: „Wenn das Basalzellenkarzinom schon die Orbita angegriffen hat, ist kurativ nicht mehr viel zu machen, dann ist nur noch eine Palliativbehandlung möglich“, sagte Hönig.
Bei komplexeren Befunden hätten auch alloplastische Rekonstruktionen und die Epithetik weiterhin ihren Platz in der plastischen Chirurgie. Die Transplantation ganzer Gesichter, wie er sie anhand einiger aufsehener-regender Fälle schilderte, bezeichnete Hönig allerdings aufgrund der Gefahr von Abstoßungsreaktionen und unklarer Langzeitergebnisse als „vorläufig noch sehr fragwürdig“.

Referent: Prof. Johannes-Franz Hönig (Hannover)


Dermatochirurgie: Einsatz der photodynamischen Therapie

Photothermische Verfahren wie die Laserkoagulation eignen sich für eine breites Spektrum dermatochirurgischer Indikationen, so das Fazit des Vortrags von Prof. Hans-Peter Berlien, Chefarzt der Abteilung Lasermedizin an der Berliner Elisabeth Klinik, bei der Sitzung zum Thema Dermatochirurgie am Samstagmorgen: „Mit dem Laser können wir Gewebe nicht nur schneiden, sondern auch schichtweise abtragen.“
Als typische Einsatzgebiete nannte Berlien kindliche Hämangiome, Pseudolymphoma,fasziale Granulome und Dermato-Fibrome oder -Fibrosarkome, aber auch anogenitale HPV-induzierte Läsionen, Kondylome oder anogenitale Dysplasien.“ Aufgrund ihrer hohen -Affinität zu stark vaskularisiertem Gewebe eigneten sich Photonen insbesondere für die gezielte Abtragung von Tumorgewebe.
Klar isolierte Befunde, die problemlos exzidiert werden können, sollten zwar weiterhin chirurgisch entfernt werden. Doch für großflächige Befunde sei die photothermische Therapie prädestiniert.
„Die photothermische Therapie eignet sich auch für sehr alte Patienten mit malignen Befunden, deren maligne Tumoren, Melanome oder Plattenepithelkarzinome nicht mehr chirurgisch operabel sind“, ergänzte Berlien.

Referent: Prof.Hans-Peter Berlien, (Berlin)


Dermatochirurgie: Kurze Untersuchungsintervalle nach atkinischen Keratosen

Auf die Gefahr maligner Hauttumoren durch übermäßige Sonnenbäder wies auch Prof. Thomas Dirschka, niedergelassener Dermatologe aus Wuppertal, hin. „Die erste große Völkerwanderung in der Geschichte der Menschheit hat dazu geführt, dass die Haut der Westeuropäer schwächer pigmentiert ist. Die zweite große Völkerwanderung sonnenhungriger Westeuropäer in Richtung Mallorca führt nun dazu, dass maligne Hauttumoren und epitheliale Hautkrebse auf dem Vormarsch sind“, erläuterte Dirschka.
Maligne Befunde entwickelten sich häufig aus solaren oder atkinischen Keratosen (aK), wie sie bei rund 50 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre auftreten: „Aus sechs bis 16 Prozent aller -atkinischen Keratosen entwickeln sich mit der Zeit Plattenepithelkarzinome, bei Patienten mit Immunsupression sogar in 60 Prozent der Fälle“, sagte Dirschka.
Der Dermatologe empfahl die engmaschige Beobachtung von aK-Befunden, „denn 65 Prozent aller Stachelzellkarzinome und 35 Prozent aller Plattenepithelkarzinome entstehen in Arealen, wo primär eine aK diagnostiziert wurde.“

Referent: Prof. Thomas Dirschka (Wuppertal)


Autorin: Antje Soleimanian, Redaktion Chirurgen Magazin und www.bncev.de

 
 
Quelle: Chirurgen Magazin 44 (Ausgabe 2.2010, April/Mai 2010)
 

Di. 11.05.2010