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Ein
konservativer Therapieversuch kann nur bei irreparablen Rupturen der
Rotatorenmanschettenmassen alter Patienten erwogen werden. Hier führte ein
kontrolliertes physiotherapeutisches Deltoideus-Training zu einer relevanten
Verbesserung der Schulterfunktion [Baydar et al. 2009]. Eine frühzeitige
Rekonstruktion bei Rotatorenmanschettenrupturen mit akut einsetzenden
Symptomen ergab signifikant bessere Ergebnisse. Später zeigten sich
Nachteile durch eine zunehmende Ausdehnung der Ruptur sowie durch
Elastizitätsverlust. Bei chronischen Rotatorenmanschettenrupturen war bei
dem eigenen Patientenkollektiv kein Einfluss der präoperativen Symptomdauer
auf das funktionelle Ergebnis nachweisbar. Aus der Literatur ergeben sich
die folgende Therapieempfehlungen für die Differenzialtherapie.
Partialrupturen
Bei artikularseitigen SSP-Partialläsionen (Partial Articular Supraspinatus
Tendon Avulsion, PASTA) Ellman I° und II° zeigten sich in 87 Prozent „gute“
und „sehr gute“ Ergebnisse nach arthroskopischer subakromialer Dekompression
und Debridement [Liem 2008]. Nur 3 Prozent wiesen einen Progress zu
Komplettruptur in einem Nachuntersuchungszeitraum von median 50 (36 bis 86)
Monaten auf [Liem 2008]. Für höhergradige artikularseitige
SSP-Partialläsionen nach Ellman III° mit mehr als fünf Millimeter
freiliegender SSP-Insertionszone (Footprint) ergab ein sogenannter
arthroskopischer PASTA-Repair in über 98 Prozent der Fälle „gute“ Ergebnisse
nach einem Mindest-Follow-up von zwei Jahren [Castagna et al. 2009]. Dabei
werden zwei Anker transtendinös von subakromial eingebracht und so
verknotet, dass zwei parallele Fadenbrücken entstehen, welche die abgehobene
SSP-Sehne auf dem Footprint refixieren [Friedmann et al. 2007]. Als
Prädiktoren für ein gutes funktionelles Ergebnis ließen sich ein jüngeres
Patientenalter, eine traumatische Läsion und ein großflächiger freiliegender
Footprint ableiten [Castagna et al. 2009].
Komplettrupturen: Mini-open oder arthroskopisch?
Die Literatur beschreibt vergleichbare funktionelle Ergebnisse und
Rerupturraten nach arthroskopischen und Mini-open-Techniken. Wobei den
arthroskopischen Techniken in der Hand des arthroskopisch versierten
Operateurs der Vorzug zu geben ist, um die bekannten Vorteilen einer
minimal-invasiven Operationstechnik ausschöpfen zu können:
• geringe peri- und postoperative Morbidität,
• geringes Weichteiltrauma,
• geringer Blutverlust,
• reduziertes Risiko für postoperative Adhäsionen oder Infektionen,
• kleine Operationsnarben und
• Mitbehandlung möglicher Begleitpathologien.
Initial erfolgte die arthroskopische SSP-Rekonstruktion in einer einreihigen
Fadenankertechnik. Experimentelle biomechanische Studien zeigten, dass
einreihige Techniken eine maximale Deckung des Footprints von zwei Dritteln
erzielen konnten. Doppelreihige Fadenankertechniken führten zu einer
flächigeren Rekonstruktion der Insertionszone mit einer erhofften höheren
mechanischen Stabilität, geringeren Rerupturraten und verbesserter Funktion.
Die experimentell nachgewiesenen Unterschiede zwischen einreihigen und
doppelreihigen Rekonstruktionsverfahren zeigten bisher in klinischen Studien
bei kleinen und mittleren SSP-Rupturen keinen signifikanten Unterschied in
der Schulterfunktion.
Bei großen SSP-Rupturen hingegen zeigten sich signifikant bessere Ergebnisse
nach doppelreihigen Rekonstruktionstechniken [Park et al. 2008]. Auch
zeichneten sich geringere Rerupturraten ab [Sugaya et al. 2005, Franceschi
et al. 2007]. Die Rerupturraten nach SSP-Rekonstrution liegen für einreihige
¬Techniken bei 25 bis 89 Prozent [Galatz et al. 2004, Liem et al. 2007] und
für doppelreihige Techniken bei vier bis 31 Prozent [Franceschi et al. 2007,
Sugaya et al. 2005, eigene Daten].
Eigene Ergebnisse
Wir führen als Standardrekonstruktionsverfahren eine doppelreihige
Suture-Bridging-Technik durch. Dazu werden vier Arthroskopieportale
benötigt: das posteriore, das anteroinferiore, das anterolaterale und
posterolaterale Portal. Zunächst wird der Rupturrand sparsam debridiert und
der Footprint angefrischt. Anschließend wird der SSP mobilisiert, bis eine
spannungsfreie Refixation möglich ist. Diese erfolgt zunächst über eine
mediale Fadenankerreihe. Die Fäden werden als Matratzennähte verknotet und
anschließend nicht abgeschnitten. Die Fadenenden werden sodann über dem
Sehnenrand platziert und mit ein bis zwei knotenlosen Fadenankern in zweiter
Reihe fixiert. Dies ermöglichte eine flächige Auflage des SSP-Randes auf dem
Footprint. Bei größeren L- oder U-förmigen Läsionen können die Rupturränder
vor Refixation durch Seit-zu-Seit-Nähte in der Margin-Convergence-Technik n.
Burkhart [Burkhart et al. 1996] adaptiert werden.
51 konsekutive, in Suture-Bridging-Technik versorgte Patienten konnten
prospektiv zwölf Monate postoperativ nachuntersucht werden. Das mediane
Alter betrug 62 (37 bis 76) Jahre.
96 Prozent der Patienten waren mit dem Operationsergebnis „zufrieden“. 82
Prozent zeigten ein „sehr gutes“ und „gutes“ Resultat im Constant Score.
Dieser verbesserte sich im Vergleich zu den präoperativen Werten signifikant
im Gesamtscore sowie in den Einzelparametern Schmerz, Alltagsaktivität,
Bewegungsumfang und Kraft. Er lag zwölf Monate postoperativ bei median 96
(49 bis 100) Punkten. 45 dieser Patienten erhielten zwölf Monate
postoperativ eine MRT-Untersuchung der betroffenen Schulter. Hier zeigte
sich bei sechs von 45 Patienten eine fehlende Einheilung der Sehne und bei
fünf von 45 Patienten eine Reruptur medial der Refixationszone.
Altersgrenze für die Rekonstruktion?
Bei Patienten über 60 Jahre wurde in der eigenen Studie eine signifikant
höhere Rerupturrate beobachtet. Auch die Literatur beschreibt deutlich
höhere Rerupturraten bei über 65-jährigen Patienten [Boileau et al. 2005],
so dass in dieser Altersgruppe unter Berücksichtigung des vor bestehenden
fettigen Degenerationsgrades und des muskulären Atrophiegrades die
Indikation zur Rekonstruktion kritisch zu stellen ist.
Nachbehandlung
Nach alleiniger subakromialer Dekompression und Debridement erfolgt eine
frühfunktionelle Nachbehandlung ohne Limitierung. Nach SSP-Rekonstruktion
wird die Schulter zunächst für zwei Tage in einem Gilchrist-Verband
ruhiggestellt. Am dritten postoperativen Tag erhält der Patient ein 15°-Abduktionskissen
für sechs Wochen. Während dieser Zeit werden passive Bewegungsübungen bis
zur Schmerzgrenze durchgeführt. Anteversionen und Abduktionen über 90° sowie
die Außenrotation sind nicht erlaubt. Ab der siebten postoperativen Woche
erfolgen aktiv-assistive Übungen ohne Limitierung. Nach drei Monaten beginnt
die Rückkehr zu sportlichen Aktivitäten. Wurf- und Kontaktsportarten sowie
schwere Überkopfarbeiten werden frühestens nach sechs Monaten empfohlen.
Nicht rekonstruierbarer Defekt
Bei nicht rekonstruierbarer SSP-Massenruptur kann eine Latissimus dorsi-
Transferoperation erwogen werden [Gerber et al. 2006]. Indikationen dazu
werden bei retrahierten posterosuperioren Rotatorenmanschettendefekten
jüngerer Patienten (≤ 60 bis 65 Jahre) mit hohem funktionellen Anspruch
sowie Abduktions- oder Außenrotationsschwäche gesehen. Der akromiohumerale
Abstand sollte über fünf Millimeter betragen. Voraussetzung ist ein intakter
M. subscapularis. Eine Verbesserung des Constant scores von 55 auf 73
Prozent wurde beschrieben [Gerber et al. 2006]. Prädiktoren für gute
Ergebnisse waren eine relativ gute präoperative Schulterfunktion, eine hohe
Muskelkraft, das männliche Geschlecht sowie die intakte M. subscapularis und
Deltoideus-Funktion. Beim alten Patienten über 70 Jahre mit Cuffarthropathie
bei RM-Massenruptur ist eine inverse Prothese indiziert. Bei irreparabler
RM-Massenruptur und Plexusläsion sowie nach rezidivierenden Infekten nach
prothetischer Versorgung kann die Ultima ratio in einer Arthrodese bestehen.
Ambulante oder stationäre Operation?
Die Indikation für eine ambulante Operation ergibt sich aus der Größe des
Eingriffs, dem Gesundheitszustand des Patienten und dem sozialen
Patientenumfeld. Kontraindikationen für einen ambulanten Eingriff sind
Vorerkrankungen und Risikofaktoren, postoperativ ambulant nicht
beherrschbare Schmerzen, unzureichende häusliche Nachsorge sowie eine
suboptimale Terminkoordination und lange Wege zum Nachbehandler. Als
nachteilig erwies sich ein verspäteter Beginn der Physiotherapie mit
insgesamt weniger Behandlungen.
Die subakromiale Dekompression mit Debridement ist bei gutem
Gesundheitszustand des Patienten und gesicherter Nachsorge problemlos
möglich und bereits weit verbreitet.
Für rekonstruktive schulterarthroskopische Eingriffe gibt es bisher in
Deutschland keine allgemeingültige Empfehlung für die ambulante
Durchführung. Aus den USA liegen vereinzelte Daten vor, die bei guter
Patientenselektion von ambulanten Rotatorenmanschetten-rekonstruktionen
berichten [Cordasco et al., 2000].
Aufgrund der besseren Möglichkeiten eines postoperativen Schmerzmanagements
und dem Einleiten einer frühen Physiotherapie sollten nach unseren
Empfehlungen rekonstruktive Eingriffe weiterhin unter stationären
Bedingungen erfolgen.
Literatur
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Autoren: Dr.
Christine Voigt, Prof. Helmut Lill
Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Diakoniekrankenhaus
Friederikenstift gGmbH Hannover
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