Hernienchirurgie: Online-Operationsregister für mehr Transparenz und Qualität



Trotz hoher Inzidenzraten sind die Ergebnisse in der Hernienchirurgie nicht
zufriedenstellend. Ein neues internetbasiertes Qualitätssicherungsprogramm für die gesamte Hernienchirurgie soll nun die Qualität der -Patientenversorgung verbessern und valide Daten für die Versorgungsforschung erheben.


Hernien sind die weltweit häufigste operationspflichtige Diagnose. Von den derzeit knapp sieben Milliarden Menschen auf unserem Planeten werden etwa eine Milliarde im Laufe des Lebens an einem Leistenbruch erkranken. Nach Schätzungen der internationalen Herniengesellschaften wurden letztes Jahr weltweit etwa 20 Millionen Leistenhernien operiert. In Deutschland werden derzeit jährlich etwa 275.000 Leistenbrüche und knapp 100.000 Bauchwandbrüche versorgt (Reinpold 2008).

Hohe Rezidivraten und chronische Leistenschmerzen
Leider sind trotz der Häufigkeit hernienchirurgischer Eingriffe die Ergebnisse alles andere als zufriedenstellend. Bundesweit liegen sowohl die Rezidivraten als auch die Raten an chronischen Leistenschmerzen nach Leistenbruchoperationen bei über zehn Prozent (Deutsches Ärzteblatt 2009).
Bei den Berliner Hernientagen 2009 erklärte Professor Volker Schumpelick aus Aachen: „Wirklich gesichert sind nicht viele Erkenntnisse.“ Von einem universalen Goldstandard ist man in den Augen des Aachener Hernienspezialisten deshalb weit entfernt.

Keine Einigkeit über den Goldstandard für Hernien
Wenn Hernienchirurgen über die beste Operationsmethode, die Frage nach dem offenen oder endoskopischen Zugangsweg, über das Für und Wider alloplastischer Implantate und über das optimale Netzmaterial diskutieren, dann gleicht dies häufig mehr einem Glaubenskrieg als einer wirklich wissenschaftlichen Auseinandersetzung (Deutsches Ärzteblatt 2008). Auch beim Wilhelmsburger Herniensymposium in Hamburg 2008 waren sich die Experten nicht immer einig über den Goldstandard zur optimalen Versorgung von Leistenhernien (Deutsches Ärzteblatt 2008). Allerdings scheint eine maßgebliche Grundvoraussetzung für eine niedrige Komplikations- und Rezidivrate zu sein, dass ein erfahrener Chirurg operiert, der seine Technik optimal beherrscht (Deutsches Ärzteblatt 2008).

Hernienchirurgie als Ansatz für die Versorgungsforschung
Die Hernienchirurgie ist damit hervorragend geeignet, allgemeine Vorzüge und Mängel von Versorgungsstrukturen in Deutschland zu untersuchen. Experten fordern seit Langem, die Versorgungsforschung müsse sich auf versorgungsrelevante Themen konzentrieren.
So betonte Professor Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen betonte bei einer Fachkonferenz des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) 2008 in Bonn, Gesundheitsökonomen seien am wirtschaftlichen Einsatz der Mittel im realen Leben interessiert. Der Versorgungsalltag müsse möglichst genau abgebildet werden, denn in der Versorgungsrealität sehe es oft anders aus, als es randomisierte Studien vermuten lassen (www.healthtechwire.de). Dr. Jörg Lauterberg vom AOK-Bundesverband wiederum forderte bei der BVMed-Tagung, die methodische Qualität der Untersuchungen müsse verbessert werden.

Studien und Register verbessern die Versorgungsqualität
In der Regel liefern Qualitätssicherungsstudien oder Register nicht nur valide Daten, sondern bewirken auch eine qualitative Verbesserung der Patientenversorgung. So zeigte sich beispielsweise in Dänemakr, dass bereits die bloße Einführung eines Leistenhernienregisters zu einer signifikanten Reduktion der Rezidivrate führte (Kehlet et al. 2008). Daher fordert auch Professor Peter T. Sawicki, Leiter des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) speziell für die chirurgische Fachrichtung: „Die Zukunft der deutschen Chirurgie liegt in der Überzeugung durch transparente Ergebnisqualität.“
Ähnlich auch der Tenor einer Diskussion bei der Jahrestagung der Deutschen Herniengesellschaft im Juni 2009 in Neuss: Die anwesenden Experten waren sich einig, dass der Erkenntnisgewinn in vielen Fragen der Hernienchirurgie nur mit Hilfe wissenschaftlich fundierter Qualitätssicherungsstudien mit großen Fallzahlen möglich sein wird.

Qualitätssicherung für die gesamte Hernienchirurgie
Daher hat die Arbeitsgruppe der Autoren, die als sektorenübergreifendes Netzwerk für Hernienchirurgie kooperiert, ein internetbasiertes Qualitätssicherungsprogramm für die gesamte Hernienchirurgie entwickelt (Leistenhernie, Nabelhernie, Narbenhernie, epigastrische Hernie, parastomale Hernie, Hiatushernie, Hernie im infizierten Gebiet). Über das Internet können alle relevanten Patientendaten eingegeben werden (Komorbiditäten, Voroperationen, Befundklassifikation, genaue Operationstechnik, verwendete Medizinprodukte, perioperative Komplikationen und Follow-Up-Daten). Die Teilnehmer können ihre eigenen Daten jederzeit als Auswertungsstatistik abfragen.

Teilnehmer müssen Einblick in ihre Daten gewähren
Die Patienten werden nach einem Jahr, nach fünf Jahren und nach zehn Jahren nachverfolgt. Nur so lassen sich künftig entscheidende Fragen in der Hernienchirurgie beantworten und Standards festlegen. Um die Datenqualität der teilnehmenden Institution oder des Operateurs überprüfen zu können, müssen auf Anfrage entsprechende Controllingauszüge zur Verfügung gestellt werden. Außerdem sind Auditbesuche vorgesehen. Die Qualitätssicherungsstudie Hernie kann am 1. September 2009 an den Start gehen. Die Finanzierung erfolgt sowohl über die teilnehmenden Institutionen und Praxen, als auch über ein Sponsoring der Medizintechnikindustrie. Darüber hinaus streben die Initiatoren eine öffentliche Förderung an. Interessenten zur Teilnahme an der Qualitätssicherungsstudie Hernie können sich bereits jetzt per E-Mail bei den Initiatoren anmelden.

Tool für die Evaluation teil-resorbierbarer Implantate
Das neue Qualitätssicherungsprogramm ermöglicht es ebenfalls, neue Operationsverfahren unter realen Versorgungsbedingungen zu überprüfen. Daher hat die Arbeitsgruppe ein Tool zur Evaluation dreidimensionaler, teilresorbierbarer Implantate entwickelt. Dieses Tool wird ebenfalls zum 1. September 2009 an den Start gehen. Es wird im Rahmen der Gesamtstudie einen Vergleich neuer Implantate mit den bereits etablierten Verfahren ermöglichen. Die Qualitätssicherungsstudie wird auch zu einer weiteren Stärkung der sektorenübergreifenden Kooperation führen.

Maßgeschneiderte Konzepte gewinnen an Bedeutung
Durch die Regelungen des § 115b des Sozialgesetzbuches (SGB) V befindet sich die Hernienchirurgie an der Schnittstelle zwischen der ambulanten und stationären Versorgung. Über eine ambulante oder stationäre Versorgung wird je nach der Situation des Patienten, dem Hernienbefund und der geeigneten Operationsmethode entschieden. Da für die optimale Versorgung der Hernienpatienten immer stärker maßgeschneiderte Konzepte („tailored approach“) in den Vordergrund treten, ist es mehr und mehr notwendig, in einem Versorgungsbereich alle hernienchirurgischen Operationen anzubieten.

Spezialisierung erfordert Verzahnung und Kooperation
Allerdings können nicht alle hernienchirurgischen Operationen ambulant durchgeführt werden, so dass niedergelassene Chirurgen, die eine besondere Spezialisierung in der Hernienchirurgie anstreben, sich mit dem stationären Bereich verzahnen müssen. Eine solche Kooperation zwischen dem niedergelassenen Chirurgen und einer stationären Einrichtung ermöglicht es dem spezialisierten Hernienchirurg, bestimmte Operationen unter stationären Bedingungen durchzuführen und/oder dass die Operation von seinem spezialisierten Kollegen in der stationären Einrichtung vorgenommen wird. Die sektorenübergreifende Kooperation erweitert die Möglichkeiten sowohl des niedergelassenen Chirurgen, als auch der stationären Einrichtung. Die Fokussierung auf die Hernienchirurgie führt gleichzeitig auch zu einer Verbesserung der Qualität. Das neue Qualitätssicherungsprogramm Hernie wird diesen Prozess weiter fördern und die vom IQWiG geforderte Ergebnisqualität solcher Kooperationsmodelle belegen. Weiterhin sollen die systematische Erfassung aller Hernienfälle, das Follow-Up der Patienten und der damit verbundene Erkenntnisgewinn uns in die Lage versetzen, in Zukunft weitere Standards für die Hernienchirurgie festzulegen.

Literatur
BVMed-Konferenz zur Versorgungsforschung am 11. Juni 2008: Durch Studien über Technologien unter Alltagsbedingungen die Wissenslücken schließen“. Veröffentlicht: www.healthtechnwire.de, Pressemeldung vom 17. 6. 2008
Kehlet H, Bay-Nielsen M: Nationalwide quality improvement of groin hernia repair from the Danish Hernia Database of 87.840 patients from 1998 to 2005. In: Hernia (2008) 12:1-7
Reinpold W: Aktuelle Entwicklungen der Hernienchirurgie. In: Hamburger Ärzteblatt 10 (2008): 12-17
Sawicki PT: Die Zukunft der deutschen Chirurgie liegt in der Überzeugung durch transparente Ergebnisqualität. In: BDCJOnline (2008): 1-4
Soleimanian A: Hernienchirurgie: Die Qualität hängt am Chirurgen, nicht an der Technik. In: Deutsches Ärzteblatt 105 (40) (2008): 2080-2084
Soleimanian A: Postoperative Schmerzen im Fokus. In: Deutsches Ärzteblatt 106 (16) (2009): 752-753

Autoren:
Professor Ferdinand Köckerling (Berlin), ferdinand.koeckerling@vivantes.de
Dr. Ralph Lorenz (Berlin), ralph-lorenz@web.de
Dr. Christine Schug-Paß (Berlin), christine.schug-pass@vivantes.de
Dr. Andreas Koch (Cottbus), Tel.: 0355 42 59 11
 

 
 
Quelle: Chirurgen Magazin 40 (Heft 4.2009, August/September 2009)
 

Mo. 24.08.2009