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Verdachts- und Erkrankungsfälle der Neuen Influenza müssen seit dem 14.
November 2009 nicht mehr gemeldet werden; weiterhin gilt jedoch die
ärztliche Meldepflicht für Todesfälle, die in einem zeitlichen Zusammenhang
zu einer H1N1-Infektion eingetreten sind, sowie der Nachweis von
Influenzaviren im Labor einschließlich des Influenza-Schnelltests. Das
mögliche Erreichen des Scheitelpunkts soll jedoch nicht darüber
hinwegtäuschen, dass die Influenza weiterhin eine Gefährdung für die
Bevölkerung allgemein, für Beschäftigte im Gesundheitswesen im Speziellen
darstellt. Beim „Abstieg“ vom Gipfel sind genauso viele Erkrankungen und
Todesfälle wie in der Phase des Anstieges zu erwarten.
Das H1N1-Virus auf keinen Fall unterschätzen
Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die pandemische
Ausbreitung der Schweinegrippe noch nicht vorüber. Auch Professor Jörg
Hacker, Direktor des Robert Koch-Instituts (RKI), warnte – trotz
rückläufiger Zahlen bei den Erkrankungen – vor einem Unterschätzen des
Virus: „Die Neue Grippe ist nicht verschwunden.“ Ein Vergleich mit den
Zahlen der an H1N1 Verstorbenen vom 15. Dezember 2009 bestätigt dies. Die
Zahl lag bei 119 Menschen. In ungefähr fünf Wochen sind also 80 Todesfälle
hinzugekommen. Infolge von Infektion und Erkrankung an der Schweinegrippe
starben seit April 2009 weltweit 14.711 (Stand 24. Januar 2010) – und zwar
keinesfalls nur Menschen mit Vorerkrankungen oder einer geschwächten
Abwehrlage. So treten jetzt insgesamt betrachtet vermehrt seltene
komplizierte Verläufe (mit Lungenversagen, Myokarditis o. ä.) unter anderem
auch bei Kindern auf.
Impfung gegen H1N1 ist immer noch lohnenswert
Auch hier lässt sich ein Vergleich mit den Zahlen vom Dezember 2009 ziehen
(9.596 weltweit Verstorbene). Dies zeigt deutlich, dass die Situation nicht
verharmlost werden darf und es sich immer noch lohnt eine Impfung
durchzuführen. Laut Privatdozent Dr. Walter Haas vom Robert Koch-Institut
„… müssen wir uns darauf vorbereiten, dass eine zweite Welle geben kann.“ [Dtsch
Arztebl 2010;107(1-2):A-5].
Aus diesem Grunde soll an dieser Stelle erneut betont werden, dass die
Impfung weiterhin der effektivste Schutz gegen eine Erkrankung und
Weiterverbreitung ist. Ab dem vollendeten 10. Lebensjahr wird nur eine
einmalige Impfung empfohlen. Kinder zwischen sechs Monaten bis neun Jahren
erhalten die halbe Erwachsenendosis.
Schwangere erhalten nicht-adjuvantierten Spaltimpfstoff
Die Ständige Impfkommission (STIKO) weist darauf hin, dass die Impfung im
Zweifelsfall nach individueller Nutzen / Risiko-Abwägung vorgenommen werden
soll. Das gilt insbesondere für Schwangere, chronisch Kranke und Kinder. Da
für Schwangere keine Langzeiterfahrungen mit dem adjuvantierten Impfstoff
vorliegen, wird ihnen geraten, einen nicht-adjuvantierten Spaltimpfstoff
vorzuziehen. Dieser ist als saisonaler Influenza-Impfstoff gut etabliert. In
Deutschland wurden bisher etwa vier Millionen Dosen verimpft. Ein vermehrtes
Auftreten von schweren unerwünschten Nebenwirkungen konnte nicht
festgestellt werden. Auch die Erfahrungen aus anderen Ländern, wie Schweden,
Dänemark, Norwegen, dem Vereinigten Königreich und Irland zeigen ebenfalls
keine erhöhte Rate unerwünschter Nebenwirkungen gegen die „Schweinegrippe“-Impfung
und den lange Zeit umstrittenen Impfstoff Pandemrix®.
Bedenken gegenüber Wirkverstärker Squalen widerlegt
Die nun vorliegenden Zahlen haben mittlerweile auch den größten Skeptikern
den Wind aus den Segeln genommen oder sie weitgehend verstummen lassen. Die
Bedenken gegen die Impfung, einschließlich des beigefügten Wirkverstärkers
Squalen, haben sich nicht bestätigen lassen. So konnte auch die Behauptung,
welche sich auf eine kleine Studie aus den USA berief, Squalen respektive
die Squalen-Antikörper wären für das sogenannte Golfkriegssyndrom
verantwortlich, widerlegt und die Bedenken ausgeräumt werden.
Selbst ein so eifriger Impf-Kritiker wie das „arznei-telegramm“ stellt
mittlerweile fest: „Wir sehen keine Belege dafür, dass der in dem
Schweinegrippeimpfstoff Pandremix enthaltene Wirkverstärker Squalen das so
genannte Golfkriegssyndrom ausgelöst hat“ [blitz-a-t vom 13. November 2009].
Das den US-Golfkriegssoldaten vermeintlich mit einer Anthrax-Vakzine
verabreichte Squalen wurde beschuldigt, für die unerwünschten Reaktionen
verantwortlich zu sein. Doch alle Versuche, die veröffentlichten
Studienergebnisse zu reproduzieren, scheiterten. Heute wissen wir auch
warum: die verimpfte Anthrax-Vakzine enthielt überhaupt kein Squalen! Selbst
Ärzte standen solch irreführenden Meldungen nicht immun gegenüber und
begründeten ihre Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, mit diesem oder
ähnlich lautenden Zeitungsberichten. Doch so richtig es ist, die
Zuverlässigkeit und Nebenwirkungen eines neuen Impfstoffes aufmerksam zu
beobachten und auszuwerten, sollte sich gerade diese Berufsgruppe nicht
allzu leichtfertig durch nicht belegte Behauptungen oder oberflächliche
Pressemeldungen verunsichern lassen oder sie gar an Patienten, Mitarbeiter
oder Kollegen kolportieren.
Aufruf zur Steigerung der Impfbereitschaft bei Ärzten
Der Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, Professor Christoph Fuchs
räumte selbstkritisch ein: „Einzelmeinungen von Ärztinnen und Ärzten haben
in den letzten Wochen zur Verunsicherung bei der Bevölkerung und durchaus
auch innerhalb der Ärzteschaft geführt. Der Impfstoff hat sich inzwischen
als wirksam und sicher erwiesen. Einen erneuten Aufruf zur Steigerung der
Impfbereitschaft von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen halten wir
deshalb für sinnvoll.“ [Dtsch Arztebl 2009; 106(50):A-2500].
Gerade für diese Gruppe ist es weiterhin wichtig sich impfen zu lassen, da
sie nicht nur selbst einer höheren Gefährdung durch infizierte Patienten
aussetzt sind, sondern sie gefährden (unter Umständen sogar in der noch
symptomfreien Inkubationszeit) von ihnen versorgte Patienten, welche u. a.
nicht selten einer Risikogruppe angehören können.
Medizinisches Personal könnte Viren übertragen
Darüber hinaus können nicht-immunisierte Personen (auch medizinisches
Personal) zu einem vorrangigen Schweinegrippe-Überträger für ihre
persönliche Umgebung (beispielsweise Familie, Freunde, Kollegen) werden.
„Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen sind besonders gefährdet. Neben
dem persönlichen Schutz vor Ansteckung tragen sie aber auch Verantwortung
dafür, das Virus nicht auf ihre Patienten zu übertragen“, sagte der
Staatssekretär für Gesundheit, Dr. Daniel Rühmkorf [Dtsch Arztebl 2010;
107(1-2):A-5].
Ärzte übernehmen Vorbildfunktion in der Gesellschaft
Nicht zu unterschätzen ist darüber hinaus die Vorbildfunktion, die
Angehörige medizinischer Berufe für andere haben: Durch ihre Ausbildung und
Bereitschaft, eine zentrale Funktion im Gesundheitswesen einzunehmen,
übernehmen insbesondere Führungskräfte weitreichende Verantwortung.
Entsprechend folgenreich können wenig fundierte, rein situativ geprägte
Äußerungen und das nachfolgende Verhalten auf die Patienten, Mitarbeiter und
die Gesellschaft sein. Erst recht darf bei aller Diskussion um die
Schweinegrippeimpfung die Impfung gegen die saisonale Grippe nicht vergessen
werden, denn nach der „Schweinegrippe“ steht die Grippesaison vor der Tür.
Der trivalente Grippe-Impfstoff ist seit Jahren effektiv, sehr gut
verträglich und bewährt. Die ohnehin regelmäßig niedrige Impfrate scheint im
Schatten der „Schweinegrippe“ allerdings noch weiter herabgesetzt als in den
letzten Jahren.
Weitere Grippewelle in den ersten Monaten von 2010?
Auch die STIKO unterstreicht die Bedeutung der Impfung gegen die saisonale
Influenza. Diese hatte in den vergangenen Jahren Ihren Gipfel zwischen
Januar und März. Es lässt sich daher nicht abschätzen, ob uns nicht eine
weitere Grippewelle in den ersten Monaten dieses Jahres erreichen wird.
Im Zusammenhang mit der Vermeidung von Komplikationen der Influenza durch
bakterielle Superinfektionen sei auch an die gestiegene Bedeutung der
Pneumokokkenschutzimpfung unter anderem für Kinder und wiederum für Menschen
ab dem 60. Lebensjahr (STIKO 2009) erinnert. Stand: 3. Februar 2010
Autor: Dr. Ernst Tabori, Beratungszentrum für Hygiene (BZH), Freiburg
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