Minimal invasive Chirurgie: Narbenfreies Operieren durch natürliche Körperöffnungen – was ist gesichert?



Noch sind es nur wenige spezialisierte Zentren, an denen Operateure die „Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery“ (NOTES) einsetzen um das Zugangstrauma zum Bauchraum zu minimieren. Doch die Begeisterung für die neue Technik wächst – und die Bedenken schwinden.

Chirurgen in Deutschland haben bundesweit mittlerweile 551 Patienten minimal invasiv über natürliche Körperöffnungen operiert. Damit beginnt sich die Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery (NOTES) an spezialisierten Zentren im klinischen Alltag zu etablieren. Grundsätzlich kann man durch fast alle natürlichen Körperöffnungen in den Bauchraum gelangen. Die Anhänger des Verfahrens versprechen sich von NOTES weniger postoperative Schmerzen, eine geringere Infektionsrate, weniger Narbenhernien, eine kürzere Verweildauer und Arbeitsunfähigkeit sowie bessere kosmetische Ergebnisse.

Kaum klinische Erfahrungen jenseits von Tierversuchen
Neben dem transvaginalen erproben Chirurgen auch den transösophagealen, transgastrischen, transkolonischen oder transvesikalen Zugang – hierzu liegen aber fast keine klinischen Erfahrungen jenseits des tierexperimentellen Stadiums vor. Über eine gewisse klinische Routine verfügen NOTES-Operateure hingegen mittlerweile bei der transvaginalen Cholezystektomie: Dieser Eingriff macht bislang 85 Prozent aller dokumentierten NOTES-Operationen in Deutschland aus.

Transvaginale Cholezystektomie ist der häufigste Eingriff
Dieses Mengenverhältnis gilt auch an der Klinik für Allgemeine und Viszeralchirurgie am Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen, eines der spezialisierten NOTES-Zentren in Deutschland. Hier haben Professor Martin Büsing und sein Team seit gut einem Jahr mittlerweile 60 chirurgische Eingriffe durch natürliche Körperöffnungen durchgeführt. „Auch bei uns ist die transvaginale Cholezystektomie der häufigste NOTES-Eingriff. Wir haben aber auch bereits drei transvaginale Dickdarm-Operationen durchgeführt und in der Adipositaschirurgie den transvaginalen Zugang zur Bergung des Magenresektats bei Schlauchmagenbildung genutzt“, sagte Büsing. Das Interesse des Recklinghauser Chirurgen an NOTES wurde geweckt, als er beim 125. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie im Mai 2008 in Berlin eine Live-Operation seines Kollegen Professor Carsten Zornig von der Chirurgischen Klinik am Israelitischen Krankenhauses Hamburg mitverfolgte.

Kolpotomie zur laparoskopischen Resektatbergung
Zornig gilt als einer der deutschen NOTES-Pioniere, der bereits 1994 eine Kolpotomie zur laparoskopischen Resektatbergung beschrieb. Er kann auf 120 transvaginale Cholezystektomien zurückblicken. Als Gastredner bei der 125. Tagung der Norddeutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (NGGG) am 6. Juni 2009 in Hamburg sagte Zornig: „Wir Chirurgen haben das laparoskopische Operieren lange verschlafen, bis die Gynäkologen uns vorgemacht haben, dass man auch mit geringem Zugangstrauma gute Operationsergebnisse erzielen kann.“ Doch mittlerweile beobachtet Zornig auch unter Chirurgen wachsende Begeisterung für die Minimierung des Zugangstraumas. „Es gibt keinen Chirurgenkongress mehr, bei dem nicht eine eigene NOTES-Sitzung angeboten wird. NOTES ist ein neues , meinte Zornig. „Ich bin allerdings skeptisch, ob es all diese großen Hoffnungen tatsächlich erfüllen kann. Hierfür brauchen wir in Zukunft große Vergleichsstudien.“

Sorge um Kontamination der Instrumente beim Zugang
Zu Beginn gab es zu NOTES weit kritischere Stimmen: So wiesen Gegner des neuen Trends immer wieder auf die Gefahr der bakteriellen Kontamination des Instrumentariums hin. Diese Bedenken will Zornig zumindest für den transvaginalen Zugang zerstreuen: „Immerhin führen die Gynäkologen seit Langem transvaginale Hysterektomien ohne auffällige Infektionsraten durch.“

Wie gelangen die Instrumente steril in den Bauchraum?
Auch Büsing hat beobachtet, dass in Bezug auf das Infektionsrisiko mittlerweile ein Umdenken stattgefunden hat: „Dieses Thema beschäftigt uns quasi nicht mehr.“ Bei einer transösophagealen Cholezystektomie oder gar einem Zugang über das Kolon hingegen ist es schwierig, die Instrumente steril in den Bauchraum zu befördern. Zornig meinte: „Außerdem steht hier das Risiko einer Kolon- oder Magenperforation nicht im Verhältnis zum normalen Komplikationsspektrum einer Cholezystektomie“, erklärte Zornig, „das ist klinisch nicht vertretbar.“ Streng genommen ist die transvaginale Cholezystektomie, wie sie heute international überwiegend praktiziert wird, allerdings kein echter NOTES-Eingriff, sondern eine Hybridtechnik. Zwar werden die Instrumente selbst tatsächlich über einen Schnitt durch die hintere Scheidenwand in den Bauchraum eingeführt. Doch den erforderlichen Optiktrokar setzen die Chirurgen über einen umbilikalen Port ein. „Der Nabeltrokar ist aus forensischen Aspekten sicherer, wegen der besseren Sicht aber auch klinisch komfortabler“, rechtfertigte Büsing den minimalen Schnitt an der äußeren Bauchdecke. Das genaue Vorgehen bei dieser Hybridtechnik beschreiben Dr. Jens Burghardt et al.: Zunächst bringt das Operationsteam die Patientin in Allgemeinanästhesie in Steinschnittlage und bereitet den abdominellen Bereich wie bei einem konventionellen laparoskopischen Eingriff vor.

Kolpotomie öffnet den Zugang für OP-Instrumente
Über einen subumbilikal positionierten atraumatischen 5-mm-Trokar führt der Operateur die Videooptik ein und kann anschließend in Kopftieflage den Bauchraum explorieren. Die anschließende Kolpotomie im hinteren Vaginalgewölbe wird von einem Gynäkologen angelegt. Burghardt et al. führen nun transvaginal einen langen 10- oder 12-mm-Trokar sowie eine Fasszange ein und führen die Cholezystektomie analog zur laparoskopischen 3-Port-Technik durch.

Gute Ergebnisse trotz technischer Variationen
Zornig verwendet anstelle einer Fasszange lieber einen 5-mm-Arbeitstrokar. Trotz dieser technischen Varianten sind die Ergebnisse ähnlich: Operateur und Patientin empfinden den Eingriff gleichermaßen als einfach, atraumatisch und schnell. Es treten keine postoperative Wundinfektionen auf, und das kosmetische Resultat ist angesichts fehlender Narben ansprechend. Noch nicht ausgereift ist nach Einschätzung der Experten das verfügbare NOTES-Instrumentarium: „Flexible Endoskope, wie die Gastroenterologen sie verwenden, sind schwer zu steuern. Für NOTES-Eingriffe sind konventionelle starre Trokare besser geeignet“, sagte Zornig.

Arbeitsgruppe D-NOTES führt das deutsche NOTES-Register
Die Weiterentwicklung des NOTES-Instrumentariums, von dem bislang lediglich Prototypen im Einsatz sind, war daher ein zentrales Thema bei der Jahrestagung der deutschen interdisziplinären Arbeitsgruppe D-NOTES im Juni 2009. Die Arbeitsgruppe hat sich 2008 aus den Reihen der gastroenterologischen und viszeralchirurgischen Fachgesellschaften gebildet und führt das deutsche NOTES-Register.
Beim Kongress „Viszeralmedzin 2009“ Anfang Oktober in Hamburg werden die Mitglieder von D-NOTES über die aktuelle Entwicklung von Fallzahlen, Infektions- und Komplikationsraten, Ergebnisse und Techniken im Zusammenhang mit NOTES sowie neue Instrumenten-Prototypen in Deutschland diskutieren.
 

Kommentar von Dr. Michael Schweins: NOTES sollte als experimentelle Technik zunächst nur im Rahmen prospektiver Studien angewendet werden

Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery (NOTES) nutzt die natürlichen Körperöffnungen des Menschen als Zugang zur diagnostischen und operativen Intervention. Im Juli 2005 wurde in New York als „Joint Venture”-Kooperation der Amerikanischen Gesellschaft für Endoskopie (ASGE) und der Amerikanischen Gesellschaft für endoskopische und minimalinvasive Chirurgie (SAGES) ein Gremium zur Strukturierung und Koordination von Forschungsaktivitäten in diesem Bereich gegründet. Das Konsortium bezeichnete sich als Natural Orifice Surgery Consortium for Assessment and Research (NOSCAR) und beschrieb in einem Grundlagenpapier die Sicht seiner Funktion und getroffene Vereinbarungen zu tierexperimenteller und klinischer Forschung sowie schrittweiser interdisziplinärer Entwicklung von NOTES-Techniken. Erste Patientenbehandlungen wurden bereits 2003 und 2004 anekdotisch aus Indien berichtet und im März 2007 wurden die ersten transvaginalen Cholezystektomien als Hybridverfahren in den USA und Frankreich durchgeführt.

Bei der NOTES-Technik werden also natürliche Körperöffnungen wie Mund, Anus, Vagina und Harnröhre als primärer Zugang zur Bauchhöhle verwendet. Außer NOTES wird man zukünftig auch häufiger über LESS (Laparo-Endoscopic Single-Site Surgery) lesen, wo über einen Zugang mehrere Instrumente eingeführt als auch Präparate geborgen werden. Die Einführung von NOTES und LESS kann als eine weitere Entwicklung der minimal  invasiven Eingriffe in den operativen Fächern betrachtet werden.

In den letzten Jahren wurden viele Fallberichte und kleine Patientenserie zu diesem Thema publiziert, außerdem diverse tierexperimentelle Arbeiten. Randomisierte Studien hinsichtlich der potenziellen Vorteile wie Patientenmorbidität, Rekonvaleszenz und Schmerzmittelverbrauch gegenüber der konventionellen Laparoskopie oder offenen Chirurgie existieren derzeit nicht. Das Konzept des narbenfreien Operierens über natürliche Körperöffnungen ist inzwischen aber allein durch die Berichterstattung in der Laienpresse allgegenwärtig.

Die Meinungen zu NOTES reichen demzufolge von grenzenloser Euphorie über skeptisches Abwarten bis zur bedingungslosen Verteufelung der Methode. Nüchtern betrachtet gilt es, bei der Umwandlung von laparoskopischen oder minimal invasiven offen-chirurgischen Routine-Eingriffen zu NOTES-Interventionen Komplikationsraten zu unterbieten, die bei wenigen Prozent  Morbidität und einer Letalität von weit unter einem Prozent liegen, wie bei der Appendektomie oder laparoskopischen Cholezystektomie.

Potenzielle Vorteile von NOTES-Verfahren sind, neben einem besseren kosmetischen Ergebnis, der mögliche niedrigere Schmerzmittelbedarf postoperativ und eventuell eine reduzierte immunologische Antwort. Hier kann man natürlich sofort argumentieren, dass weder Unzufriedenheit mit dem kosmetischen Ergebnis noch der hohe Schmerzmittelbedarf die Themen der minimal invasiven Eingriffe der letzten Jahrzehnte waren. Und wie die Keimbesiedlung der genutzten natürlichen Körperöffnungen (Vagina, Magen, Darm!) und damit der durch sie genutzten Instrumente sich letztlich auf die Immunantwort oder die unmittelbare bakterielle Reaktion der Bauchhöhle auswirken, bleibt abzuwarten.

Ob NOTES eine ähnliche Entwicklung und ähnliche tiefgreifende Veränderung in der Chirurgie erreichen kann wie dereinst die Einführung der minimal invasiven Techniken, ist aus meiner Sicht mehr als ungewiss. Chancen bieten sich sicher durch die (erzwungene) interdisziplinäre Kooperation verschiedener Fachgebiete (Chirurgen, Gynäkologen, Gastroenterologen, Urologen) und auch mit Ingenieuren zur Weiterentwicklung bestehender Techniken. Demgegenüber stehen die vermutlich noch längere Lernkurve zur Beherrschung der Technik und die zu übertreffenden ausgezeichneten Ergebnisse der etablierten minimal invasiven Operationen. Beim Menschen sind die Sicherheit, die Effizienz und der Langzeitverlauf dieser Methode noch weitgehend ungeklärt. NOTES ist deshalb aus meiner Sicht noch als experimentell zu betrachten und sollte in Anbetracht des erheblichen Gefahrenpotenzials nur im Rahmen prospektiver Studien zur Anwendung gelangen.

Literatur
Burghardt J, Federlein M, Elling D, Gellert K, Borchert D: Transvaginale Cholezystektomie – Erfahrungen mit einem neuen Zugangsweg. CHAZ 9 (2008): 23-26
Dian D, Rack B, Drinovac V, Mylonas I, Janni W, Friese K: Weltweit erste Erfahrungen mit NOTES in der Gynäkologie. In: Geburtsh Frauenheilk 68 (2008): 930-933
Fuchs KH (D-NOTES-Arbeitsgruppe): Statuspapier D-NOTES. CHAZ 10 (2009): 292-298
Hazey JW, Narula VK, Renton DB, Reavis KM, Paul CM, Hinshaw KE, Muscarella P, Ellison EC, Melvin WS: Natural-orifice transgastric endoscopic peritoneoscopy in humans: Initial clinical trial. In: Surg Endosc 22 (2008): 16-20
Hochberger J, Matthes K, Köhler P, Menke D, Lamadé W: NOTES – Eine Perspektive für die Viszeralmedizin. Endosk heute 21 (2008): 2-5
Rattner D. Kalloo A and the SAGES/ASGE Working Group on NOTES: White Paper SAGES/ASGE Working Group on Natural Orifice Translumenal Endoscopic Surgery. Surg Endosc 20 (2006): 329-333
Sodergren MH, Clark J, Athanasiou T, Teare J, Yang GZ, Darzi A: Natural Orifice Translumenal Endoscopic Surgery: Critical appraisal of applications in clinical practice. Surg Endosc 23 (2009): 680-687
Zornig C, Emmermann A, v Waldenfels HA, Felixmüller C: Die Kolpotomie zur Präparatebergung in der laparoskopischen Chirurgie. Chirurg 65 (1994) 883-885


Zum Weiterlesen: Links zum Thema NOTES
NOTES-Register der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV): www.dgav.de/notes/
Euro-NOTES der European Association for Endoscopic Surgery (EAES) und der European Society of Gastrointestinal Endoscopy (ESGE): www.euro-notes.org/
Natural Orifice Surgery Consortium for Assessment and Research (NOSCAR) der American Society for Gastrointestinal Endoscopy (ASGE) und der Society of American Gastrointestinal and Endoscopic Surgeons (SAGES): www.noscar.org

Autorin: Antje Soleimanian (Hamburg), antje.soleimanian@bncev.de
 

 
 
Quelle: Chirurgen Magazin 40 (Heft 4.2009, August/September 2009)
 

Mo. 24.08.2009