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Bei den 3. Berliner Hernientagen diskutierten 300 Chirurgen aus Klinik
und Praxis über optimale OP-Methoden, Techniken zur Schmerzvermeidung und
die Anforderungen an neue Netzmaterialien. Und stellten einmal mehr fest,
dass jeder Erkenntnisgewinn unzählige neue Fragen aufwirft.
„Spiegel“-Leser wissen bekanntlich mehr. In Heft 5.2009 haben die
medizinisch Interessierten unter ihnen vor allem eines gelernt: Wenn sie
sich einer Leistenhernienoperation unterziehen, müssen sie sich danach auf
Schmerzen beim Geschlechtsverkehr einstellen – und zwar Schmerzen die sich
anfühlen, als werde ihnen ein „Messer ins Gemächt“ gerammt (siehe Kommentar
von Dr. Michael Schweins).
Für die beiden Veranstalter der 3. Berliner Hernientage vom 30. bis 31.
Januar 2009 war der Artikel des Hamburger Nachrichtenmagazins mit seiner
provokanten Überschrift jedenfalls eine willkommene Steilvorlage. Denn der
niedergelassene Chirurg Dr. Ralph Lorenz von der Praxis „3Chirurgen“ und Dr.
Bernd Stechemesser vom Vivantes Auguste Viktoria Klinikum hatten im Programm
ihres Kongresses ohnehin einen ganzen Themenblock mit drei Referaten zum
Thema Leistenschmerz eingeplant.
Welche Faktoren begünstigen Leistenschmerz nach der OP?
Diese Themenauswahl markiert einen neuen Trend in der Hernienchirurgie:
Während noch vor wenigen Jahren die Rezidivrate als zentraler Parameter für
den Erfolg einer Hernienoperation galt, untersuchen Chirurgen neuerdings
auch vermehrt, welche Faktoren postoperative Leistenschmerzen begünstigen
und wie sich diese Schmerzen vermeiden sowie notfalls effektiv behandeln
lassen. Dieses Interesse ist durchaus berechtigt, denn der aktuellen
Literatur zufolge kommt es in rund elf Prozent aller Fälle nach
Hernienoperationen zu postoperativen Schmerzen, die nicht selten
chronifizieren.
Auf umfangreiche Daten zur Indidenz von Leistenschmerzen nach verschiedenen
OP-Methoden kann Dr. Wolfgang Reinpold vom Wilhelmsburger Klinikum Groß-Sand
in Hamburg verweisen: Zwischen Mai 2000 und April 2002 wurden an seiner
Klinik hierzu in einer prospektiven 2-Phasenstudie 879 Hernienoperationen
bei 839 Patienten dokumentiert. Nach dem Eingriff wurden diese Patienten
detailliert zu Leistenschmerzen befragt.
Auf Präparation des IIN bei Lichtenstein-OP verzichten
Sechs Monate nach der Operation berichteten demnach 16,4 Prozent der
Patienten über Schmerzen. Fünf Jahre nach dem Eingriff war diese Rate mit
16,8 Prozent nahezu unverändert hoch. Auffällig ist Reinpold zufolge
besonders, dass eine Neurolyse des N. ilioinguinales (IIN) im Rahmen einer
Lichtenstein-Operation, insbesondere in Kombination mit einem
schwergewichtigen Netz, postoperativ häufig zu Schmerzen führt. „Offenbar
reizt das Netz den freiliegenden Nerven. Man sollte also nach Möglichkeit
auf eine Präparation des IIN verzichten“, empfahl Reinpold. Wenn eine
Freilegung des Nerven aus operationstechnischen Gründen unumgänglich ist,
sei es besser, den INN zu resezieren um das Risiko chronischer
Leistenschmerzen zu reduzieren.
Doch nicht immer ist eine vorangegangene Hernienoperation Schuld am
Leistenschmerz. Auch orthopädische Probleme wie Veränderungen der
Lendenwirbelsäule, Arthrose, Fußfehlstellungen, Beckenschiefstand oder eine
Skoliose könnten zu Schmerzen in der Leistenregion führen, wie Dr. Ralph
Lorenz berichtete.
Wie, wo und wann genau haben Sie Schmerzen?
Daher sei eine gründliche und differenzierte Anamnese erforderlich: „Fragen
Sie den Patienten, wo, wie und wann er Schmerzen hat. Gab es Traumata, auf
die sich die Schmerzen zurückführen lassen könnten? Trat der Schmerz akut
oder schleichend auf? Strahlen die Schmerzen eher in den Unterbauch oder
eher Richtung Oberschenkel aus?“ beschrieb Lorenz sein anamnestisches
Vorgehen. Die anschließende klinische Untersuchung sollte neben der Leiste
auch die Beine, das Becken, die Genitalorgane und den Rücken umfassen. „Eine
gründliche klinische Untersuchung ist die Basis, bildgebende Verfahren wie
CT und MRT helfen ledigleich bei der Differenzierung.“ In der Therapie setzt
der Berliner Chirurg zunächst auf einen konservativen Ansatz mit Analgetika
und Antiphlogistika, lokaler Schmerztherapie, Krankengymnastik und – falls
notwendig – der Korrektur von Fußfehlstellungen.
Ärztliche Kunst der Befragung und klinischen Untersuchung
Erst in letzter Instanz kommt für Lorenz eine Operation in Frage: „Die
Indikation zur Operation wird häufig zu früh gestellt. Stattdessen sollten
wir lieber den Leistenschmerz als eigenständiges Krankheitsbild begreifen
und uns auf die ärztliche Kunst der Befragung und der klinischen
Untersuchung besinnen.“
Genug Halt durch Druck, Einsprossung und Überlappung?
Doch nicht nur die chirurgische Zunft, sondern auch die Industrie
beschäftigt sich mit dem Leistenschmerz und forscht nach Möglichkeiten ihn
zu vermeiden: Weniger postoperative Schmerzen verspricht man sich unter
anderem von neuen Fixierungsmethoden für Netze.
Dass man auf eine mechanische Fixierung nicht gänzlich verzichten kann,
erläuterte Dr. Andreas Höferlin vom Katholischen Klinikum Mainz: „Man könnte
ja meinen, dass der intraabdominelle Druck, die Gewebeeinsprossung in das
Netz und die Überlappung des Materials für ausreichend Halt sorgen. Doch das
ist falsch.“
Denn der intraabdominelle Druck sei variabel, und fetthaltige
Verschiebeschichten verhinderten eine vollständige Einsprossung. Zudem mache
die Narbenschrumpfung bei Netzimplantation die anfängliche Überlappung
wieder zunichte. „Wir implantieren das Netz in ein dynamisches System, seine
Position bei der Operation ist also nicht statisch. Ohne Fixierung ist die
spätere Lage des Netzes nicht vorhersehbar“, sagte Höferlin. Als Alternative
zu klassischem Nahtmaterial oder den als mögliche Schmerzauslöser in Verruf
geratenen Metallklammern sind für die laparoskopische Hernienchirurgie
mittlerweile auch teilresorbierbare Tacks auf dem Markt.
Welcher Belastung kann Fibrinkleber standhalten?
Ein weiterer Hoffnungsträger ist Fibrinkleber, der allein aufgrund seiner
Beschaffenheit kein Fremdkörpergefühl, Missempfinden oder gar Schmerzen
auslösen kann. Ob die Fibrinklebung das Netz ausreichend fixiert und wie die
verschiedenen Netzmaterialien auf den Kleber reagieren, hat Professor
Ferdinand Köckerling vom Berliner Vivantes Klinikum Spandau untersucht. Mit
einer speziellen „Stempeldurchdrückmaschine“ testete er, ob Netze halten,
wenn sie auf Muskelfleisch geklebt werden. „Alle Netze erreichen bei
Fibrinklebung die notwendige Stabilität um einen Druck von 32 Newton
auszuhalten. Das reicht in jedem Fall aus“, lautete Köckerlings Fazit. Netze
hätten allerdings nicht genug Halt, wenn sie direkt auf das Peritoneum
geklebt würden: „Das macht den Einsatz bei der Versorgung von Narbenhernien
problematisch“, warnte Köckerling. Gute Indikationen für die Netzfixierung
mit Fibrinkleber seien hingegen primäre Leisten- und Hiatushernien.
Überlappung an der Größe der Bruchlücke ausrichten
Geforscht wird weiterhin auch auf dem Gebiet der Implantatmaterialien –
trotz eines längst schier unübersichtlichen Angebots verschiedener
Netzmaterialien. Neue Ansätze könnten sich aus der biomechanischen Forschung
ableiten lassen. Wie Dr. Christian Hollinsky vom Wiener
Kaiserin-Elisabeth-Spital berichtete, wirkt auf die Linea alba in einer
Zugmaschine horizontal eine Kraft von 10,0 Newton, vertikal hingegen nur 4,9
Newton. Diese Erkenntnis spricht Hollinsky zufolge dafür, dass der
Faserverlauf des Netzes dem der Muskulatur entsprechen und horizontal
doppelt so viel Stützkraft bieten sollte wie vertikal. Hernienrezidive
entstünden nicht durch Defekte im Material selbst, sondern durch Ausreißen
an den Fixationspunkten, erinnerte Hollinsky. „Deshalb greift die
Faustregel, grundsätzlich mit fünf Zentimetern Überlappung zu arbeiten, zu
kurz.“ Sicherer sei eine individuell angepasste Überlappung des Netzes: „Je
größer die Bruchlücke, desto mehr Überlappung sollte man einkalkulieren.“
Wirklich gesichert sind nur sehr wenige Erkenntnisse
Zweifellos trägt die aktuelle Forschung dazu bei, das Wissen um die
Entstehung von Leistenhernien zu vervollständigen und Behandlungsansätze zu
verfeinern. Doch wirklich gesichert seien nicht viele der verfügbaren
Erkenntnisse, meinte Professor Volker Schumpelick vom Universitätsklinikum
Aachen: „Die Evidenz, die wir als Monstranz vor uns hertragen, bietet
letztlich auch keine große Sicherheit.“ Auch bei großen Studien in den
renommierten Journals sollte man das Studiendesign genau unter die Lupe
nehmen, empfahl Schumpelick: „Denn bereits wenige Studien können einen
unverhältnismäßigen Einfluss auf das Gesamtergebnis haben.“
Von einem universalen Goldstandard ist man in den Augen des Aachener
Hernienspezialisten deshalb weit entfernt. Ähnlich argumentierte auch sein
Kollege Dr. Frank P. Müller vom Gelsenkirchener Marienhospital: „Kaum eine
Diagnose bietet so viele verschiedene Lösungsmöglichkeiten wie die
Leistenhernie.“ Und da es keinen Standardpatienten gebe, sei auch die Suche
nach einem Standardverfahren müßig. Die Referenten plädierten daher fast
ausnahmslos für ein patientenadaptiertes Vorgehen („tailored approach“) in
der Hernienchirurgie.
< 15 Punkte: Nahtverfahren, > 15 Punkte: Netzimplantat
Um das individuelle Rezidivrisiko des Patienten und damit die geeignete
OP-Methode zu ermitteln, bietet sich zum Beispiel der HEAD-Score (Hernia of
the Adult Disease Score) an, den Professor Christian Peiper dem Plenum
präsentierte. Mit einem speziellen Punktesystem bewerte der Chirurg dabei
präoperativ einschlägige Parameter wie Alter und Geschlecht, Größe der
Bruchlücke, Body Mass Index, Familienanamnese und Nikotinstatus. „Bei einem
HEAD-Score unter 15 Punkten empfiehlt sich ein Nahtverfahren, bei mehr als
15 Punkten ein Netzimplantat“, fasste Peiper zusammen.
Weniger Einigkeit herrschte bei den Experten in der Frage der
Spezialisierung und Zentrenbildung, wie sie viele Chirurgen insbesondere der
jüngeren Generation favorisieren: „Die Operation der Leistenhernie ist einer
der interessantesten und anatomisch anspruchsvollsten Eingriffe, die deshalb
jeder Chirurg beherrschen sollte“, erklärte Schumpelick. Er ergänzte: „Wir
in Aachen beispielsweise verstehen uns nicht als Hernienzentrum. Wir
operieren aber auch Hernien.“ Bei 250.000 Leistenhernien, die jährlich in
Deutschland zu operieren seien, könne man das Feld nicht ausschließlich
Zentren überlassen, meinte Schumpelick. Offen blieb in diesem Punkt
allerdings die Frage, welche Qualitätsstandards ein Chirurg, ob nun
spezialisiert oder nicht, in der Hernienchirurgie erfüllen muss – und ob
nicht doch nur bestimmte Mindestmengen diesen Standard in der jeweiligen
Einrichtung auch garantieren können.
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Leserbrief von Dr. Michael Schweins an den
„Spiegel“: Mit dem Skipflug gleich zur Vier-Schanzen-Tournee?
Mit ungefähr 800 bis 1.000 persönlich
durchgeführten Hernienoperationen pro Jahr möchte ich mich ganz vorsichtig
und unbescheiden zu den sogenannten Experten auf diesem Gebiet einordnen.
Experten zeichnen sich ja unter anderem dadurch aus, dass sie in Magazinen
wie dem „Spiegel“ gerne zu Themen Stellung nehmen, die sie dann in
wissenschaftlichen Gremien oder Diskussionen mangels Beweisen zurücknehmen
müssen (siehe hierzu auch Spiegel 46/1999, wo Professor Schumpelick noch
eindringlich vor Herniennetzen als „Humanexperiment unvertretbaren
Ausmaßes“ warnte). Der aktuelle Artikel mischt leider unglücklich richtige
Aussagen mit fehlerhafter Hintergrundinformation.
Richtig ist, dass die Experten weder mit
Rezidiven, noch mit dem chronischen Leistenschmerz aus ihrem eigenen
Krankengut wirklich Probleme haben. Sie müssen sich aber als „letzte“
Instanz oft mit dem Problem auseinandersetzen. Denn die zum Beispiel von
Ihnen genannte Anzahl von drei bis vier Prozent Rezidive wird regelmäßig
nur von diesen Experten erreicht, während im deutschen (übrigens auch
internationalen) chirurgischen Alltag diese Zahlen seit Jahren regelmäßig
zwischen elf und 15 Prozent liegen.
Das „unkontrollierte“ Wandern von Plugs oder
anderen Netzen ist eine Geschichte, die – zusammen mit dem Verdacht, Netze
könnten Unfruchtbarkeit hervorrufen – auch in dem Buch „Die -Spinne in der
Yucca-Palme“ erscheinen könnte. Die berechtigte theoretische Überlegung
und Sorge zu letzter Aussage hat schon zu einer Reihe von Untersuchungen
geführt, die nicht den geringsten Hinweis darauf bestätigten.
Einzelfallberichte (bei jährlich weltweit mehr als 1,5 Millionen
eingebrachten Netzen!) zu nicht am Bestimmungsort wiedergefundenen Netzen
(„Wandernetze“) lassen sich bei genauer Analyse in der Regel durch bei der
Erstoperation nicht ausreichend befestigte oder an falscher Stelle
eingebrachte Netze erklären.
Die hier aufgeführten Punkte, die Diskrepanz
zwischen den Ergebnissen der Experten und dem chirurgischen Alltag führen
aber zu der im aktuellen „Spiegel“-Artikel leider nur knapp durch Aasvang,
Kehlet und Amid indirekt erwähnten wichtigen Hintergrundinformation.
Leistenbruchoperationen werden eben am wenigsten von Experten, sondern
weit verbreitet in praktisch jeder operativen Einrichtung durchgeführt. Da
bleiben für den einzelnen Chirurgen oft nur zehn bis 20 Operationen dieser
Art pro Jahr! Da Chirurgie aber Kunsthandwerk ist, also intellektuelle
Fähigkeiten mit handwerklichem Geschick kombinieren muss, reicht es nicht
zu theoretisieren. Wie jedes Handwerk muss dies regelmäßig ausgeübt,
verbessert und verfeinert werden.
Schon in der Ausbildung leisten wir uns den
Luxus, jedes Jahr allein im Bereich der Ärztekammer Nordrhein (zirka 10
Millionen Einwohner) deutlich mehr Chirurgen (etwa 130 pro Jahr) zu
Fachärzten zum machen als das Royal College of Surgeons of England (etwa
90 pro Jahr) für zirka 61 Millionen Einwohner auf der gesamten Insel! Dort
tun die Kollegen aber das, was sie anstreben, nämlich chirurgische
Tätigkeit, während unsere Kollegen in Deutschland den Mangel an
verfügbaren Operationen dadurch ausgleichen dürfen, dass sie bis zu 40
Prozent ihrer Arbeitszeit mit Verwaltungsaufgaben verbringen. Typisch
deutsch unterstützen wir diese Entwicklung noch dadurch, dass die
entsprechenden Gremien die Zahl der zum Facharzt notwendigen Operationen
in regelmäßigen Abständen weiter absenken, damit auch wirklich alle, die
diese Ausbildung begonnen haben, am Ende abschließen können.
Die im internationalen Vergleich pro Einwohner
hohe Zahl von Chirurgen bietet dann, im Verbund mit den ebenso überhöhten
Zahlen von Krankenhäusern, auch jede Art von Operation an, so dass im
Ergebnis auch weiter für den Einzelnen wenig Eingriffe übrig bleiben. Dies
ähnelt dem Versuch, einen den Skipflug beherrschenden Ski-Anfänger sowohl
bei der Vier-Schanzen-Tournee als auch beim Abfahrtsrennen auf der Streif
einzusetzen. Mit den zu erwartenden Ergebnissen, die (wir) Experten dann
wieder kommentieren können. Verschärft wird diese Situation noch dadurch,
dass Bürokratisierung und chronische Unterfinanzierung unseres Systems zu
einem Exodus gut ausgebildeter Leute ins gut bezahlende Ausland führen und
Expertenwissen und -können mangels Zeit nur noch ausgewählten Patienten
(meist privat versicherten) zu Gute kommt. Das hat sogar schon Professor
-Lauterbach erkannt!
Anders und kurz ausgedrückt: Nicht die Auswahl
oder Veränderung der Operationsmethode, sondern mehr Expertise würde
sofort zu einer deutlichen Reduktion von Rezidiven und chronischen
Leistenschmerzen führen.
Autorin: Antje Soleimanian,
Redaktion Chirurgen Magazin und www.bncev.de |