Hernienchirurgie: Ambulantes Operieren – trotz anerkannter Vorteile ein Subventionsfall


Die moderne Hernienchirurgie sollte nach aktuellem Wissensstand spannungsfrei, mit Netz und ambulant erfolgen. Sie bietet Vorteile für Patienten und Kostenträger, nicht jedoch für die Leistungserbringer in Klinik oder Praxis. Diese müssen die ambulante Hernienchirurgie bis dato meist quersubventionieren, wie Dr. Martin Pöllath berichtet.

Bis zu 75 Prozent der am häufigsten durchgeführten Operationen können heute ohne Nachteile für den Patienten ambulant durchgeführt werden. Nachdem verschiedene Gutachten milliardenschwere Einsparungen durch konsequente ambulante Leistungserbringung bei gleich bleibender Qualität ermittelt hatten, verankerte Horst Seehofer 1992 in seinem „Gesundheitsstrukturgesetz“ erstmalig die Förderung des ambulanten Operierens.

Katalog nach § 115b enthält auch Hernienoperationen
Im Jahr 2000 forderte der Gesetzgeber die Vertragspartner (Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV, Deutsche Krankenhausgesellschaft DKG und die Spitzenverbände der Krankenkassen) auf, einen Katalog regelhaft ambulant zu erbringender Eingriffe nach § 115b SGB V zu erstellen. Dieser Katalog wurde im März 2005 aktualisiert und trat am 1. April 2007 in der neuen Fassung in Kraft. Er enthält auch die Eingriffe bei Bauchwandhernien.

Das Verlagerungspotenzial ist gewaltig. So liegen die abdominalen Hernien in Bezug auf ihre Häufigkeit seit Langem in der Spitzengruppe. Im Jahr 2006 wurden in den Krankenhäusern 212.000 Hernieneingriffe bei vollstationären Patienten durchgeführt. Das entspricht dem vierten Rang der 50 häufigsten Eingriffe. Darunter finden sich allein 175.00 Leistenhernien [1].

Wenig Anreize für Kliniken zum ambulanten Operieren
Allerdings gibt es für Kliniken bis heute wenig Anreize zum ambulanten Operieren, weil diese Leistungen im Verhältnis zur stationären Durchführung extrem schlecht vergütet werden. Deshalb werden in Deutschland nach wie vor zirka 80 Prozent aller Hernieneingriffe stationär erbracht. Die gesetzlich geforderte Verlagerung vom stationären in den ambulanten Sektor wurde bisher in keiner Weise umgesetzt.

Dem stehen die modernen Möglichkeiten und Vorteile des ambulanten Operierens gegenüber. Die Kompetenz auf diesem Gebiet liegt historisch gewachsen bei den niedergelassenen Chirurgen. Sie waren es, die Anfang der 1990er Jahre die internationale Entwicklung und nationale Vorgaben aufgriffen und flächendeckend ambulante Operationseinheiten aufbauten. Im Rahmen dieser Niederlassungswelle gründete auch der Autor 1994 eine chirurgische Praxisklinik mit dem Schwerpunkt „ambulantes Operieren“.

Ambulantes Operieren am Beispiel der Leistenhernie
Eigene Erfahrungen werden am Beispiel der Leistenhernie dargestellt, da sie exemplarisch auch auf die anderen Bauchwandhernien, namentlich Nabelhernien, epigastrische Hernien, aber auch Narbenhernien übertragen werden können. Wir folgen in unserer Praxisklinik bei der Operation der Leistenhernie konsequent den Prinzipien: offen, mit Netz und ambulant. Den endoskopischen Zugang (TAPP, TEP) halten wir für einen Irrweg, weil der Aufwand das Ergebnis nicht rechtfertigt. Das Verfahren verursacht zum einen hohe Gesamtkosten und erfordert eine lange Lernkurve.

Endoskopische Verfahren haben nur wenige Vorteile
Zum anderen geht es mit einer höheren Rezidivrate einher, es sei denn, der Operateur ist ein sehr erfahrener Chirurg, der bereits mehr als 250 Eingriffe selbstständig durchgeführt hat. Darüber hinaus kommt es bei den endoskopischen Verfahren zu seltenen, aber lebensbedrohlichen Komplikationen wie Darmperforationen [2]. Diesen Nachteilen stehen nur etwas geringere postoperative Schmerzen und eine minimal kürzere Arbeitsunfähigkeit als Vorteile gegenüber [3].

Netzimplantation als entscheidende Innovation
Die entscheidende Innovation der vergangenen 20 Jahre ist der spannungsfreie Bruchlückenverschlusses, welcher nur durch die Implantation eines Netzes realisiert werden kann. Dadurch ließen sich äußerst niedrige Rezidivraten von ein bis zwei Prozent bei der Operation einer primären Leistenhernie erreichen.

Auch in Bayern werden mittlerweile die meisten Leistenhernien mit einem Netz verschlossen. Bei den offenen Verfahren mit Netz konkurrieren die Methode nach Lichtenstein (Onlay-Netz) und die Plug- und Patch-Methode (Sublay-Netzplombe plus Onlay-Netz) nach Rutkow miteinander.

Wir bevorzugen die Plug-Methode, weil der entscheidende Reparaturvorgang, nämlich die Implantation der Netzplombe, analog dem endoskopischen Vorgehen im präperitonealen Raum erfolgt und der Plug als maßgebliches Netzimplantat in Sublay-Position zu liegen kommt. Die Lichtenstein-Reparatur hingegen findet in Onlay-Position statt.

Grundsätzlich handelt es sich aber bei beiden Methoden um spannungsfreie Eingriffe, deren Ergebnisse – gemessen an postoperativem Schmerz, Heilungsdauer und Rezidivrate – ähnlich gut sind. Wir sehen Vorteile in der Plug- und Patch-Reparatur und operieren daher seit acht Jahren fast alle Leistenhernien bei Erwachsenen nach dieser Methode.
Unser Vorgehen wird durch die Ergebnisse einer randomisierten und kontrollierten Multicenter-Studie aus der Schweiz gestützt. In dieser Studie wurden 300 Patienten nach Lichtenstein und 300 Patienten mit dem PerFix™Plug operiert. Es zeigte sich, dass in der Lichtenstein-Gruppe Reoperations- und Rezidivrate etwas höher waren [4].

Die Ergebnisse von 4.400 Eingriffen mit Netzplombe finden sich in einer Publikation von Rutkow [5]. Seine Rezidivrate bei den indirekten Inguinalhernien liegt unter einem Prozent, bei den direkten bei zwei Prozent. Es gibt nur wenige sachliche Gründe, die Chirurgie der Leistenhernie und auch anderer Bauchwandhernien nicht ambulant durchzuführen. Diese sind:
• fehlende organisatorische Voraussetzungen für eine ambulante OP (häusliche
   Versorgung, Transport und Telekommunikation nicht gesichert),
• schlechter Allgemeinzustand des Patienten (> ASA III) oder mangelnde Compliance,
• übergroße Skrotal- oder Narbenhernien.

Wegen der evidenten Vorteile führen wir seit 14 Jahren Hernienoperationen bei Patienten, die nicht unter die genannten Ausschlusskriterien fallen, ausschließlich ambulant durch.

Vorteile für Patient, Chirurg und Kostenträger
Die prä-, intra- und postoperative Behandlung des Patienten erfolgt von der Diagnosestellung bis zum Behandlungsende durch den gleichen Arzt des Vertrauens. Auch der Kassenpatient erhält eine durchgehende „Chefarztbehandlung“, denn Facharztstandard ist beim ambulanten Operieren die Norm. Das häusliche Umfeld und die vertrauten Personen bleiben erhalten.

Für die Durchführung ambulanter Operationen gelten die gleichen Qualitätsnormen wie für stationäre Einrichtungen, deren Einhaltung von den staatlichen Organen und der ärztlichen Selbstverwaltung kontrolliert wird. Die Komplikationsrate insbesondere in Bezug auf nosokomiale Infektionen ist mit 0,25 Prozent beim ambulanten Operieren geringer als bei stationärer Versorgung mit 0,50 Prozent Infektionsrate [6].

Der Kassenpatient spart sich die Zuzahlung von zehn Euro pro Tag bei stationärem Aufenthalt. Dies entspricht bei einem durchschnittlichen stationären Aufenthalt von fünf Tagen in Bayern bei Operation einer Leistenhernie 50 Euro, denen lediglich zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal gegenüberstehen.

Bessere Patientenbindung und Vorteile im Wettbewerb
Der ambulante Chirurg erweitert sein Tätigkeitsfeld auf die häufigste allgemeinchirurgische Operation. Das große Feld der Hernienchirurgie wird somit wieder zur Kernaufgabe seiner eigenen Tätigkeit. Durch diese sehr patientenfreundliche Chirurgie erhöht er die Patientenbindung und seine Wettbewerbsfähigkeit.

Obwohl die Honorare für Hernieneingriffe nach dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) zum Teil erschreckend niedrig sind, lässt sich der wirtschaftliche Erlös für den niedergelassenen Chirurgen durch ambulante Operationen in der Summe dennoch steigern – jedenfalls bis dato in Bayern und bei Betrachtung als Mischkalkulation, welche auch Privatpatienten einbezieht. Bei einer Hyperspezialisierung ausschließlich auf die Hernienchirurgie ist unter den Bedingungen des EBM die Wirtschaftlichkeit dieser Einheiten jedoch derzeit fraglich. Unabdingbar für den finanziellen Erfolg sind deshalb extrem schlanke Strukturen der Leistungsanbieter.

Durch die niedrigeren Preise im ambulanten Sektor spart die Krankenkasse Geld. So erhält das Krankenhaus 2.000 Euro Vergütung für eine stationäre Leistenhernien-OP beim Kassenpatienten (Basis-Fallwert 2.900 Euro, Relativgewicht 0,718 bei zwei Nächten im Krankenhaus).

Allein Bayern könnte jährlich 20 Millionen Euro sparen
Im ambulanten Bereich nach den Sätzen des EBM fallen je nach Art des Eingriffs nur 400 bis 500 Euro (zuzüglich rund 400 Euro für die Anästhesie und Netzkosten von 60 bis 160 Euro) an, dies ergibt eine Gesamtsumme von 860 bis etwa 1.000 Euro. Bei mindestens 25.000 stationären Leistenbruchoperationen pro Jahr könnte die GKV allein in Bayern über 20 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Auf Bundesebene ließe sich sogar der enorme Betrag von 200 Millionen Euro einsparen.

Das GOÄ-Honorar für eine ambulante Leistenbruchoperation bei einem Privatpatienten liegt je nach Behandlungsdauer bei etwa 1.400 Euro inklusive der Kosten für das Netz. Wird die gleiche Leistung stationär im Krankenhaus erbracht, ist sie den privaten Krankenversicherungen gut 2.000 Euro wert – zusammen mit Chefarzt-Liquidation und Hotelleistungen kommen also leicht 3.000 Euro zusammen.

Nachfrage nach ambulanten OP steigt auch in Kliniken
Ambulantes Operieren wird von den Patienten gerne angenommen. Bei korrekter Indikationsstellung gibt es für sie keine Nachteile. Viele Kliniken versuchen deshalb – begünstigt durch die gesundheitspolitischen Veränderungen – auch auf dem ambulanten Sektor Fuß zu fassen. Einerseits erkennen sie die Vorteile des ambulanten Operierens und erleben die zunehmende Nachfrage nach dieser Leistung, andererseits können Sie mit den niedrigen Honorarsätzen nicht wirtschaftlich arbeiten.

Tatsache ist, dass ambulantes Operieren, egal ob in Klinik oder Praxis, nur mit einem extrem „schlanken Apparat“ wirtschaftlich erfolgreich durchgeführt werden kann. Gibt es dieses „Lean Management“ nicht, bleibt ambulantes Operieren in Deutschland ein Subventionsfall.

Zusammenfassung
Medizinisch überwiegen beim ambulanten Operieren die Vorteile eindeutig gegenüber den Nachteilen. Auch die Hernienchirurgie kann bis auf wenige Ausnahmen ambulant erbracht werden, wobei niedergelassene Chirurgen Vorreiter auf diesem Gebiet sind. Wirtschaftlich ist die ambulante Hernienchirurgie in Deutschland allerdings erheblich unterfinanziert. Kliniken können diese Operationen zu den derzeit gültigen Preisen nicht kostendeckend durchführen.

Literatur
1. Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Häufigste Operationen / Diagnosedaten der Krankenhäuser – Patienten mit Operationen, siehe www.gbe-bund.de
2. O. Gerhardt, B. Böhm: Chir Allg Zeitg 11/12 2004, 5. Jg: 462-63
3. EU Hernia Trialists Collaboration 2000. Br J Surg 2000; 87, 800-67
4. A. Wildisen: Br J Surg. 2007 Jan;94(1):36-41
5. I.M. Rutkow: Surg Clin N Am 2003; 83, 1079-98
6. Ambu-KISS (ambulantes Modul des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems, Universitätsklinik Freiburg) Auswertung 2002 bis 2007

Korrespondenzadresse:
Dr. Martin Pöllath
Facharzt für Chirurgie, Proktologe und Tropenmediziner
Chirurgische Praxisklinik - MVZ
Obere Garten Straße 13 A
92237 Sulzbach-Rosenberg
Tel.: 09661 803 36
Fax.: 09661 803 37
poellath@surochir.de

 
Quelle: Chirurgen Magazin 33, Heft 3/08 (Juni/Juli 2008)
 

Mi.  25.06.2008