Phlebologie: Minimal invasive und interventionelle OP-Methoden haben sich etabliert


Innovation, bewährte Standards und rhetorischer Schlagabtausch – die 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie bot dem phlebologisch interessierten Chirurgen viele spanndende Gelegenheiten zur Weiterbildung und zum fachlichen Austausch.

Die mittlerweile 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) fand in diesem Jahr in Bochum statt. Wie die Gesellschaft mitteilte, fanden sich zur Jubiläumstagung vom 15. bis 18. Oktober 2008 insgesamt 969 Teilnehmer aus 15 Nationen ein, um 155 Referenten in 53 Sitzungen zu lauschen. Neben dem wissenschaftlichen Programm, das parallel in verschiedenen Sitzungssälen stattfand, konnten die Teilnehmer Kurse und Workshops besuchen, die mit aktuellen phlebologischen Entwicklungen und Techniken vertraut machen sollten. Darunter waren auch eine Pflegefachtagung und ein Crash-Kurs Phlebologie, der beim ärztlichen Nachwuchs das Interesse für das Fach wecken sollte. Schwerpunkte des Kongresses waren unter dem Motto „erfolgreiche Phlebologie“ insbesondere die operative und interventionelle Phlebologie, moderne diagnostische Methoden, die chronischen Wunden und die Zukunft der Phlebologie. Im Rahmen einer Gastsitzung mit Simultanübersetzung erhielt die größte phlebologische Gesellschaft der Welt, die Société Française de Phlébologie, die Gelegenheit, aktuelle Entwicklungen in unserem Nachbarland zu beleuchten.

Minimal invasive Methoden liegen im Trend der Zeit
Für den phlebologisch engagierten Chirurgen gab es also viele interessante Sitzungen, die sich leider häufig überschnitten, so dass oft nur Teile der ursprünglich ausgewählten Thematik absolviert werden konnten.
Es wunderte nicht, dass wiederum Vorträge zu minimal-invasiven und interventionellen OP-Methoden den breitesten Raum einnahmen. Dieser Trend hatte sich bereits in den vergangenen Jahre abgezeichnet. Dabei ist es erst wenige Jahre her, dass der Berliner Dermatologe Professor Ulrich Schulz-Ehrenburg mit seiner Darstellung der Radiofrequenztherapie und die Allgemeinmedizinierin und Phlebologin Dr. Erika Mendoza aus Wunstorf mit ihren Ausführungen zur funktionellen hämodynamischen Korrektur (cure conservatrice et hemodynamique de l‘insuffisance veineuse en ambulatoire, CHIVA) vor dem gleichen Publikum teils belächelt, teils scharf kritisiert wurden. Inzwischen sind beide Methoden international fest etabliert und aus dem operativen phlebologischen Spektrum nicht mehr wegzudenken.

OP-Methoden: Es fehlen prospektive Vergleichsstudien
Hier gab es für den regelmäßigen Kongressbesucher erwartungsgemäß wenig wirklich Neues, aber immer wieder interessante Fakten und Erfahrungen. In ihren Firmensymposien stellten die führenden Anbieter interventioneller Hardware für endoluminale Therapien die Vorteile ihrer jeweiligen Methoden heraus. Prospektive vergleichende Untersuchungen zum Erfolg unterschiedlicher OP-Methoden sind allerdings weiterhin selten – Ausnahmen bilden hier beispielsweise der niedergelassene Chirurg Dr. Oliver Göckeritz aus Leipzig (Mitglied der ANC Sachsen) und sein Praxispartner, der niedergelassene Dermatologe Dr. Hans-Christian Wenzel. Sie hatten sich mit ihrem Venenzentrum an der internationalen Studie zum Closure-Verfahren beteiligt, die im Januar 2008 im „Journal of Vascular Surgery“ veröffentlicht wurde [1].

Rhetorischer Schlagabtausch Operation vs. Intervention
So war der angekündigte Showdown „Varizenoperation vs. Varizenintervention“ am Kongressende eher ein rhetorischer Schlagabtausch: Protagonisten waren der Tagungspräsident Professor Achim Mumme vom Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, der für die klassischen operativen Verfahren plädierte, und als sein „Gegenspieler“ Professor Thomas Pröbstle, der in Mannheim eine Privatklinik betreibt und für die interventionellen Verfahren warb.
Am Ende stand immerhin die Erkenntnis, dass es beim euphorischen Siegeszug der neuen hochtechnisierten Medizin auch gilt, das „alt Hergebrachte“ nicht zu verachten oder zu vergessen.

Beide Denkschulen entfernen oder zerstören Krampfadern
Zumal das Rennen um die beste OP-Methode noch lange nicht gelaufen ist: Sowohl das Stripping als auch die interventionellen Methoden – darunter insbesondere Laser- und Radiowellenanwendungen – sind destruierende Verfahren. Das heißt, die entsprechenden Krampfadern werden in jedem Fall entfernt oder zerstört. In diesem Punkt liegen die beiden Lager also gar nicht so weit voneinander entfernt. Die „Crossektomisten“ halten sich zugute, alle Seitenäste im Leistenbereich sicher zu verschließen und damit vor Rezidiven zu schützen. Die „Interventionellen“ halten dagegen, dass der Leistenschnitt und die mit ihm verbundene erhöhte Komplikationsrate entfällt.
Die Vertreter des interventionellen Lagers neigen dazu, auftretende Rezidive eher schicksalhaft als OP-bedingt anzusehen – und bevorzugen es auch im Rezidivfall, wieder interventionell vorzugehen anstatt sich mit einer Rezidivcrossektomie nach Leistenschnitt herumzuplagen. Was bei dieser Diskussion fehlte und was auch im übrigen Kongress nur am Rande berichtet wurde, waren die Entwicklungen der venenerhaltenden Varizentherapie.

Klappen schließen und antegraden Fluss erhalten
So gab es zu diesem Thema ein Firmensymposium der Firma B. Braun, bei dem verschiedene Verfahren zur extraluminalen Valvuloplastie bei Stammvarikose vorgestellt wurden. Referenten waren hier unter anderem der Australier Dr. Rodney Lane aus St. Leonards, abermals Tagungspräsident Professor Mumme aus Bochum sowie der niedergelassene Chirurg Dr. Alex Tavaghovi aus Düsseldorf. Das Prinzip besteht darin, im Bereich der Crossenklappen zum Beispiel durch einen „VenoPatch“ die Vene derart einzuengen, dass die Klappen wieder schließen, aber andererseits ein ausreichender antegrader Fluss möglich bleibt. Die vorgestellten Langzeitergebnisse sind ermutigend und eine breitere Anwendung wäre im Interesse unserer Patienten wünschenswert, da mit diesen Verfahren eine normale Hämodynamik wiederhergestellt werden kann und gleichzeitig die Venen für die Bypasschirurgie erhalten werden können.

CHIVA reduziert auch den Durchmesser der tiefen Venen
Dieselben Vorteile gelten auch für die CHIVA-Methode, zu der Dr. Erika Mendoza über eine aktuelle Studie berichteten. Darin belegen die Autoren durch sonographische Untersuchungen dass neben der Kaliberreduktion der Vena Saphena Magna nach einer CHIVA-Operation auch der Durchmesser der tiefen Venen reduziert und damit eine nachweisbare Entlastung des tiefen Venensystems erreicht wird [2]. Weil es auch unter den Phlebologen viel zu wenig Spezialisten gibt, verlief eine hochinteressante Sitzung weitgehend unbeachtet: die Sitzung zu Gefäßfehlbildungen und der pelvinen Insuffizienz, eine oft unterschätzte Form der chronischen venösen Insuffizienz.

Pelvine Insuffizienz wird häufig unterschätzt
Es wurde deutlich, wie wichtig die Betreuung von Patienten mit Gefäßmalformationen und Hämangiomen in spezialisierten Zentren ist. Bei Dr. Letterio Barbera von der Bremer Klinik für Gefäßchirurgie scheint sich ein solches Zentrum zu etablieren.

Kann Propanolol kindliche Hämangiome beseitigen?
Sehr interessant in dieser Sitzung eine von Professor Hansjörg Cremer von der Kinderklinik Heilbronn beschriebene Therapiemöglichkeit für schnell wachsende Hämangiomen im Säuglingsalter mit Propanolol: Nachdem französische Ärzte aus der Kinderklinik Bordeaux mit einer Publikation zur Therapie kindlicher Hämangiome mit Propranolol statt mit Prednisolon Aufsehen erregt hatten [3], plant auch Cremer eine entsprechende Studie zum Off-Label-Use der Beta-Blocker bei gutartigen Tumoren im Kindesalter. Als Erklärung vermuten die Experten, dass Propranolol die Produktion von Wachstumsfaktoren hemmt, die Vasokonstriktion und die Zell-Apoptose hingegen fördert.
Dr. Stephan Eder, Gefäßchirurg und Phlebologe am Klinikum Konstanz referierte zur Varizenchirurgie im Alter. Seine Analyse zeigte, dass insbesondere alte Menschen mit symptomatischer chronisch venöser Insuffizienz und Ulcus cruris von einer Varizen-OP profitieren. Hier bieten sich moderne minimal-invasive Verfahren in örtlicher Betäubung (Tumeszenzanästhesie) besonders an.

Wenig Begeisterung für phlebologisches Netzwerk
Der berufspolitische Teil zur Zukunft der Phlebologie in Deutschland ließ die interessierten Zuhörer eher ratlos zurück: Der Kassenvertreter hatte Probleme, sich überhaupt in der Thematik zwischen stationärer und ambulanter Phlebochirurgie zu orientieren. Dr. Peter Waldhausen von der Gemeinschaftspraxis für Gefäßmedizin in Krefeld wiederum berichtete über seine negativen Erfahrungen mit einer Reihe von Kostenträgern in Nordrhein, darunter AOK, Barmer, IKK, Bundesknappschaft, HEK sowie diverse Betriebskrankenkassen. Die Kassen hatten den Vertrag zur integrierten Versorgung Gefäßmedizin Krefeld kurzfristig aufgekündigt, obwohl er zur Zufriedenheit aller Beteiligten lief. Und auch die Vorstellung des „Phlebologicum“ – ein Netzwerk von Praxen und Kliniken mit phlebologischem Behandlungsschwerpunkt durch Dr. Michael Martin von der Venenklinik Ulm vermochte die Mehrheit der Diskutanten nicht zu überzeugen.

Literatur:
1. Proebstle TM et al.: Treatment of the incompetent great saphenous vein by endovenous radiofrequency powered segmental thermal ablation: First clinical experience. J Vasc Surg 2008; 47 (1): 151–156
2. Carandina S et al.: Varicose Vein Stripping vs. Haemodynamic Correction (CHIVA): A Long Term Randomised Trial. Eur J Vasc Endovasc Surg 2008; 35 (2): 230–7
3. Léauté-Labrèze C et al.: Propranolol for severe hemangiomas of infancy. N Engl J Med 2008; 358 (24): 2649–51

Autor: Dr. Philipp Zollmann, Jena

 
Quelle: Chirurgen Magazin 36, 6. Jahrgang, Heft 6.08 (Dezember 2008/Januar 2009)
 

Di. 30.12.2008