Ambulante Shuntchirurgie: Für den Patienten segensreich – für den Operateur ein teures „Hobby“


Die ambulante Shuntchirurgie ist eine komplexe Versorgungsform schwerstkranker Patienten und erfordert einen gefäßchirurgisch erfahrenen Operateur. Das Vergütungssystem bildet die Qualität dieser Leistungen jedoch nicht ab, sondern erstattet nicht einmal die reinen Fixkosten.

Bundesweit werden jährlich rund 16.000 bis 18.000 shuntchirurgische Eingriffe vorgenommen. Ein gut funktionierender Shunt ist für die betroffenen Dialysepatienten eine Art Lebensversicherung. Die Qualität dieses lebenswichtigen Zugangs wird durch viele verschiedene Faktoren bestimmt. Zu den Faktoren für Qualität und Funktionalität zählen:
  • der Zustand der Spender¬arterie und deren Zustrom,
  • der Zustand der Shuntvene und deren Abstrom,
  • die Lage und Ausbildung des Shunts,
  • die Pflege und der Schutz durch den Patienten,
  • die Pflege, Häufigkeit und Technik der Punktion und
  • die Erfahrung und das Können des Operateurs.

Eine Besonderheit der Shuntchirurgie ist das hohe Aufkommen an Revisionseingriffen, welche in bis zu 70 Prozent aller Fälle erforderlich sind. Wie in allen Bereichen der Chirurgie verlangen Revisionseingriffe nach besonderer Erfahrung und Expertise des Operateurs, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
 

Tabelle 1)
Ergebnisse einer Literaturauswertung zur Dilatation von Shuntvenen

Ergebnisse der Dilatation von Shuntvenen

 

Offenheitsrate nach 2 Jahren nach PTA

Vorwerk 

24,0 %

Lüth

24,7 %

Beathard 

22,0 %

Gmelin 

34,0 %

 

Angaben einschließlich Sekundär- und Tertiärinterventionen

Tabelle 2)
Ergebnisse einer Literaturauswertung zur offenen Shuntrevision

Ergebnisse der offenen Shuntrevision bei Stenosen der Shuntvene

Offenheitsrate nach 2 Jahren nach PTA

Vorwerk

63,9 %

Lüth

72,3 %

 

Angaben einschließlich Sekundär- und Tertiärinterventionen


Shuntanlage ist ein Eingriff für den erfahrenen Operateur
Die Nähe zur Körperoberfläche und der damit unproblematische Zugang hat die Shuntchi¬rurgie in der Vergangenheit nicht selten zu einem Einsteigereingriff gemacht. Aus unserer Sicht ist genau das Gegenteil der Fall, denn bei jedem missglückten Versuch der Shuntanlage wird eine Chance auf Dialyse für den Patienten unwiederbringlich verspielt. Daher sollten Shuntanlagen solange assistiert werden, bis der junge Operateur über ausreichend Erfahrung verfügt und alle gefäßchirurgischen Techniken einwandfrei beherrscht. Ein besonderes Anliegen unserer Shuntchirurgie ist es, im Sinne der Patienten möglichst viele Eingriffe ambulant durchzuführen, um neben den ohnehin extrem häufigen Arztkontakten möglichst keine oder wenigstens doch seltene Krankenhausaufenthalte auszulösen.

Strukturqualität und Kooperation mit dem Nephrologen
Die ambulante Shuntchirurgie stellt besonders hohe Ansprüche an die strukturelle Qualität der Operationseinheit und das organisatorische Zusammenspiel mit den behandelnden Nephrologen. Neben einer engen und lückenlosen Absprache zwischen den Akteuren ist ein reibungsloser Ablauf von der Organisation des Termins bis zur Nachbehandlung essenziell. Qualitätsmerkmale wie die Einrichtung der OP Anlage im Sinne des § 115b (Standard moderner Kliniken) oder die Zertifizierung nach DIN ISO 9001 werden bereits vorausgesetzt.

Eine möglichst große Kontinuität des Personals auf ärztlicher und auf Seite der Assistenzberufe sowie die genaue Kenntnis der Probleme in der Behandlung von Dialysepatienten sind unabdingbare Voraussetzung für einen reibungslosen Ablauf der ambulanten Shuntchirurgie. Nur durch kontinuierlichen Erfahrungsaustausch ist es dem Operateur möglich, auf die besonderen Bedürfnisse der punktierenden Pflegekräfte eingehen zu können. So erhalten wir regelmäßig Rückmeldungen über den Heilungsverlauf und die Punktierbarkeit der von uns angelegten Shunts.

Andererseits werden wir von unseren nephrologischen Kollegen weitestgehend von Routinearbeiten bei der OP Vorbereitung freigestellt. Dies betrifft auch eine erste technische Aufklärung über Shunttechniken, deren mögliche Probleme und Komplikationen anhand des von uns erarbeiteten Informationsmaterials. Eine ergänzende Aufklärung, nach endgültiger Festlegung der OP-Strategie, erfolgt immer durch den Operateur kurz vor dem Eingriff.

Wir haben in unserer Einheit die ambulante Shuntchirurgie seit Oktober 2001 etabliert und mit der engagierten Unterstützung unserer zuweisenden Dialysezentren kontinuierlich ausgebaut. Seither wurden bis Juli 2008 375 Shuntoperationen aller Schwierigkeitsgrade durchgeführt. Über den gesamten Zeitraum mussten 30 Patienten (acht Prozent) unter stationären Bedingungen versorgt werden. In einigen Fällen handelte es sich um Patienten, die aufgrund Ihrer Begleiterkrankungen stationär behandelt wurden, und uns konsiliarisch zur Shuntanlage vorgestellt wurden. Bei den übrigen Fällen handelte es sich um komplexe Eingriffe, die eine stationäre Beobachtung erforderten.

Patientenvorbereitung und Narkoseverfahren
Unter den oben genannten Bedingungen kann nahezu jeder Patient mit terminaler Niereninsuffizienz oder einer präterminalen Niereninsuffizienz ambulant versorgt werden, bei dem der Nephrologe die Indikation für eine baldige Dialyse sieht. Die OP-Vorbereitung der Patienten übernimmt in unserer Struktur weitgehend der behandelnde Nephrologe. Die erforderlichen Voruntersuchungen zur Klärung der Operabilität sind in Absprache mit den Anästhesisten weitgehend standardisiert. Nur in besonders problematisch erscheinenden Fällen, werden uns die Patienten noch einige Tage vor dem Eingriff vorgestellt.

Die Patienten erscheinen mit den erforderlichen Unterlagen am OP-Tag eine Stunde vor dem geplanten Eingriff im OP Zentrum. Mit Hilfe moderner Farbduplextechnologie kann bis auf wenige Ausnahmen die OP Strategie ohne weitere invasive Untersuchungsverfahren festgelegt werden. Hinsichtlich der Anästhesie bevorzugen wir die Plexusanästhesie oder auch die lokale Anästhesie. Nur in Ausnahmefällen greifen wir auf eine Allgemeinanästhesie zurück. Bei den Anästhesieverfahren sind die Regionalanästhesien zu bevorzugen, da sie zum einen den Patienten wenig belasten und sich die Spendervenen erweitern und besser darstellen. Nachteilig, weil oft nicht ausreichend, ist die Regionalanästhesie im Bereich der Achsel und dem proximalen Oberarm.

Techniken der Shuntanlage
Der Shunt sollte möglichst am nicht führenden Arm angelegt werden. Bei der Erstanlage sollte der Shunt wegen der zu erwartenden Revisionen, die einen Dialysepatienten immer begleiten, so weit distal wie möglich und so weit proximal wie nötig an der oberen Extremität angelegt werden. Prinzipiell gilt die Verwendung von autologem vor heterologem Gefäßmaterial, da die Haltbarkeit autologer Venenshunts nach wie vor deutlich besser und die Gefahr schwerwiegender Komplikationen deutlich geringer ist. Die distale A. radialis ist das bevorzugte Spendergefäß, auf das die V. cephalika vom Ende zur Seite anastomosiert wird.

Wir achten auf einen möglichst geradlinigen Verlauf der zuvor mobilisierten Vene und unterbinden bei Bedarf über kleine zusätzliche Inzisionen retrograd zum Handgelenk führende Venen. In Ausnahmefällen kommt die A. ulnaris als Spendergefäß zum Einsatz. Der Venenshunt bildet sich binnen sechs Wochen aus und kann dann punktiert werden. An heterologem Material hat sich dickwandiges PTFE (etwa Goretex) durchgesetzt. Diese Prothesen werden zum Teil carbonbeschichtet und konisch zulaufend als spezielle Shuntprothesen von der Industrie angeboten. Der Shunt ist nach einer kurzen Einheilungsphase verwendbar.

Vor dem Einsatz von prothetischem Material prüfen wir regelmäßig die Verfügbarkeit von Venenmaterial aus anderen Regionen wie etwa der V. saphena magna (VSM). Unserer Erfahrung nach eignet sich die VSM ausgezeichnet als Punktionsstrecke. Wir transplantieren sie sowohl als „Strecke“ von der A. radialis nach cubital, als auch als „Schleife“ am Unterarm oder Oberarm. Ein solcher Eingriff entspricht in Technik und Aufwand weitgehend der autologen Bypasschirurgie. Auf diese Weise versorgte Patienten werden bei uns in der Regel für einen Zeitraum von zwölf bis 24 Stunden nachbeobachtet. Eine Antikoagulation der Patienten nach Shuntanlage ist nicht erforderlich.

Shuntkomplikationen
Die häufigste Komplikation des Shunts ist ein abnehmender Blutfluss oder der Verschluss des Shunts mit der Notwendigkeit der Revision oder Neuanlage (vergleiche Tabellen 1 und 2). Ursache hierfür ist meistens eine Stenose im Zufluss oder Abfluss, meist an oder kurz nach Anastomosen. Die präoperative Duplexsonographie oder Angiographie kann hier Antworten geben. In Fällen von Shuntstenosen, sprich venösen Stenosen, bevorzugen wir die offene Rekonstruktion. Die Dilatation von Stenosen im Verlauf der Punktionsstrecke hat sich bei unseren Patienten nicht bewährt. In diesen Fällen hat die offene Rekonstruktion deutlich bessere Ergebnisse erzielt. Bei der offenen Rekonstruktion von stenotischen Shuntvenen kommen alle üblichen gefäßchirurgischen Techniken zum Einsatz.

Ausnahmen sind in diesem Zusammenhang Stenosen der venösen Anastomose nach PTFE Shuntanlage und weit zentral liegende also chirurgisch nur mit erheblichem Aufwand zugängliche Stenosen. In diesen Fällen hat sich die Dilatation bewährt. Dieser sehr atraumatische Eingriff kann in einigen Fällen aufwendige Revisionseingriffe verhindern oder zumindest deutlich in die Zukunft verschieben. Bei Stenosen des arteriellen Spendergefäßes ist die perkutanen transluminalen Angioplastie (PTA) wie in der arteriellen Gefäßchirurgie Standard und erste Wahl.
Eine weitere mögliche Komplikation ist das „Stealphänomen“. Es kann direkt nach Anlage durch eine zu weite Anastomose oder durch Entwicklung des Shunts entstehen.

Hierbei nimmt der Shunt soviel arterielles Blut ab, dass die Versorgung der Hand kritisch wird oder sogar Finger absterben können. In diesem Fall muss schnell der Shuntfluss gedrosselt werden. Hierbei reduziert man den Shuntvenendurchmesser durch das „Banding“ der Shuntvene. Dies verlangt viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung, will man den gewünschten Effekt und einen brauchbaren Shunt erhalten.

Ist eine primär zu großzügig bemessene Anastomose – meist nach Cubitalshuntanlage – der Grund für ein Stealphänomen, kann in einigen Fällen mit der Farbduplexsonographie eine regelrechte Flussumkehr in der distal der Anastomose abführenden Arterie nachgewiesen werden. Es kommt somit zu einer Sogwirkung des Shunts, die schwerste Ischämien bedingen kann. In diesen Fällen kann die Anlage eines autologen Bypasses von der proximal der Anastomose gelegenen Arterie auf die distal der Anastomose liegende Arterie indiziert sein. Dabei ist zu beachten, dass die Arterie distal der Shuntanastomose zu verschließen ist. Weitere Komplikationen sind Infektionen, insbesondere bei PTFE Shunts, die zur Explantation der Prothese zwingen.

Vergütung
Die Vergütung der Shuntchirurgie ist unverändert schlecht – gemessen am Aufwand, möchte man sie fast katastrophal nennen. In Bayern sind OP-Leistungen zwar in den Kategorien K3-7 Strukturvertragsleistungen und erzielen zwischen 5,1 Cent/ Punkt (AOK Bayern), 3,7 Cent/Punkt (Ersatzkassen und Betriebskrankenkassen) und 3,0 Cent/Punkt (Knappschaft). Die Erstanlage ist aber bei allen Kassen derzeit mit einem Punktwert von 2,2 Cent (I. Quartal 2008) und K2 bewertet. Die einzige Kasse, welche die problematische Vergütung im ambulanten Sektor sieht, ist offenbar die IKK direct, die mit 6,0 Cent erstmals einen höheren Punktwert zahlt als die 1998 kalkulierten 5,11 Cent – und zwar in allen Leistungsgruppen. Leider durften wir bislang keinen einzigen Patienten der IKK direct versorgen, was möglicherweise mit dem speziellen Risikoprofil dieser Versichertengruppe zusammenhängt.
In den Tabellen 3 und 4 sind die Erlöse und die von uns kalkulierten Kosten in unserem OP-Zentrum für Raum und Infrastruktur ohne Personal aufgelistet. Ein Honorar für den Chirurgen ist ebenfalls nicht kalkuliert, da nicht mehr vorhanden.
 

Tabelle 3)

Shunt-OP

 IKKdirect

AOK Bayern

Ersatzkassen

Knappschaft

Primäranlage K2

262€

96€

96€

96€

Revision
einfach K3

334€

279€

207€

191€

Revision
kompliziert K3

334€

279€

207€

191€

Tabelle 4)

Shunt-OP

Zeitbedarf EBM 2008

OP-Zentrum Kosten pro Eingriff ohne Personal

Primäranlage

59 Minuten

147,5€

Revision einfach

78 Minuten

195€

Revision kompliziert

110 Minuten

275€

 

Die OP-Kosten sind bei uns mit 2,50 Euro pro Minute sicher sehr niedrig kalkuliert. Ein Universitätsklinikum rechnet mit dem Fünffachen dieses Betrages (Quelle: interne Erhebung und Kalkulation der Universität Regensburg, Chirurgische Klinik V. Mohr/S. Mann 1993, unpubliziert). Ein Operateur macht bei der Primäranlage allein durch die Kosten für die Struktur des OP einen deutlichen Verlust, im günstigsten Fall erwirtschaftet er bei einem Revisonseingriff für sich und seine Assistenzen einen Umsatz von 139 Euro in 78 Minuten. Im ungünstigsten Fall ist allein durch die OP-Kosten ein Verlust von 84 Euro in 110 Minuten zu verzeichnen. Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in dieser Berechnung keine Personalkosten berücksichtigt sind. Ganz zu schweigen von einem Honorar für den Gefäßchirurgen. Diese absurde Vergütung einer hochqualifizierten Leistung spiegelt beispielhaft die desolate Situation unseres grotesk unterfinanzierten Gesundheitswesens wieder.

Schlussbemerkung
Der Gesamtbedarf an Shuntchirurgie in Deutschland liegt bei zirka 16.000 bis 18.000 Operationen jährlich und wächst ständig. Die ambulante Shuntchirurgie ist eine hochkomplexe Versorgungsform schwerstkranker Patienten. Neben einem erfahrenen und hochspezialisierten Ärzteteam, ist eine qualifizierte Organisation der Abläufe essenziell. Erst die technischen Innovationen der vergangenen zehn Jahre haben eine derart umfangreiche, ambulante Versorgung möglich gemacht.

Die Qualität dieser Versorgungform wird in keinster Weise im Vergütungssystem abgebildet, welches noch nicht einmal die reinen Fixkosten erstattet. Der sich schon jetzt abzeichnende Engpass wird durch einen eklatanten Nachwuchsmangel auf Seiten der Operateure noch dramatisch verstärkt (siehe Der Chirurg BDC Juli 2008 S.227).
Die ambulante Shuntchirurgie wird also nicht an der so viel gepriesenen Konkurrenz im Gesundheitswesen sterben. Sie droht vielmehr als Kollateralschaden einer verfehlten Gesundheitspolitik zu Grunde zu gehen.

Die Leitlinien „Techniken der Shuntanlage“ sind abrufbar unter: www.kidney.org

Weiterführende Literatur bei den Verfassern

Autoren: Dr. Stefan Mann und Dr. Lutz Röntgen
Fachärzte für Chirurgie und Gefäßchirurgie
Gefäßzentrum Regensburg
Bahnhofstraße 24, 93047 Regensburg
Tel.: 0941 585 47-0, Fax: 0941 585 47 47
stefan-mann@t-online.de, info@gefaesszentrum-regensburg.de
www.gefaesszentrum-regensburg.de
 

 
Quelle: Chirurgen Magazin 34 (Ausgabe 4/08, August/September 2008)
 

Do.  28.08.2008