Hernienchirurgie: Moderne Operationskonzepte: Differenzierung als Standard?


Die Wahl der geeigneten Methode in der Leistenhernienchirurgie sollte ebenso differenziert erfolgen wie die Betrachtung des Patienten: Jede Hernie ist anders, ebenso hat jeder Patient ein unterschiedliches Risiko- und Belastungsprofil und eignet sich daher nicht für jede Form der Hernienversorgung, wie Dr. Ralph Lorenz berichtet.

Vom 25. zum 26. Januar 2008 fanden in Berlin die 2. Berliner Hernientage statt. Diese anwenderorientierte Veranstaltung konnte erneut eine Brücke zwischen den niedergelassenen und den stationär tätigen Hernienchirurgen spannen. Die beiden wissenschaftlichen Leiter Dr. Bernd Stechemesser aus dem Vivantes AVK Klinikem Berlin-Schöneberg und Dr. Ralph Lorenz aus der Gemeinschaftspraxis der 3CHIRURGEN aus Berlin- Spandau stehen dabei exemplarisch für die angestrebte Verzahnung von ambulanter und stationärer Hernienchirurgie.
Eines der Kernthemen der Veranstaltung war das „standardisierte oder differenzierte Vorgehen in der Hernienchirurgie“. In der gegenwärtigen Diskussion ist in diesem Zusammenhang immer wieder vom „tailored“-Prinzip die Rede. Viele Chirurgen sind heute überzeugt, das ein differenziertes Vorgehen mit Nutzung verschiedener sich ergänzender Operationstechniken einem standardisierten Vorgehen vorzuziehen ist und bessere Ergebnisse zeigt.

Entscheidungsfindung für das geeignete OP-Verfahren
Im Vorfeld der Tagung führten wir gemeinsam mit dem BDC eine bundesweite Krankenhausumfrage durch und kamen dabei zu dem Ergebnis, dass die meisten Operateure die Entscheidung für das geeignete Operationsverfahren von der Größe und Art der Hernie sowie das Alter und den Allgemeinzustand des Patienten abhängig machen.
Professor Uwe Klinge aus Aachen betonte in seinem Referat „Schluss mit der Suche nach dem Goldstandard in der Hernienchirurgie“, dass man die Vorteile der unterschiedlichen OP Techniken nutzen sollte um eine Steigerung der Ergebnisqualität zu erreichen.

Maßgeschneiderte Therapie folgt vier Prämissen
Eine maßgeschneiderte Therapie (offen mit Naht, offen mit Netz oder laparoskopisch mit Netz) bedeutet für ihn:

• Zugangsprobleme zu reduzieren (offen oder laparoskopisch),
• Mesh-Probleme zu reduzieren (Naht oder Mesh),
• Rezidivrate zu reduzieren (Mesh oder Naht) und
• Eine Reoperation zu vereinfachen (Naht oder Mesh).

Seine grundsätzliche Verfahrenswahl ist:

• Bei geringem Rezidiv-Risiko: Naht in Lokalanästhesie,
• Bei hohem Rezidiv-Risiko:Mesh,
• Bei Rezidiv-Hernie: Wechsel anteriores/posteriores oder posteriores/anteriores
   Verfahren und
• Bei jungen Patienten: laparoskopisch (weniger Schmerz).

Systematische Strategie für bessere Ergebnisqualität
Dazu ist es darüber hinaus auch nötig, die Schwachstellen der einzelnen Operationsmethoden genau zu kennen um hier gezielt auf andere gegebenenfalls sicherere Methoden umzusteigen. Klinge fasste dabei folgende Strategien zur Qualitätsverbesserung und -kontrolle bei maßgeschneiderter Therapie zusammen:

• Formulierung von Kriterien für die Verfahrenswahl.
• Einsatz vieler verschiedener Methoden anstelle der isolierten Analyse eines
   einzelnen Verfahrens.
• Ziel ist ein optimales Ergebnis im gesamten (inhomogenen) Kollektiv.
• Nach Zeitraum X Darstellung der resultierenden Häufigkeitsverteilung der einzelnen
   Verfahren.
• Darstellung der Komplikationen und Zuordnung zum Verfahren,
• Wenn überhaupt keine Komplikationen auftreten, dann stimmt der Entscheidungs-
   baum. Dann gilt es zu prüfen, ob es nicht auch kostengünstiger geht.
• Jede Komplikation ist entweder Ausdruck eines Fehlers bei der Durchführung eines
   Verfahrens oder aber die Anwendung eines guten Verfahrens bei einem
   ungeeigneten Patienten.
• Im Falle eines technischen Fehlers bei der Durchführung des Verfahrens gilt es,
   diesen Fehler zu eliminieren.
• Im Falle einer Abweichung vom Schema zeigt eine Komplikation, dass die Methode
  am falschen Patienten angewendet wurde – es gilt daher, die Regel zur
   Verfahrenswahl zu modifizieren.
• Nach Zeitraum X Re-Evaluation des Gesamtkollektivs.
• Vergleich des Gesamtergebnisses mit der Konkurrenz oder mit eigenen
   retrospektiven Daten.

Bei richtiger Zuordnung aller Patienten zu den für sie optimalen Verfahren und korrekter Durchführung aller Verfahren sollte man ein optimales Ergebnis erzielen können.
Zusammenfassend gibt es nach Auffassung Klinges keinen „Standard“-Patienten und keine „Standard“-Hernie, somit gibt es auch kein „Standard“-Verfahren, mit dem ein „Standard“-Ergebnis zu erzielen ist.

Differenzierung beendet Suche nach Goldstandard
Er empfahl daher, die Suche nach einem Goldstandard in der Hernienchirurgie zu beenden und stattdessen eine patienten-bezogene Therapie nach Maß anzuwenden, die sich allerdings mit hochgradig standardisierter Techniken bedient. Auch Dr. Bernd Stechemesser aus dem Vivantes Klinikum AVK Berlin-Schöneberg und Dr. Wolfgang Reinpold aus dem Hernienzentrum des Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand sprachen sich in ihren Vorträgen grundsätzlich für ein differenziertes Konzept aus. Sie gingen dabei auch auf die in ihren jeweiligen Kliniken praktizierten Therapiekonzepte ein. Stechemesser zeigte in seinem Referat, dass der Chirurg sich heutzutage in einem Spannungsfeld befindet aus:

• dem Patientenwunsch nach optimaler Behandlung,
• dem Kostendruck und der Kassenpolitik ,
• der wissenschaftlichen Diskussion,
• dem eigenem Operationsspektrum und Vorlieben und
• den Interessen der Industrie.

Aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen folgende Gründe derzeit für ein differenziertes Konzept in der Leistenhernienchirurgie:

• Jede Hernie ist anders (Größe und Lage der Hernie).
• Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Risikoprofil für die Entstehung einer Hernie
  oder eines Hernienrezidivs.
• Jeder Mensch hat ein anderes Belastungsprofil.
• Nicht jede Operationstechnik ist heute wirtschaftlich sinnvoll zu erbringen.
• Operationstechnisch ist nicht jede Hernienversorgung bei jedem Patienten möglich.
• Wir wissen nicht, was mit Netzmaterialien auch nach langen Zeiträumen passiert.

Mögliche Risikofaktoren bereits in der Anamnese klären
In unserer Praxis befragen wir die Patienten bereits bei der Anamnese aufgrund der vielen unterschiedlichen und sich ergänzenden Operationsverfahren nach Risikofaktoren für eine Hernienentstehung ähnlich dem HEAD-Score. Gleichzeitig filtern wir Patienten mit Leistenschmerzen heraus.
Unsere Anamnese besteht also aus folgenden Elementen:

• Eigenanamnese (Voroperationen an Bauchwandbrüchen),
• Familienanamnese (Bauchwandbruchoperationen bei Familienmitgliedern),
• Begleiterkrankungen wie ¬Asthma bronchiale, COPD und Diabetes mellitus,
• Frage nach Nikotinabusus,
• Dokumentation von Adipositas (Größe und Gewicht),
• Frage nach beruflicher Belastung und
• Frage nach sportlicher Belastung.

Einteilung der Hernien nach Kriterien der EHS
Gleichzeitig erheben wir eine Medikamenten- und Sozialanamnese. Diese zielt vor allem auf eine Weichenstellung für ein ambulantes beziehungsweise stationäres Vorgehen. Intraoperativ erfolgt bei unseren Patienten stets eine Einteilung der Hernien entsprechend der European Hernia Society (EHS):

• Medial = M, Lateral = L,
  Femoral = F, Kombiniert = C
• Grad I = bis 1,5 cm, Grad II = 1,5 bis 3 cm, Grad III = über 3 cm Durchmesser
• Rezidiv: Kennzeichnung mit R 0 bis Rx

Zahlreiche OP-Verfahren in der offenen Hernienchirurgie
Gerade in der offenen Hernienchirurgie stehen dem Chirurgen heute zahlreiche unterschiedliche moderne und sich ergänzende Operationsverfahren zur Verfügung. Dabei kommen sowohl kleinflächige als auch größerflächige, leicht- und auch schwergewichtige Netze zum Einsatz. Netze können dabei als Onlay (anteriores Verfahren), als Inlay oder aber als Sublay (posteriores Verfahren) implantiert werden.

Zahlreiche spezielle Operationstechniken stabilisieren jedoch oftmals auch mehrere Bauchdeckenschichten gleichzeitig wie etwa Onlay und Inlay oder Inlay und Sublay oder gar alle drei Ebenen der Bauchdecke um eine größtmögliche Sicherheit zu bieten. Es gibt bei der Gegenüberstellung der drei wesentlichen Säulen der Hernienchirurgie einige Unterschiede. In der offenen Hernienchirurgie kann man besonders gut möglich patientenadaptiert arbeiten. So kann man auch noch intraoperativ auf überraschende Operationsbefunde reagieren und beispielsweise von einem Nahtverfahren auf ein offenes Netzverfahren umsteigen oder umgekehrt. Dies ist bei einer präoperativen Weichenstellung, etwa bei der laparoskopischen Technik, grundsätzlich nicht möglich.

Ambulant, kurzstationär, belegärztlich oder stationär?
All diese verschiedenen offenen Operationsverfahren sind prinzipiell auch ambulant durchführbar. Daher gelten für sie bei der Entscheidung ob ein Patient ambulant, kurzstationär, belegärztlich oder stationär behandelt wird, darüber hinaus nur die allgemeinen Kriterien für das ambulante Operieren.

In unserem eigenen Krankengut entwickelten wir eine Entscheidungshilfe, die sich in erster Linie an der Klassifizierung der Hernien orientiert. Die spezielle Verfahrenswahl erfolgt darüber hinaus in Abhängigkeit vom Alter des Patienten, der Komorbidität, des Risikoprofils sowie des Patientenwunsches. Kleine mediale und laterale Hernien lassen sich in der Regel erfolgreich durch ein Nahtverfahren operativ versorgen. Hier wird durch uns in den meisten Fällen die Technik nach Shouldice angewandt.

Bei zusätzlichen Risikofaktoren oder wesentlichen Nebenerkrankungen wie Diabetes, Adipositas, COPD und Asthma besteht ist fast immer die Verwendung von Netzmaterialien angezeigt. Im Übergangsbereich und bei mittelgroßen Hernien sind kleinflächige Netzverfahren wie etwa die verschiedenen Plugverfahren (etwa Rutkow-Plug and Patch, Millikan-Technik, Gilbert-Plug, Ultrapro-Plug) sinnvoll und vorteilhaft, da sie mit minimalem Aufwand eine größtmögliche Sicherheit bieten.

Ausreichende Überlappung beugt Rezidiven vor
Bei größeren, und hier insbesondere bei den medialen Hernien mit instabiler Hinterwand sollte das Netz die Bruchlücke jedoch immer ausreichen überlappen um einem Rezidiv vorzubeugen. Wir wissen heute, dass insbesondere mediale Leistenhernien häufiger zu Rezidiven neigen als laterale Hernien.
Entsprechend des mechanischen Grundprinzips (bei einem Eimer mit Loch legt man die Zeitung ebenfalls von innen hinein, damit der Sand nicht herausrieselt) ziehen wir posteriore Verfahren (beispielsweise die transinguinale präperitoneale Patchplastik, TIPP nach Pelissier) oder kombinierte Verfahren (beispielsweise das Ultrapro Hernia System, UHS) einem anteriorem Verfahren vor.

Netz wird posterior im nervenfreien Raum platziert
Als weiterer Vorteil der posterioren Verfahren ist zu erwähnen, dass das Netz dabei in einem nervenfreien Raum platziert wird. Ein anteriores Verfahren wie etwa die in Deutschland häufig angewendete Lichtenstein-Technik hingegen wenden wir immer nur dann an, wenn die Schaffung eines präperitonealen Raumes nicht ausreichend möglich ist oder Schwierigkeiten bereitet.

Differenzierung kann hohe Ergebnisqualität sichern
Dies ist zum Beispiel der Fall nach Operationen und/oder Bestrahlungen im Blasen- oder Prostatabereich sowie nach Gefäßoperationen im Leistenbereich wie etwa Crossover-Bypässen. Die laparoskopischen Techniken bieten unserer Ansicht besondere Vorteile bei doppelseitigen Hernien und bei offen voroperierten Rezidivhernien.

Zusammenfassend glauben wir, dass eine Differenzierung in der Hernienchirurgie eine hohe Ergebnisqualität ermöglicht, sofern sie strengen Standards folgt.

Literatur beim Verfasser

Korrespondenzadresse:
Dr. Ralph Lorenz
„3CHIRURGEN“
Klosterstraße 34/35
13581 Berlin-Spandau
Tel.: 030/ 331 14 12
Fax: 030/ 35 10 27 19
lorenz@3chirurgen.de
www.3chirurgen.de

 
Quelle: Chirurgen Magazin 33, Heft 3/08 (Juni/Juli 2008)
 

Mi.  25.06.2008