11. Bundeskongress der niedergelassenen Chirurgen: Abstracts der Fachvorträge


Zusammenfassungen ausgewählter Fachvorträge aus dem umfangreichen Programm des 11. Bundeskongresses der niedergelassenen Chirurgen vom 5. bis 7. März 2009 in Nürnberg.

Anästhesie: Postoperative Schmerztherapie
Viele ambulante Operateure geben ihren Patienten nach einem Eingriff nicht genug Schmerzmedikamente mit, so die Erfahrung des Bayreuther Anästhesisten Dr. Hans-Jürgen Honikel: „Vor einer Operation haben Menschen zum einen Angst vor der Narkose, zum anderen vor Schmerzen. Wer diese Angst ernst nimmt und ein gutes Schmerzmanagement anbietet, betreibt erfolgreiches Praxis-Marketing.“ Die Schmerzstärke nach der Operation – und damit auch die Patientenzufriedenheit – variiere je nach Präparat, das für das postoperative Schmerzmanagement eingesetzt werde, erklärte Honikel, „wobei als Schmerz gilt, was der Patient als Schmerz empfindet – und wann immer er es empfindet.“ Diclofenac werde aufgrund seiner Kostenüberlegenheit gegenüber den Coxiben (Preis für die Tagesdosis 0,15 Euro für Diclofenac vs. bis zu 10,36 Euro für Parecoxib) gern nach ambulanten Operationen eingesetzt. „Allerdings kommt es hierbei häufig zu postoperativen Schmerzspitzen gerade in der ersten Nacht“, sagte der Anästhesist. Für die postoperative Schmerztherapie bei Kindern werde weiterhin vor allem Paracetamol eingesetzt. Mittlerweile sei zum Beispiel Perfalgan auch für die Behandlung von Kindern unter zehn Kilogramm Körpergewicht zugelassen. „Sie sollten Eltern aber unbedingt auf die heruntergesetzte Tageshöchstdosis (THD) von vier Gramm hinweisen“, mahnte Honikel. Viele Eltern wüssten nämlich nicht, dass sich die THD auf 24 und nicht auf zwölf Stunden bezieht. „Wer Paracetamol ad libitum verabreicht oder verordnet, riskiert die Gefahr eines Leberversagens und begeht einen Kunstfehler!“

Referent: Dr. Hans-Jürgen Honikel, Bayreuth

Fußchirurgie: Kleine Zehen, große Probleme …
Verletzungen oder Deformitäten an den kleinen Zehen können große Versorgungsprobleme verursachen, wie der niedergelassene Orthopäde Dr. Manfred Lang aus Erlangen berichtete. Klare OP-Indikationen seien Schmerzen, die Verdrängung der anderen Zehen, eine Kombination mit Hallux valgus oder mit rheumatoider Arthritis. Als Operationsmöglichkeiten stünden generell die Resektionsplastik und die Arthrodese zur Verfügung. Basis jeder Diagnostik sei zunächst die manuelle Inspektion: Liegt eine Hypermobilität des ersten Strahls vor? Gibt es Anzeichen für Kontrakturen oder Schwellungen? Wenn der Drawer-Test positiv ausfalle, dann müsse der Operateur meist nicht nur ein Release, sondern eine sequentielle Korrektur durchführen. „Untersuchen Sie jeden Kleinzeh einzeln und erfühlen seine Gelenkbeweglichkeit“, riet Lang. „Inspizieren Sie außerdem die Haut der Zehen, und zwar dorsal, interdigital und plantar.“ Eine Inspektion der Schuheinlagen des Patienten könne aufgrund der typischen Verfärbungen bereits als Belastungsprofil dienen: „Eigentlich brauchen Sie den Patienten hierfür gar nicht mehr irgendwo anders hinschicken, denn diese Verfärbungen und die Ausprägung der Schwielen an den Füßen zeigen die Probleme bereits deutlich auf“, erklärte Lang. Für die Nachbehandlung nach einem Korrektureingriff an den Kleinzehen empfahl Lang seinen Kollegen, grundsätzlich für die Dauer von vier Wochen einen Vorfußentlastungsschuh zu verordnen. Vier bis sechs Wochen nach dem Eingriff könne man dann die Kirschner-Drähte entfernen und schrittweise mit der Mobilisierung des Grundgelenks beginnen.

Referent: Dr. Manfred Lang, Erlangen

Schultererkrankungen: Geduld für konservative Therapie
In der Schulterchirurgie wird nach Auffassung von Dr. Christoph Gekle vom Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil zu rasch und zu häufig operiert. So sollte man Indikationen wie die idiopathische‚ Frozen Shoulder‘, das Schulter-Impingement oder die traumatische vordere Luxation zunächst gründlich konservativ behandeln, bevor ein operativer Eingriff erwogen werde. Für die konservative Therapie empfahl der Unfallchirurg drei bis vier intraartikuläre Kortisoninjektionen über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen und krankengymnastische Maßnahmen zur Dehnung. Bei einer Tendinosis calcera ließen sich auch mit Stoßwellentherapie gute Ergebnisse erzielen, eine Operation komme hier frühestens nach sechs bis neun Monaten erfolgloser konservativer Therapie in Frage. Auch die traumatische vordere Luxation lasse sich in der Regel konservativ erfolgreich therapieren. Basis für eine korrekte Diagnosestellung sei eine gründliche klinische Untersuchung mit ausführlicher Anamnese, Palpation und Funktionstests, Infiltration zur genauen Schmerzlokalisation und Sonographie. „Hier lohnt es sich, zehn Minuten zu investieren, denn mit einer guten klinischen Untersuchung lassen sich bereits 80 Prozent der Diagnosen stellen“, erklärte Gekle. Von den bildgebenden Verfahren haben für Gekle vor allem die Sonographie und das Röntgen ihre Berechtigung in der Diagnostik von Schultererkrankungen. Wenig überzeugt zeigte sich der Bochumer Unfallchirurg von der therapeutischen Konsequenz der Magnetresonanztomographie: „Die MRT hat ihre Berechtigung in Spezialfällen, etwa bei Tumoren, Nekrosen des Humeruskopfes oder unklaren Schmerzzuständen“, sagte Gekle. Für die Diagnose von Luxationen sei die MRT hingegen kaum geeignet und liefere zudem viele falsch positive Befunde.
Wenngleich man bei einer traumatischen Ruptur der Rotatorenmanschette nicht viel Zeit bis zur operativen Korrektur verlieren dürfe, müsse man speziell bei älteren Patienten mit einer degenerativen Ruptur der Rotatorenmanschette nicht grundsätzlich operieren: „Wenn die Umstände es zulassen, dass man konsequent ein Jahr lang zuwartet, dann kommen die wenigsten Patienten für eine Operation zurück.“ Und auch der Moderator Dr. Christoph Keßler meinte: „Obwohl wir als Chirurgen gern und viel operieren, ist der beste Patient der, dem wir die Operation ersparen können.“ Der Erfolg der konservativen Therapie hänge aber auch zu 50 Prozent von der Qualität der Physiotherapie ab. Die Behandlung der Schulter erfordere große Erfahrung des Physiotherapeuten und eine ausreichende Behandlungsfrequenz: „Zweimal wöchentlich 30 Minuten Physiotherapie, das ist kaum mehr als eine Anleitung zum Selbstüben“, sagte Gekle. Zweifel äußerten sowohl Gekle als auch Keßler an der Therapie degenerativer Gelenkerkrankungen mit Hilfe der Pulsierenden Signal Therapie (PST): „Effekte wurden nur beim Tennisellbogen und bei der Kalkschulter nachgewiesen, für andere Indikationen gibt es keine wissenschaftlichen Belege“, sagte Gekle. Und auch Keßler meinte: „Ich habe die PST angewandt und wieder damit aufgehört. Viele Patienten sind ja heute sehr belesen und kennen die einschlägige Literatur, die Methode ist ihnen nicht mehr zu vermitteln.“

Referent: Dr. Christoph Gekle, Bochum

Kindliche Frakturen: Diagnose ist die Hauptleistung
Weil knöcherne Verletzungen bei Kindern im Röntgenbild nur schwer zu erkennen sind, sind das Erkennen und die korrekte Diagnosestellung hier häufig die eigentliche intellektuelle Leistung, wie der unfallchirurgische Ordinarius der Universitätsklinik Mannheim Professor Udo Obertacke erläuterte.
Häufige Frakturen im Kindesalter seien Radiusköpfchenluxationen, dislozierte kondyläre Oberarmfrakturen, Biegungsfrakturen der proximalen Tibia, Abrissfrakturen des Malleolus medialis, Schenkelhalsfrakturen, metaphysäre Wulstbrüche am distalen Radius, Grünholzfrakturen und Frakturen des Ober- oder Unterschenkelschafts. Obertacke wies auf die genaue Unterscheidung metaphysärer Wulstbrüche von Grünholzfrakturen hin: „Ersteres erfordert keine Reposition, sondern eine rein konservative Behandlung mit Schienung und Ruhigstellung.“ Die Grünholzfraktur hingegen müsse vor der Ruhigstellung gegengebrochen und eingerichtet werden, sie heile dann innerhalb von acht Wochen aus. Bei der Entscheidung, ob eine Fraktur konservativ ohne Manipulation mit einer Schiene, durch Gegenbrechen, Einrichten und Ruhigstellung, durch Extensionsbehandlung oder operativ versorgt wird, könne der Chirurg aber nicht immer nur medizinische Gesichtspunkte berücksichtigen, erklärte Obertacke: „Rationale Entscheidungen sind bei den Eltern nicht immer beliebt.“ So kämen Kinder zum Beispiel bei einer Oberschenkelschaftfraktur in der Regel problemlos mit einer stationären konservativen Extensionsbehandlung zurecht. „Es sind dann oft die Mütter, die nicht mit dieser Behandlungsform klarkommen – doch die Zeit, die Sie hier mit Argumentieren verbringen, zahlt Ihnen keiner…“ sagte Obertacke. Eindringlich warnte der Chirurg seine Kollegen davor, bei unklaren Befunden Vergleichsaufnahmen von der unverletzten Extremität zu machen: „Wenn Sie Vergleichsaufnahmen von der anderen Seite machen, machen Sie sich strafbar! Jeder Gutachter wird das so sehen, denn die Röntgen-Verordnung ist hier ganz eindeutig“, sagte Obertacke. Eine Sonographie für den Seitenvergleich führe er selbst ebenfalls nicht durch. Für den Seitenvergleich im Bedarfsfall empfahl er, Abbildungen in der Fachliteratur zu konsultieren.

Referent: Professor Udo Obertacke, Mannheim
 

 
Quelle: Chirurgen Magazin 38, Ausgabe 2.2009 (April/Mai 2009)
 

Di. 28.04.2009