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Die Kreuzbänder zählen zu den kräftigsten Bändern des menschlichen
Körpers und sind die zentralen Stabilisatoren des Kniegelenkes. Dennoch sind
die Probleme des vorderen und hinteren Kreuzbandersatzes nicht umfassend
gelöst. Teil 1: Epidemiologie, Historie, Anamnese, Diagnostik und
VKB-Plastik.
Der Bewegungsablauf des Kniegelenkes ist komplex. Es führt eine
Roll-Gleitbewegung aus, die auch experimentell schwer nachzuvollziehen ist.
Verletzungen des Kniegelenkes mit Störungen im biomechanischen Gleichgewicht
können zu Verlust oder Einschränkung der allgemeinen Funktion, der
Sportfähigkeit und der Lebensqualität führen. In den vergangenen Jahren sind
neue Behandlungstrends, besonders die Doppelkanaltechnik hinzugekommen. Es
gibt noch keine eindeutigen Untersuchungen, die zeigen, dass diese Technik
bessere Ergebnisse als die Einkanaltechnik liefert.
Anatomische Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes Man versucht aber, die
Anatomie der Bündel des vorderen Kreuzbandes (VKB) identisch zu
reproduzieren. Ziel ist es, das Knie langfristig immer besser zu
rekonstruieren und zu erhalten.
Auch die Entwicklung von Knieinstabilität und Gonarthrose sind in der
Literatur noch nicht eindeutig geklärt, es fehlen eindeutige vergleichende
Studien, wie Strobel [1] ausführt: „Das Argument oder der Wunsch, mit einer
VKB-Rekonstruktion Knorpelschäden oder die Arthrose zu verhindern sind,
konnte bisher durch keine wissenschaftliche Studie belegt werden. […] Ein
Patient mit einem instabilen Kniegelenk belastet sein Gelenk völlig anders
als einer mit einem stabilen Kniegelenk. Daher sind zwar die
Behandlungsparameter vergleichbar, das patientenspezifische Aktivitätsniveau
unterscheidet sich aber erheblich. […]“
Epidemiologie von Kreuzbandverletzungen
Kreuzbandverletzungen und vor allem deren Nichtbeachtung verursachen hohe
volkswirtschaftliche Kosten. Häufigste Verletzungsursache sind
Sportverletzungen. Schätzungen zufolge ereignen sich in Deutschland jährlich
etwa 170.000 Sportunfälle mit Kniebeteiligung, daraus ergibt sich rund eine
Kreuzbandplastik pro 1.000 Einwohner. Zudem sind hormonelle Risikofaktoren
als verletzungsrelevante Faktoren bekannt. Bekannt ist auch, dass Frauen ein
anderes Sprungverhalten haben als Männer. Sie landen beim Sprung mit stärker
gestreckten Kniegelenken als Männer. Dies kann bei enger „gotischer“ Notch
noch bei abrupter Quadrizepskontraktion eine Dekapitation des VKB am Dach
der Notch bewirken kann. Myar et al. [5] zeigten, dass eine erhöhte passive
anteroposteriore Schubladenbewegung und eine vermehrte passive
Hyperextendierbarkeit des weiblichen Kniegelenkes ein erhöhtes
Verletzungsrisiko für das VKB bergen. Durch vermehrten Breitensport,
Kontaktsportarten und Rasanzsportarten – zum Teil ohne genügendes Training
und Protektion – sind vermehrt Kreuzbandverletzungen und vor allem
Begleitschäden auf dem Vormarsch.
Historie: Erste Erwähnung um 3000 vor Christus
Kreuzbänder wurden zum ersten Mal etwa im Jahre 3000 vor Christi auf einer
ägyptischen Papyrusrolle erwähnt, deren Inhalt sich mit der Anatomie des
Kniegelenkes auseinandersetzt, ohne dass der oder die Autoren bekannt sind
[4].Bereits Hippokrates wusste, das Rupturen des Kniebandapparates zu einer
Verschiebung der Gelenkpartner und damit zu einer Instabilität führen. Die
komplizierte Biomechanik des Kniegelenkes mit seinem von den Kreuzbändern
kontrollierten Roll-Gleitmechanismus wurde erstmals 1836 von den Gebrüdern
Weber beschrieben [aus 4], auch, dass die Kreuzbandbündel in verschiedenen
Winkelstellungen des Kniegelenkes unterschiedliche Spannung aufweisen. 1853
erkannte Meyer die komplizierte Kinematik des Kniegelenkes, als er die mit
der endphasigen Streckung gekoppelte Außenrotation des Tibiakopfes, die
sogenannte Schlussrotation des Unterschenkels beschrieb. 1845
veröffentlichte Bonnet eine Arbeit, in der er erste Leichenstudien über den
Mechanismus der zu Verletzungen des Bandapparates des Kniegelenkes
beschrieb.
Dieser hatte außerdem beobachtet, dass VKB-Läsionen wesentlich häufiger
auftreten als vermutet, dass das Band meist am Oberschenkel in der Nähe des
Ursprungs abreißt, dass das Unfallereignis von einem laut krachenden
Geräusch begleitet wird und dass das Trauma meist mit einem Bluterguss im
Gelenk einhergeht.
Lachmann-Test basiert auf Erkenntnissen von 1875
Erstmals 1875 beschrieb der griechischen Arzt Noulis eine
Untersuchungsmethode in fast Streckstellung des Kniegelenkes, mit der man
den Riss des VKB nachweisen konnte. Diese Methode wurde 1976 von Tork und
seinen Mitarbeitern aufgegriffen, die den Test nach ihrem Lehrer als
Lachmann-Test benannten. Dieser Test in Strecknähe des Kniegelenkes gilt
heute weltweit als signifikantes Zeichen einer VKB-Verletzung. Die erste
gründliche Beschreibung der klinischen Symptome einer frischen vorderen
Kreuzbandruptur erfolgte durch den französischen Chirurgen und Gynäkologen
Hingot aus dem Jahre 1879 [aus 4]. Operative Maßnahmen an den Kreuzbändern
sind seit etwa 90 Jahren bekannt. Der erste VKB-Ersatz mit einem freien
Sehnenstreifen stammt aus einer Publikation aus St. Petersburg von 1914.
Noch bis in die 1970-er Jahre waren Operationen zur Wiederherstellung der
Funktion eines Kreuzbandes selten, oft wurde konservativ mit Gips oder
Schiene-Hülsenapparaten behandelt. Der Durchbruch in der Kreuzbandchirurgie
gelang dem Rostocker Chirurgen Brückner, der in den 1980-er Jahren die
Brückner-Plastik mit gestieltem Ligamentum patellae einführte. Danach
schritt die Entwicklung der Kreuzbandchirurgie bis zu den heutigen minimal
invasiven Techniken und den Weichteiltransplantaten ständig voran.
Was ist beim Patienten mit Knieverletzung zu beachten?
Die gründliche Anamnese muss Vorschäden, Vorbeschwerden und frühere Unfälle
erfassen. Der Kraftfluss muss, soweit es möglich ist, eruiert werden. Wir
wissen, dass Rotationstraumen bei entsprechender Intensität VKB- und
Nebenverletzungen verursachen können. Starke Valgisationstraumen,
Hyperextensionsmechanismen und
Außenrotations-Flexions-Valgisations-Mechanismen oder
Flexions-Innenrotations-Varisationsmechanismen können VKB-Verletzungen zur
Folge haben. Doch auch Bagatellverletzungen, das Hängenbleiben mit dem Fuß
und vor allem der abrupte Richtungswechsel des Fußballers bei fixiertem
Unterschenkel können zur VKB-Verletzung führen. Ich lasse den Patienten im
Wartezimmer nach seiner Anmeldung und vor der ärztlichen Untersuchung den
Unfallhergang eigenhändig aufschreiben. Seine Angaben muss der Patient durch
Unterschrift dokumentieren. Schon in dieser Phase muss sich der Arzt über
die sportliche und berufliche Aktivität des Patienten informieren. Dabei
muss er das Alter, die Kooperationsfähigkeit und die Erwartungen des
Patienten berücksichtigen und Begleiterkrankungen erfassen. Den
unkooperativen Patienten sollte man eher nicht operieren, wohingegen das
Lebensalter eine untergeordnete Bedeutung für die Kreuzbandoperation hat.
Subjektive und objektive Symptome einer Verletzung
Bei der akuten Läsion berichtet der Patient über sofortige Schmerzen,
funktio laesa, Streck-Beugehemmung und Schwellung des Gelenkes. Viele
Patienten berichten auch über ein Krachen oder einem Knall im Gelenk.
Patienten mit gestörtem Roll-Gleitmechanismus berichten häufig über
subjektive Instabilität, Haltlosigkeit und Unsicherheitl bei
kreuzbandbelastenden Tätigkeiten. Eine objektivere Antwort zur Stabilität
des Gelenkes wird man wohl er auf die Frage „Können Sie sich auf Ihr Gelenk
verlassen?“ bekommen. Desweiteren stehen Schmerz- und Reizzustände,
gegebenenfalls Gelenkblockierungen im Vordergrund. Oft stehen
Hinterhornläsionen der Menisken und Knorpelreaktionen im Vordergrund, da bei
der Instabilität ständig das Kondylenmassiv an den Hinterhörnern der
Menisken abgebremst wird. Dies führt zur allmählichen Zerstörung dieser
Strukturen bis hin zu Hinterhornrampenläsion der Menisken.
Desweiteren muss man nach Kollateralkrankheiten am Stützapparat, nach
Stoffwechselkrankheiten wie Gicht, Diabetes mellitus, auch nach Krankheiten
des rheumatischen Formenkreises, nach Psoriasis vulgaris und nach
Infektionen fragen.
Klinische und bildgebende Diagnostik des Knies
Die Untersuchung sollte immer am beinentkleideten Patienten beginnen. Man
begutachtet das Gangbild, das gesunde Knie, die Muskulatur, die Hüften und
die Wirbelsäule. Erst dann wird das verletzte Knie subtil und in Ruhe
untersucht. Die einschlägigen klinischen Tests, vor allem Lachmann-Test,
Pivot-Shift-Test und andere werden im Seitenvergleich ausgeführt. Das
hintere Kreuzband (HKB) wird subtil geprüft, ebenso wird eine eventuell
pathologische Außenrotation des Unterschenkels als Indiz einer
posterolateralen Instabilität erfasst. Bei positivem Lachmann Test mit
festem Anschlag muss eine Verletzung des HKB erwogen werden. Besonders
wichtig ist, dass die Seitenbänder in Beugung von 20 Grad und in
Streckstellung des Gelenkes geprüft werden, denn Instabilitäten der
Seitenbänder in Streckstellung des Kniegelenkes sind immer ein Indiz für
mögliche Kreuzbandverletzungen.
Röntgen im Liegen und möglichst auch im Stehen
Auf die klinische Untersuchung folgt immer eine Röntgenuntersuchung des
Gelenkes im Liegen, möglichst auch im Stehen, gegebenenfalls auch in
Spezialprojektionen. Ziel ist der Frakturausschluss, die Sicherung von
schattengebenden Fragmenten im Gelenk und knöchernen Bandausrissen sowie
eine Eischätzung des Arthrosegrades.
Seit 1993 entdeckte ich dadurch bei sieben jugendlichen Patienten
Osteosarkome in Knienähe, die dann sofort einer zielgerichteten
hochspezialisierten Therapie zugeführt wurden. Zur Klassifizierung der
Instabilität und beim Verdacht bei klinisch nicht klaren Fällen werden
Stressaufnahmen mit dem Telos-Haltegerät unter standardisierter Belastung
auch des gesunden Gelenkes ausgeführt (siehe Abb. 1). Von einer
VKB-Verletzung oder -Insuffizienz darf man erst sprechen, wenn eine hintere
Kreuzbandläsion mit Sicherheit ausgeschlossen ist [6,1]. Aus diesem Grund
führe ich bei geringstem Verdacht auf eine hintere Kreuzbandverletzung fast
standardmäßig eine Stressradiographie des HKB durch. Dies schützt vor
falscher Therapiestrategie mit fatalen Konsequenzen. Erst jetzt ist bei
weiterer Fragestellung die Indikation für die Magnetresonanztomographie
(MRT) gegeben. Die MRT besitzt in der Diagnostik von Kreuzbandverletzungen
zweifellos einen hohen Stellenwert. Sie sichert Begleitverletzungen, vor
allem am Knorpel und an den Menisken, so auch die „bone bruises“.
Viele Patienten fordern MRT als Screening-Untersuchung
Die MRT muss im Liegen angefertigt werden und liefert eine morphologische
Diagnose ohne Aussage zur Gelenkfunktion. Viele Patienten fordern die MRT
und erwarten, dass sie als Screening-Untersuchung vor der klinischen
subtilen Prüfung und vor einer Röntgenuntersuchung in Auftrag gegeben wird.
Dem muss man widersprechen, denn eine MRT muss klar indiziert sein. Die
Diagnosen Kniedistorsion oder Kniekontusion sind lediglich Arbeitsdiagnosen,
hinter denen sich immer morphologische Schäden der Gelenkstrukturen
verbergen, die es abzuklären und zu therapieren gilt. Eine diagnostische
Arthroskopie besonders zur Behandlung des postoperativen Hämarthros sollte
nicht stattfinden. Dieser resorbiert sich unter konservativer Therapie und
Entlastung. Im Hämarthros sind Wachstumsfaktoren vorhanden, die auch zur
Spontanheilung von Meniskusrissen beitragen. Reseziert man ein gerissenes
VKB, entledigt man sich einer wertvollen späteren Orientierungshilfe für den
tibialen Tunnel im Rahmen einer Ersatzoperation. In tibialen Restfasern
können noch Rezeptoren vorhanden sein, die für die Propriorezeption wichtig
sind. Eine unnötige Operation kann eine Hoffafibrose mit anhaltenden
Gelenkstörungen auslösen. Oft habe ich in Operationsberichten von
„vorbereitenden Maßnahmen“ und von „vorbereitender Notchplastik“ gelesen.
Man nimmt dabei allgemeine chirurgische und Narkoserisiken in Kauf. In
dieser Phase ist kommerzielles Denken aber fehl am Platz.
Eine diagnostische Arthroskopie ist bei speziellen Fragestellungen im Rahmen
der Therapie chronischer Instabilitäten angezeigt, sollte aber dann gleich
in eine therapeutische Arthroskopie überleiten.Weitere Zusatzuntersuchungen
wie Szintigrafie, Arteriografie sind speziellen Fragestellungen vorbehalten.
Planung und Durchführung des operativen Eingriffs
Ein umfassendes Aufklärungsgespräch mit dem Operateur persönlich und in
gebührendem Abstand zur Operation ist unabdingbar. Ich verwende meinen
eigenen Aufklärungbogen, der alle therapeutischen Optionen umfasst und
mögliche Komplikationen umfassend und verständlich darstellt. Am Ende
entscheidet der Patient über den Zeitpunkt der Operation und auch die
Transplantatwahl. Lange Zeit galt es als Goldstandard, besonders bei akuter
Verletzung sofort oder innerhalb von sechs Wochen zu operieren. Dies kann
allerdings eine Arthrofibrose und Hoffafibrose heraufbeschwören. Heute
müssen Patienten auch hinsichtlich des Erhaltes ihres Arbeitsplatzes genau
planen. Dies beeinflusst die Wahl des Operationszeitpunktes und der
OP-Methode. Die VKB-Plastik sollte heute vornehmlich als arthroskopische
Operation ausgeführt werden. Große Gelenkeröffnungen erfolgen nur bei
Sonderindikationen. Dafür stehen uns heute folgende Transplantate zur
Verfügung:
•
Ligamentum patellae in BTB-Technik. Verankerung mit Press-Fit-Technik
oder
Schrauben
• Weichteiltransplantate (Semitendinosussehne und oder Gracilissehne;
Qudrizepssehne mit oder ohne Knochenanteil der Patella),
• Fascia lata,
• Allografts,
• Kunstbänder, die heute aber höchstens in Ausnahmesituationen
angewandt werden.
Zum Verankern der Transplantate gibt es folgende Möglichkeiten:
• Press-Fit-Verankerungen der Knochendübel bei Lig. patellae BTB in
den
Bohrkanälen, wobei Felmet [7] auch Weichteiltransplantate in spezieller
OP-Technik
in den Bohrkanälen in Press-Fit-Technik verankert.
• Metallschraubenverankerungen; Transfixationssysteme
unterschiedlicher Hersteller;
Stapels, Fixationsbutten unterschiedlicher Hersteller.
• Verwendung bioreorbierbarer Schrauben und Fixationsmaterialien,
Transfixationsysteme unterschiedlicher Hersteller |
Ein sehr
modernes Verfahren ist die Hybridfixation des Transplantats. Man nutzt hier
die Vorteile verschiedener Systeme und reduziert deren Nachteile.
Favorisiert man eine anatomische Transplantatverankerung, erfolgt die
Verankerung des Transplantates gelenknah, etwa mit bioresorbierbaren
Schrauben. Die periphere Verankerung dient als zweite Sicherung, die eine
Tunnelerweiterung und auch den Bungee-Effektes reduziert.
Exakte Tunnelpositionierung in der Kreuzbandchirurgie
Von eminenter Bedeutung ist die exakte Tunnelpositionierung in beiden Ebenen
des Raumes. In der seitlichen Ebene ist eine Fixierung des Transplantates
femoral sehr weit dorsal in Region vier nötig. Tibial muss möglichst in
Region 2-3 inseriert werden. Ansonsten ist eine Transplantatversagen durch
Überlastung und das Notchimpingement vorprogrammiert. Notchplastiken werden
nur sehr selten durchgeführt. In der anterior-posterioren (a.p.) Ebene
sollte beim rechten Knie der Tunnel bei 10:00 Uhr und beim linken Knie bei
14:00 Uhr liegen. Diese Position sichert Rotationsstabilität, die vom
posterolateralen Bündel des intakten VKB gesichert wird. Die steile, hohe
Fixation des Transplantates sichert nur die a. p. Translation, nicht aber
die Rotationskomponente des Gelenkes. Die Doppelbündeltechnik versucht diese
anatomische Gegebenheit nachzuvollziehen und zu realisieren. Bei der
Transplantatfixation ist die Tibia das größere Problem. Die oft sehr weiche
Spongiosa erschwert bei vielen Fixationstechniken die primäre stabile
Sofortfixation, knöcherne Einheilung und Tunnelerweiterung werden.
Eigene Ergebnisse aus den Jahren 1993 bis 2009
Zwischen 1993 und 2009 habe ich 4.857 VKB-Rekonstruktionen durchgeführt,
davon waren 3.935 Erstersatzoperationen. In 922 (rund 19 Prozent) Fällen
waren Revisions-Wechseloperationen wegen Transplantatversagen nötig. Diese
Zahl ist seit Jahren konstant, denn diese Patienten kommen gezielt und
wollen therapiert werden.
Bis 1998 verwendete ich grundsätzlich das Lig. patellae als Transplantat.
Nach Empfehlungen von Eichhorn und Strobel wechselte ich zu
Weichteiltransplantaten, denn Untersuchungen zeigten, dass Lig. patellae
trotz perfekter Stabilisierung Beschwerden bereiten können [10]. Es ist bei
mir an Platz zwei gerückt und speziellen Indikationen vorbehalten, vor allem
Revisionsoperstionen. Kunstbänder habe ich nie eingesetzt. Insgesamt nutzte
ich folgende Transplantate:
• Ligamentum patellae n = 789
• Semitendinosussehne n = 924
• Semitendinosus- und Gracilissehne n = 2.670
• Quadrizepssehne ohne patellaren Knochendübel n = 297
• Quadrizepssehne mit patellaren Knochendübel n = 38
• Fascia lata n = 31
Bei Teilläsionen, besonders femoral und bei genügend Gewebe, führte ich in
311 Fällen Narbeninduktionen als Tissue-Response-Technik aus. Diese Fälle
werden länger nachbeobachtet und geführt. In 71 Fällen (23%) erfolgte
innerhalb von fünf Jahren ein Wechsel zu einem Weichteiltransplantat.
Bei Kindern führte ich im genannten Zeitraum 77 VKB-Rekonstruktionen mit
Weichteiltransplantaten aus. Bei sechs jungen Kindern wurde die
interligamentäre Ruptur geklebt. Sie werden langfristig im Einvernehmen mit
den Eltern nachbeobachtet. Bei einem Kind war nach drei Jahren nach Klebung
ein Wechsel zu Semitendinosussehne nötig.
Wachstumsstörungen bei Kindern sind vermeidbar
Kindliche VKB-Rupturen sollten operativ versorgt werden, denn das Risiko der
Meniskuszerstörung – vor allem des Außenmeniskus und frühzeitige irreparable
Knorpelschäden – ist größer als vermutete Wachstumsstörungen mit Genu varum
oder Genu valgum infolge des Überbohrens der Wachstumsfugen.
Wenn man sich an die Regel hält, die Bohrtunnel exakt zu platzieren, diese
nicht allzu weit anzulegen und kein Fremdmaterial einschließlich
Knochenblöcke in die Wachstumsfuge einzubringen, dann ist eine gute, nicht
wachstumsstörende Einheilung des Transplantates möglich. Ich fixiere
grundsätzlich peripher femoral mit Endotrack und tibial peripher mit Suture
Disc.
Transplantate scheinen bei Kindern mitzuwachsen
Die Kinder erhalten postoperativ eine Orthese zum Schutz des Transplantates
und eine Sportbefreiung für ein Jahr. Sie werden in Absprache mit den Eltern
langfristig kontrolliert. Bei Einhaltung der Operationskriterien scheinen
die Transplantate mitzuwachsen. Vier Transplantate wurden infolge von
Fußball-Traumata inzwischen gewechselt (Semitendinosus von kontralateral und
Quadrizepssehne). Diese Vorgehensweise entspricht den Empfehlungen der
Literatur [1,9]. Von den Lig. patellae-Transplantaten fixierte ich etwa 50
Prozent mit Metallinterferenzschrauben und 50 Prozent in
All-Press-Fit-Technik. Bei den Weichteiltransplantaten habe ich die Fixation
mit Cross Pins und Transfixsystemen verlassen, da mir die Fixation femoral
zu unsicher oder auch zu rigide ist. Tibial sah ich Transplantatlockerungen
oder ein Wandern der Pins in die Weichteile mit schweren vorderen
Knieschmerzsyndromen. Ich beobachtete besonders beim Transfixsystem
Implantatbrüche, massive Tunnelerweiterungen femoral sowie biomechanische
Probleme. Bei diesen Systemen gerät man oft in eine High-Noon-Position, die
biomechanisch ungünstig ist und eine Wechseloperation erfordert. Ich
verankere die Weichteiltransplantate in Hybridtechnik in anatomischer
Positionierung. Die Fixation erfolgt gelenkfern und gelenknah. Zur
gelenknahen Fixation verwende ich bioresorbierbare Interferenzschrauben. Am
tibialen Tunnel präpariere ich besonders sorgfältig.
Neben dem Kompressionseffekt der Megafixschraube auf das Transplantat führe
ich in den Tunnel noch Reste von Knochenmaterial und ein Hämostyptikum ein
und verschließe das Periost mit Weichteilen mittels einer Tabaksbeutelnaht
über dem Disc. Hierdurch scheint der Blood-Clot besser im Tunnel zu
verbleiben und zusätzlich wirkt im Sinne eines Tissue-Response-Mechanismus.
Ich beobachte ein schnelles knöchernes Einheilen des Transplantates (siehe
Abb. 2). Frisch operierte Kniegelenke stelle ich für zwölf Tage bis zur
Fadenentfernung mit einer Schiene in 20 Grad Beugung ruhig. Nach
Fadenentfernung am 12. postoperativen Tag wird die Orthese in limitierter
Freigabe der Beweglichkeit individuell für den Patienten angelegt und das
Transplantat geschützt. Wir setzen keine Motorschiene ein und vermeiden eine
forcierte Streckung.
Die Belastungsfreigabe erfolgt individuell. Die Rehabilitation findet im
angeschlossenen Rehazentrum frühestens vier Woche postoperativ statt. Bis
dahin erfolgen milde Physiotherapie, manuelle Lymphdrainage und
Elektrostimulation der Muskulatur. Eine Patellamobilisierung erscheint mir
obligat.
Intraoperativer Bildwandler bei Unklarheiten
Ich behandele die Patienten persönlich nach. Unter diesen Bedingungen konnte
ich das Problem der Tunnelerweiterung minimieren. Ich positioniere den
femoralen Tunnel grundsätzlich in Region 4 im seitlichen Strahlengang und
über eine anteromediale Porta mit Zielrichtung 10:00 Uhr am rechten und
14:00 Uhr am linken Knie. Bei Unklarheiten wird intraoperativ der
Bildwandler eingesetzt und nach der Quadrantenmethode von Bernard und Hertel
[15] navigiert. Der zusätzliche Zeitaufwand ist minimal und darf keine Rolle
spielen. Ich stelle mir die tibiale Insertion immer durch Schwenken der
Optik in 12:00 Uhr-Position dar und führe vor der Transplantatverankerung
einen Impingementtest in maximaler Kniestreckung aus. Dazu führe ich einen
Tunneldilatator ein.Ganz wichtig ist die Beachtung von Begleitschäden im
Gelenk. Dies betrifft vor allem Meniskus- und Knorpelverletzungen sowie
weitere Bandverletzungen. Ich führte bei 4.857 VKB-Operationen in 3.987
Fällen Zusatzeingriffe aus, möglichst in gleicher Sitzung und ansonsten
zweizeitig. Der Meniskuserhalt hat den Vorrang vor der -resektion. Bei
Kreuzbandverletzungen wurde auch bei gravierenden Problemen zweizeitig
operiert.
Größere Eingriffe zusammen mit der VKB-Plastik
In 48 Fällen erfolgte eine hohe tibiale Umstellungsosteotomie mit Tomofix,
in 56 Fällen wurde mit Hemiprothese oder Hemi-CAP von 2 Med kombiniert
(siehe Abb. 3), in 174 Fällen erfolgten knorpelerhaltende Maßnahmen von
Mikrofrakturtechnik als Tissue-Response-Verfahren, OATS und autologer
Chondrozytentransplantation oder Versorgung mit Geistlich-Membran und
Mikrofracture-Technik. In 11 Fällen wurde vor dem VKB-Ersatz eine
HKB-Plastik als zweizeitige Operation durchgeführt. Bei zwei Patienten
erfolgte die simultane VKB- und HKB-Plastik. In 49 Fällen wurde die
VKB-Plastik bei lateraler Instabilität mit posterolateraler Stabilisierung
in modifizierter Larsen-Technik nach Strobel kombiniert. Die Ergebnisse sind
sehr gut. Seit 2007 führte ich 69 VKB-Plastiken mit Weichteiltransplantaten
in der Press-Fit-Technik nach Felmet aus. Das Verfahren erfordert spezielles
Instrumentarium, ist sehr anspruchsvoll und für den Anfänger nicht zu
empfehlen. Es birgt vor allem tibial Gefahren. Bei femoralen Probleme kann
man mit einer bioresorbierbaren Schraube Abhilfe schaffen. Es gibt aber
Patienten, die Fremdimplantate im Gelenk grundsätzlich ablehnen.
Anatomie ist oft anders als Vorstellung des Operateurs
Seit 2008 führte ich 41 Doppelbündelrekonstruktionen nach Petersen und
Zantop [8] aus. Die Technik ist anspruchsvoll und trainingsbedürftig. Wenn
man femoral über eine anteromediale Porta bohrt, ist der Unterschied zur
Einbündeltechnik nicht groß. Tibial muss man sich von der Vorstellung der
Insertion vor den HKB lösen, denn die Anatomie unterscheidet sich von der
Vorstellung des Operateurs. Derzeit ist nur die periphere
Transplantatverankerung technisch möglich. Die Bohrkanäle liegen jeweils
zwischen 4 bis 6 mm. Grundsätzlich verwende ich die Semitendinosussehne für
das anteromediale Bündel und die Gracilissehne für das posterolaterale
Bündel. Ich nehme diese Sehnenanteile, damit ich maximalen
Sehnen-Knochenkontakt habe. Soweit machbar, führe ich gelenknah in die
Bohrkanäle einen Knochenchip aus der Notch oder aus der Tibia in die Tunnel
ein, um sie zum Gelenk hin möglichst abzudichten. Ausspülungen der Dübel
habe ich nicht beobachtet. Die Patienten werden wie nach Einbündeltechnik
nachbehandelt.
Rekonstruktion isolierter Bündel bei Teilverletzungen
Bisher beobachtete ich keine Insuffizienz der Transplantate. In elf Fällen
sah ich mäßige birnenförmige Tunnelerweiterungen. Bisher wurde kein Patient
nacharthroskopiert.
Längst führe ich bei Teilverletzungen isolierte Bündelrekonstruktionen aus,
wenn etwa nicht mehr genügend Material für eine Narbeninduktion vorhanden
ist. Ich handele nach dem Motto: „Erhalte, was zu erhalten ist.“ Die
Ergebnisse sind gut.
Teil 2 im nächsten Heft: Fehler bei VKB-Plastik, HKB-Plastik, Kasuistik
Autor: Dr. Ullrich Gebhardt, Chirurgisch-Unfallchirurgische
Gemeinschaftspraxis Bautzen, Ambulantes Gelenkoperationszentrum Oberlausitz
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