Proktologie: Stuhlinkontinenz - Diagnostik und Therapie in der Praxis


Teil 2 - Therapie

Die Behandlung der Stuhlinkontinenz ist eine Domäne der konservativen Therapie. Erst wenn eine Umstellung der Ernährungs- und Stuhlgewohnheiten, Beckenbodentraining und gezielte Sphinkterstimulation ohne Erfolg bleiben, sollte der Proktologe auch operative Therapieoptionen in Erwägung ziehen.

Bei vielen Formen der Stuhlinkontinenz lässt sich mit konservativen Mitteln eine Besserung erzielen. Wichtig sind die ausführliche Beratung des Patienten und die Formulierung von Therapiezielen. Diese Therapievorschläge sind auch abhängig vom jeweiligem Leidensdruck und Beschwerdebild. So kann es sein, dass am Sphinkter digital fast keine Reaktion bei Kneifen festzustellen ist, die Patientin jedoch keine Inkontienzbeschwerden angibt bedingt durch die „Abdichtung“ durch den inneren Vorfall.

Inkontinenz trotz guter Kontraktion bei Adipositas
Andererseits fühlen sich manche Patienten stark beeinträchtigt durch Windabgang und Nachschmieren, obwohl eine sehr gute Kontraktion festzustellen ist. In diesen Fällen ist die „Undichtheit“ häufig durch Adipositas mit Öffnung des Sphinkter, durch Reizdarmsyndrom, dünnen Stuhl oder Stress bedingt. Ein undifferenziertes Beckenbodentraining kann hier zu enttäuschenden Ergebnissen bis hin zum Abbruch der wichtigen Therapie führen. Bei guter Compliance, Verständnis der Ursachen und vor allem eigener Aktivität hingegen kann der Betroffene den Zustand in vielen Fällen verbessern.

Kontrolle mittels Dokumentation im Stuhltagebuch
Der Patient sollte zunächst, seinen Stuhlgang optimieren und regulieren. Mit Hilfe eines Stuhltagebuches kann der Patient seine Stuhlgewohnheiten kontrollieren. Die Anleitung zur programmierten Entleerung kann hilfreich sein.
Bei der Stuhlregulation helfen eine ballastreiche Kost, ausreichende Trinkmengen, das Vermeiden von Pressen – insbesondere Nachpressen – beim Stuhlgang und die Vermeidung von Sportarten, die den Beckenboden belasten.

Blähende Lebensmittel bei Reizdarmsyndrom meiden
Wenn beim Reizdarmsyndrom eine gezielte Ernährungsumstellung erforderlich ist, sollte der Patient Lebensmittel mit blähender Wirkung meiden und auf Quellstoffe mit weniger blähender Wirkung wie Flohsamenschalenpräparate umstellen. Dünner Stuhlgang ist bei schwachem Sphinkter schlechter als fester. Bei sehr flüssigem Stuhl können Nahrungsmittel mit stopfender Wirkung günstig sein. Abführmittel hingegen können das Nachnässen verstärken. Andererseits können Abführ-Suppositorien oder Klysmen sinnvoll sein beim „Versacken“ des Stuhles in der Rectozele mit beispielsweise Überlaufinkontinenz bei Koprostase. Der Konstum von Genussmitteln wie Kaffee und Alkohol sowie die generelle Lebensweise sollten überdacht werden. Hierzu zählt auch der Umgang mit Stress, wobei gezielte Entspannungsübungen helfen können.

Beckenbodentraining nach vorheriger Anleitung
Eine sinnvolle Analhygiene sowie Hautschutz sind ebenfalls hilfreich. Gezieltes Beckenbodentraining stimuliert und stärkt die Beckenbodenmuskulatur und die Bereiche, die für die Funktion des Abschlussmechanismus wichtig sind. Das Training sollte nach vorheriger Anleitung regelmäßig mehrmals täglich durchgeführt werden. Auch wenn Erfolge sich nur langsam einstellen, sollte der Arzt die Motivation zum Training immer wieder stärken.
Spezielle Tampons können bei einigen Patienten günstig sein. Auch zum Umgang mit diesen oder anderen Versorgungsartikeln sollte der Proktologe den Patienten beraten. Allerdings sollte der Betroffene sich auch bei noch so guten Inkontinenzhilfsmitteln nicht allein hierauf beschränken, sondern alle Möglichkeiten ausschöpfen um das Problem selbst zu verbessern. Die eigentliche Therapie der Stuhlinkontinenz richtet sich nach den auslösenden Ursachen. Therapiert werden beeinflussende Systemerkrankungen wie Diabetes mellitus, Diarrhoe, Reizdarm, Polypen oder eine Proktitis mit Absonderung durch den intakten Sphinkter.

Hämorrhoidentherapie kann Feinverschluss verbessern
Bei Störungen des Feinverschlusses des Afters durch Hämorrhoiden lässt sich auch mit einer Hämorrhoidentherapie – je nach Befund mittels Verödung, Ligatur oder operativem Eingriff – eine Verbesserung erzielen. Reizungen durch eine perianale Entzündung und die Ekzembildung als Folge der Undichtheit werden ebenfalls behandelt. Medikamente können die Inkontinenz zwar nicht beseitigen, können aber im Rahmen der Bemühungen hilfreich sein. Loperamid kann durch Hemmung der Darmmotilität die Passagezeit verlangsamen. Entblähende Stoffe können bei starken Blähungen Erleichterung verschaffen. Die Schwellstromtherapie wird bei Sphinkterschwäche angewandt. Hierbei gibt eine in den After eingeführte Elektrode elektrische Impulse ab, welche die Muskulatur stimulieren. Nach Erlernen und Üben unter Anleitung in der Praxis wird die Therapie zu Hause mindestens zweimal täglich fortgeführt.

Sonde signalisiert Aktivität beim Sphinktertraining
Bei sensorischer und muskulärer Inkontinenz ist ein Biofeedbacktraining indiziert.Voraussetzung sind eine Restfunktion des Sphinkter und eine gute Compliance. Über kleine computerunterstützte Geräte erhält der Patient mittels Messung über eine in den After eingeführte Sonde Rückkopplungsignale (Tonsignale, Skalenanzeige oder Lichtsignale) über seine Aktivität beim Trainieren der Sphinktermuskulatur. Die Geräte werden werden individuell für das Übungsprogramm eingestellt. Sie können Kontraktionskraft, Kontraktionsdauer, Sensibilität und Koordination verbessern.

Kombination aus Biofeedback und Schwellstrom
Der Patient sollte nach Übung unter Anleitung die Übungen regelmäßig täglich zu Hause über mehrere Monate fortführen. Bei geeigneter Indikation bringt die Kombination aus Biofeedback- und Schwellstromtherapie sogar bessere Ergebnisse. Der Arzt sollte seinen Patienten darauf hinweisen, dass nur ein regelmäßiges Training erfolgversprechend sein kann. Er sollte ihm wiederum aber auch – abhängig vom Befund – offen erläutern, welche Symptome sich mit ausschließlich konservativer Therapie nicht bessern können.

Nicht alles operieren, was operiert werden kann
Wenn die konservativen Therapieversuche keine Besserung bringen, gilt es – wiederum abhängig vom Befund, vom Beschwerdebild und vom Leidensdruck des Patienten – mit dem Patienten in der Praxis zu besprechen, welche operativen Verfahren möglich sind. Der Arzt sollte keine falsche Erwartungshaltung vor der Operation erzeugen und beachten, dass nicht alles operiert werden muss, was operiert werden kann. So kann eine Operation der Rektozele ohne Beachtung des schwachem Sphinkter bei Denervierung im Ergebnis enttäuschen, weil sie die Inkontinenz unter Umständen plötzlich verstärkt. Als weitere operative Therapiemöglichkeiten kommen beispielsweise die Sakralstimulation oder die Sphinkterrekonstruktion in Frage. Je nach Ursache der Inkontinenz kann zudem die operative Versorgung eines Fistelleidens, einer Fissur, eines Enddarmvorfalles oder eines Tumorleidens notwendig sein.

Hauptdomäne ist die konservative Therapie
Zusammengefasst ist für die Behandlung der Stuhlinkontinenz festzustellen, dass eine vertrauensvolle Beratung und eine differenzierte Diagnostik durch den erfahrenen Proktologen Grundlage für eine entsprechende Therapie sind.
Die meisten Formen der Stuhlinkontinenz können mittels Basisdiagnostik in der Praxis diagnostiziert werden. Hauptdomäne der Therapie ist die konservative Therapie. Je nach Befund und bei Versagen der konservativen Therapie erfolgt die Beratung und Empfehlung geeigneter operativer Möglichkeiten.

Autor: Dr. Wolf-Dieter Michel, niedergelassener Chirurg und Proktologe aus Dresden
 

 
Quelle: Chirurgen Magazin 37, 7. Jahrgang, Heft 1.09 (Februar/März 2009)
 

Mo. 23.02.2009