Olympia 2008: Ein offenes Ohr für Erkrankungen und Wehwehchen der Reiter-Equipe


Vom 27. Juli bis 23 August 2008 betreute Dr. Manfred Giensch als Mannschaftsarzt die deutschen Reiter bei den Olympischen Spielen in Hong Kong. Auszüge aus seinem Medical Report an das Olympische Kommitee zeigen, dass bei der Betreuung der Athleten nicht nur sein chirurgischer Sachverstand gefragt war.

27. Juli 2008 Ankunft in Hongkong. Alle Teammitglieder in guter Verfassung.
28. Juli 2008 Ein Mitglied der Damen-Dressur-Mannschaft hat ihre Antibabypille vergessen. Nach zwei Tagen gelingt es mir, hier in Hongkong das gleiche Medikament zu besorgen.
Bei mehreren Teammitgliedern sind Blasen an den Füßen aufgetreten, die mit Pflaster- und Salben versorgt werden und in den nächsten Tagen komplikationslos abheilen.
29. Juli 2008 Anruf aus Deutschland von einer unserer Springreiterinnen wegen akuter Beschwerden an der Lendenwirbelsäule (LWS). Sie möchte sich eine kortisonhaltige Spritze geben lassen. Rücksprache mit dem behandelnden Arzt in Berlin, nachdem dieser eine Kernspintomographie der LWS gemacht hat. Akute Blockierung der LWS ohne Anhalt für einen Bandscheibenvorfall. Die Notwendigkeit einer Kortisonbehandlung wird nach Peking weitergemeldet und dort dem internationalen olympischen Komitee (IOC) als Abbreveated Therapeutic Use Exemption (ATUE) geschickt.
30. Juli 2008 Insektenstiche bei einem Mitglied aus dem Dressurteam, Behandlung zunächst mit Systral-Salbe. Verdacht auf Flohstiche und Diskussion über hygienische Mängel in den Hotelzimmern. Konsequenz: Das Mitglied verlässt das Hotel und zieht ins Olympische Dorf.
31. Juli 2008 Die Springreiterin ist noch in Deutschland, benötigt keine weitere Spritze und erhält eine Akupunkturbehandlung.
1. August 2008 Ein Mitglied der Mannschaftsleitung berichtet über Schmerzen im Bauchbereich. Verdacht auf eine Sigmadivertikulose mit möglicher Divertikulitis. Rückruf zur weiteren Klärung beim Hausarzt in Deutschland. Bestätigung der Diagnose einer ausgeprägten Sigmadivertikulose. Verordnung strenger Diät mit konsequenter Liegeruhe und minimaler körperlicher Belastung.
2. August 2008 Blutentnahme, Bestätigung einer ausgeprägten Sigmadivertikulitis. Fortsetzung der Diät und Minimierung der körperlichen Belastung.
Behandlung bei einem Mitglied des Teams wegen Nasen-Racheninfekt infolge der Klimaanlage im Hotel. Erneute Diskussion um die Einstellung der Klimaanlage.
Dem Physiotherapeuten im Team wird wegen einer Obstipation Lactulose und eine Erhöhung der Trinkmenge empfohlen.
3. August 2008 Erneute Blutkontrolle beim Patienten mit der Sigmadivertikulitis. Bereits jetzt Rückgang der Entzündungswerte.
4. August 2008 Dem Patienten mit der Divertikulitis geht es klinisch besser. Weiterhin Medikamente und strenge Tee-Diät.
Ein Mitglied des Dressurteams hat eine offene Wunde an der Knieinnenseite links, die mit einem Salbenverband versorgt wird.
5. August 2008 Der Teamchef der Dressur berichtet über Diarrhoen. Ausgabe entsprechender Medikamente.
Bei dem Divertikulitis-Patienten zeigt die Verlaufskontrolle eine weitere Besserung der Entzündungswerte. Erweiterung der Diät auf breiige Kost.
6. August 2008 Ein Reiter aus dem Vielseitigkeitsteam erhält wegen akuten Brech-Durchfalls MCP-Tropfen und Imodium akut. Für den Vormittag verordne ich Liegeruhe. Ohnehin ist durch den Taifun der Stärke 8 kein Reiten möglich. Nachmittags ist die Symptomatik soweit gebessert, dass er reiten kann.
7. August 2008 Eine Pflegerin berichtet über Kreislaufbeschwerden während der Besichtigung der Geländestrecke und erhält für den Geländetag prophylaktisch Kreislauftropfen.
Abends bittet eine ZDF-Moderatorin um einen Besuch wegen starker Nackenbeschwerden und Hinterkopfschmerzen. Verordnung von Ibuprofen 400 sowie Aspirin unter dem Aspekt einer HWS-Symptomatik. Ausschluss einer meningialen Reizung.
Mitbehandlung eines weiteren Mitglieds des ZDF. Kleiner operativer Eingriff wegen eines infizierten Fibroms.
10. August 2008 Weitere Fälle von Durchfällen im Vielseitigkeitsteam. Gabe von Kohletabletten, Loperamid akut und Symbioflor-Kapseln.
Abends Negativmeldung an das IOC zur Beijing Olympics Injury Prevention Studey (BOIPS).
11. August 2008 Geländetag der Vielseitigkeitsreiter. Der Reiter mit der schon bekannten starken Enteritis erhält bei anhaltenden Diarrhoen drei Stunden vor dem Geländeritt noch einmal Kohletabletten und Loperamid akut. Bis nach dem Geländeritt keine weiteren Durchfälle. Langsame Besserung auch bei dem Vielseitigkeitsreiter, der weiterhin bei Tee und Weißbrot bleibt und mit Blick auf den morgigen Finaltag die Medikation fortsetzt.
Abends Verbandswechsel bei dem operierten Mitglied vom ZDF.
12. August 2008 Der Chefrichter der Dressur erhält MCP-Tropfen wegen einer Magen-Darmstörung und Dalmadorm zum Schlafen.
Mit zwei Springreitern nach den Prüfungen zum Doping-Test gegangen. Angabe der Medikamente, die beide Athleten in den letzten Tagen erhalten haben. Einer der beiden war stark ausgetrocknet, Wasserlassen war erst nach Einnahme von drei Litern Flüssigkeit nach zwei Stunden möglich.
13. August 2008 Der Chefrichter der Dressur nimmt weiterhin MCP-Tropfen: Besserung!
14. August 2008 Eine chinesische Springreiterin bittet um Medikamene wegen akuter Lumbago. Sie erhält zur Nacht 1,0 g Paracetamol sowie 800 mg Ibuprofen.
15. August 2008 Der Hongkong-Springreiterin geht es ein wenig besser. Abends reitet sie im ersten Qualifikationsspringen und bekommt akute Schmerzen beim Überspringen eines Oxers. Akute Blockierung des rechten Iliosakralgelenkes (ISG), sie erhält zunächst Tramal und Diclofenac i.m. gespritzt. Nach Rücksprache mit Peking ATEU an das IOC. 25 mg Prednisolon, gemischt mit 3 ml 2%-igem Lidocain, intraartikulär in das rechte ISG. Sofortige Besserung, so dass die Reiterin zur Pressekonferenz für die Hongkonger Zeitungen gehen kann.
16. August 2008 Die Hongkong-Reiterin hat schmerzfrei geschlafen und geht heute auf meinen Rat hin zu einem Akupunkteur.
Die Pflegerin eines Springreiters hätte gern eine Beruhigungstablette vor dem Springen zur Nationenwertung. Rücksprache mit den Bundestrainern und den Springreitern, Medikament: 0,25 mg Alprazolam jeweils eine Stunde vor Prüfungsbeginn.
17. August 2008 Nach der Physiotherapie durch unseren Therapeuten bittet die Reiterin aus Hongkong um eine weitere Spritze in das ISG. Dieses Mal Injektion mit 3 ml 2%-igem Lidocain in das ISG. Kein Kortison, daher auch keine weitere Meldung an das IOC. Die Spritze ist ein voller Erfolg, die Reiterin kann ohne Schmerzen springen.
18. August 2008 Eine Pflegerin hat einen Nasen-Racheninfekt und erhält Lutschtabletten, Nasenspray sowie Sinupret. Langsame Besserung in den Folgetagen.
Ein ZDF-Moderator hat sich einen Zeh verletzt. Anleitung für Salben-Pflasterverbände.
19. August 2008 „Pflegeanleitung“ für den ausgeprägten Sonnenbrand bei einem Teamchef.
Nochmalige Blutuntersuchung bei dem Patienten mit der Divertikulitis mit Bestätigung von Normalwerten.
21. August 2008 Unser Schmied hat eine Lebensmittelvergiftung. Er erhält Kohle-Compretten, Loperamid, Omniflora akut sowie eine Diätanweisung.
Ein weiterer für Hongkong startende Reiter hat eine Mittelohrentzündung. Er erhält ein Antibiotikum sowie Otalgan-Tropfen und Paracetamol als Tabletten.
22. August 2008 Einpacken aller Medikamente vom Deutschen Olympischen Sportbund und Übergabe der Medikamentenkiste an das Steward-Büro vor den Stallungen. Abgabe der nicht benutzten Verordnungsblätter und des Stempels für die deutsche Mannschaft an die Medizinstation im Olympischen Dorf.

Autor: Dr. Manfred Giensch, Hamburg

 
Quelle: Chirurgen Magazin 36, 6. Jahrgang, Heft 6.08 (Dezember 2008/Januar 2009)
 

Di. 30.12.2008