Fußchirurgie: Neue Operationsstrategien und -techniken in der Rheumafußchirurgie



Die operative Korrektur rheumatischer Vorfußdeformitäten an den MCP-Gelenken 2 bis 5 wurde über Jahrzehnte entweder über eine dorsale Querinzision (Clayton 1960; Kerschbaumer, Rehart, Henninger 2009) oder über eine plantare plastische Querinzision (Tillmann 1973 und 1979; Wessinghage 1993) mit Resektion der Mittelfußköpfchen nach Hoffmann (1911) durchgeführt. Auch dorsale Längsinzisionen wurden durch Larmon schon 1951 beschrieben. Bei Resektion der Metatarsaleköpfchen (MT-Köpfchen) in Alignment nach Kates, Kessler, Kay (1967) oder Resektion der MT-Köpfchen 2 bis 5 und der Basen der Grundglieder ohne oder mit Interposition [Fowler 1959; Clayton 1960; Lipscomb, Benson, Sones 1972; Tillmann 1973; Clayton 1992], wurde immer eine deutliche Verkürzung des Metatarsalindex in Kauf genommen. Eine Längenanpassung des Metatarsale 1 musste also in Form einer Verkürzung auch dieses Mittelfußstrahles in Kauf genommen werden.
Die Langzeituntersuchungen zeigen nach Tillmann (2005) einen etwa hälftigen Korrekturverlust nach mehr als zehn Jahren. Außerdem zeigte sich ein Verlust der postoperativen Beweglichkeit im Laufe der Jahre. Die Schmerzlinderung allerdings blieb voll erhalten [Jüsten, Berger, Leeb, Pillhofer, Wessinghage 2000].

Moderne Rheumavorfußchirurgie erhält das Gelenk
In frühen Formen, wenn noch keine wesentlichen Knochendestruktionen vorhanden sind, hat sich in den letzten Jahren auch ein gelenkerhaltendes OP-Regime durchgesetzt, zum Beispiel die Synovektomie mit Helal-Osteotomie (1975) oder heute bevorzugt die Osteotomie nach Weil (1996), wie sie auch Kerschbaumer et al. (2009) empfiehlt. Auch am Metatarsaleköpfchen 1 sind die Resektionsarthroplastiken nach Hueter (1871) und Mayo (1908) gebräuchlich und die Modifikation nach Tillmann (1977), die wohl am häufigsten durchgeführte Operation beim Hallux valgus rheumaticus [Tillmann, Rüther 1990].

Weitere Option: Die distale Umstellungsosteotomie
In Frühstadien der Erkrankung an der Großzehe bei rheumatoider Arthritis können auch gelenkerhaltende Maßnahmen mit Synovektomie, Cheilektomie [Youngswick 1982] und distale Umstellungsosteotomien zur Diskussion stehen. Eine Option ist hier zum Beispiel das Verfahren nach Reverdin, Green und Laird [Reverdin 1881; Laird, Silvers, Somdahl 1988; Fenton, Alvarez, Mehnert, Marcinko 1992]. Neben der Korrektur des Intermetatarsalwinkels (IMW) und des proximalen Artikulationswinkels (PAW) kann gleichzeitig eine Plantarisierung des Kopfes des ersten Metatarsale realisiert werden. Bereits Vainio (1956) empfahl bei schweren Fällen rheumatischer Großzehendeformierungen die Arthrodese des Großzehengrundgelenkes. Hierzu gibt es auch vielfältige Literaturstudien zu den Ergebnissen [Beaucham, Kirby, Rudge 1984; Hughes, Grace, Clarc, Klenermann 1991; Mann, Thompson 1984, Raunio, Lehtimäki, Eerola, Hämäläinen, Pulkki 1987].

Mechanik des Fußes braucht einen stabilen ersten Strahl
Die biomechanischen Überlegungen [Seyfried, Duzinski 2001; Wyss, Stacoff 2008; Gruber 2002; Puchow, Jahn, Stumpf 2002] zeigen die Bedeutung eines stabilen ersten Strahles für die normale Mechanik des Fußes. Instabilitäten, vor allem im Bereich des TMT-1- und des MTP-1-Gelenks, wie sie für Rheumatiker typisch sind, können den typischen rheumatischen Plattfuß als Pes plano valgus adductus verursachen [Tillmann 1977].

Lapidusarthrodese besonders geeignet für Stabilisierung
Unser modernes Konzept zur Rekonstruktion des rheumatischen Vorfußes baut auf diesen Erkenntnissen auf und hat als oberste Prämisse die Stabilisation des ersten Vorfußstrahles im Auge. Als besonders geeignet erscheint hierzu die Lapidusarthrodese [Lapidus 1934; Lapidus 1956; Lapidus 1960; Catanzariti 1992] mit Versteifung des TMT-1-¬Gelenkes. Entsprechend den klinischen Begebenheiten ist auch die Arthrodese des MTP-1-Gelenkes [Tillmann 1977; Tillmann 2005] sinnvoll zu kombinieren. Die Lapidusarthrodese hat in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in Deutschland immer mehr Eingang in die Therapie des Hallux valgus gefunden. Zuerst war eine deutliche Skepsis und Zurückhaltung in der Chirurgie des Hallux valgus in Europa bemerkbar.

Weiterentwicklung in Form der Gruber-Lapidusplatte
Danach entwickelte sich ein wahrer „Rausch“ mit neuen Implantaten und winkelstabilen Verschraubungen, die auch eine frühzeitige Mobilisation im Vorfußentlastungsschuh beziehungsweise die sofortige Belastung ermöglichten [Hofstaetter, Moser, Vordermeier, Schwertner, Orthner 2009]. Mittlerweile hat sich auch wieder eine Besinnung auf die ursprünglichen biomechanischen Überlegungen der Lapidusarthrodese gezeigt. Daraus ist in Zusammenarbeit mit der Firma Normed die „Gruber-Lapidusplatte“ entstanden, die wir nun standardmäßig einsetzen. Die Technik beruht weiterhin auf einer winkelstabilen Verplattung. Grundsätzlich soll jedoch die Grundidee einer Kompressionsarthrodese mit eingebaut werden.

Verzicht auf distale temporäre Schraubentransfixation
Hierzu wird über ein Gleitloch in der Platte eine Kompressionsschraube von der Basis des ersten Metatarsale über das Os cuneiforme 1 zum Os cuneiforme 2 gesetzt. Auf diese Weise kann man auf eine distale temporäre Schraubentransfixation des ersten und zweiten Metatarsale als Stellschraube verzichten und eine primäre stabile Einstellung des ersten Mittelfußstrahles in der Raumebene erreichen. Die Nachbehandlung erfolgt wir üblich mit einem Vorfußentlastungsschuh für drei bis sechs Wochen. Ein erneuter operativer Eingriff zur Entfernung der „Stellschraube“ entfällt.

Technik der Arthrodese des Großzehengrundgelenks
Auch am Großzehengrundgelenk war bisher die Resektions-Interpositions-Arthroplastik, wie sie vor allen Dingen Tillmann 1977 beschrieben hat der „Goldstandard“. Auch hier glauben wir, dass vor einer Gelenkeresektion eine Stabilisationsmaßnahme in Form einer Arthrodese die bessere Langzeitlösung ist. Hierdurch kann einerseits die Vorfußlänge mit dem Metatarsalindex erhalten werden, und andererseits durch die Einstellung des ersten Metatarsale im Raum mittels Lapidusarthrodese und Arthrodese des Großzehengrundegelenkes ein voll belastbares Vorfußgewölbe wieder hergestellt werden. Eine stabile Belastungssäule des ersten Mittelfuß- und Zehenstrahles trägt außerdem zur Vorbeugung von weiteren Rückfußdeformitäten wie der typischen Valgus-Rückfußfehlstellung beim rheumatischen Vorfuß bei).

Stabilität vermeidet weitere Rückfußdeformitäten
Wir führen die Arthrodese des Großzehengrundgelenkes nach einem standardisierten Verfahren mit dem „Cup and Cone“- System durch, womit eine sehr geringe Resektion im Bereich des Grundgelenkes einhergeht und nach Zurichtung vom Metatarsalekopf und Basis des Grundgliedes D1, eine Einstellung der Arthrodese als sphärische Arthrodese in jeder Form möglich ist. Die Stabilisation führen wir entweder mit gekreuzten Schrauben oder in letzter Zeit häufiger mit der winkelstabilen Verplattung mit der neutralen „Normed“-Vorfußplatte durch. Die postoperative Versorgung erfolgt mittels Vorfußentlastungsschuh für drei bis sechs Wochen, je nach Versorgungstyp.

Weichteilpolsterung bei Plantarisierung fehlt
Die Korrektur der Zehenfehlstellungen 2 bis 5 schließt sich an diese Maßnahmen an. Neben Hammer- und Krallenzehen finden wir auch sehr oft Instabilitätsfehlstellungen der einzelnen Zehen mit axialen Abweichungen und Superduktion. Die Mittelfußköpfchen sind „durchgetreten“, die Plantarfaszien mit den natürlichen Weichteilpolstern nach distal-dorsal verzogen. Es fehlt die gesamte Weichteilpolsterung bei Plantarisierung der Mittelfußköpfchen. Auch hier legen wir großen Wert auf die Erhaltung des natürlichen Metatarsalindex und streben die Erhaltung der Metatarsaleköpfchen 2 bis 5 an. Dazu besonders geeignet ist die Operationstechnik nach Stainsby [Briggs 2003; Stainsby 1997].

Literatur:
1. Rheuma-Orthopädie Assoziation für Orthopädische Rheumatologie (HRSG. Steinkopff Verlag, Darmstadt, 2005)
2. David T. Marcinko, Hallux valgus. Morphologie, Klinik, operative Therapie. Ullstein Mosby GmbH, 1994
3. J. Chris Koetzee, Shepard R. Hurwitz, Arthritis and Arthroplasty Foot and Ankle, Saunders, 2010
4. K. Tillmann, Der rheumatische Fuß und seine Behandlung, Ferdinand Enke Verlag, 1977

Teil 2 im nächsten Heft: Moderne Vorfußchirurgie. Gelenkerhaltende Osteotomien an den Kleinzehen und die Korrektur der rheumatischen Vorfußdeformität an den Zehen 2-5 nach Stainsby

Autor: Dr. Alfred A. J. Gruber, Rheuma-Therapie-Zentrum (RTZ), Nürnberg

 
 
 
Quelle: Chirurgen Magazin 43 (Ausgabe 1.2010, Februar / März 2010)
 

Fr. 19.02.2010