Fußchirurgie: Zehn Jahre Erfahrung mit der ambulanten Operation des Hallux valgus nach Stoffella


Fazit nach über 400 ambulanten Operationen des Hallux valgus nach Stoffella: durchweg positive Erfahrungen mit dieser Form der Umstellungsosteotomie. Die Patienten können den Fuß rasch wieder belasten, eine lange Ruhigstellung ist nicht erforderlich, das Thromboserisiko ist entsprechend gering.

Der Hallux valgus ist eine Volkskrankheit. Ursache ist meist eine angeborene Bindegewebsschwäche sowie einengendes Schuhwerk oder ein relativ kurzer erster Strahl. Der schlechte Patienten-Komfort durch immobilisierende Gipsbehandlungen, lange Ruhigstellungszeiten sowie häufig die Haut perforierende Kirschner-Draht-Versorgungen haben uns seinerzeit nach einem Verfahren suchen lassen, das gut ambulant durchführbar ist und eine rasche Belastung erlaubt. Auch in Kenntnis des Thromboserisikos ist in der heutigen Zeit Patienten eine längere Ruhigstellungsdauer immer schwerer zu vermitteln.

Das 1998 von Stoffella vorgestellte Operationsverfahren scheint diese Vorzüge zu vereinen. Der Eingriff ist auch bei größeren Achsabweichungen ambulant in Vollnarkose, Fußblock oder Regionalanästhesie möglich und die Patienten können unter zunehmender Belastung und Abrollen des Fußes bei guten Ergebnissen rasch mobilisiert werden.

Indikation
Belastungsabhängige Beschwerden im Vorfuß, Ballenschwielen mit rezidivierenden Entzündungen und Druckbeschwerden im Schuh durch eine zunehmende Fehlstellung führen die Patienten in die ärztliche Behandlung. Grundsätzlich sollte nur ein symptomatischer Fuß, bei dem konservative Behandlungen nicht zur Linderung der Beschwerden führten, operiert werden. Das von uns favorisierte Verfahren nach Stoffella ermöglicht eine distale Umstellung am Metatarsale (MT) I auch bei größeren Intermetatarsal- und Halluxwinkeln. Bei einer Elevatusstellung oder Instabilität des ersten Strahls, nach bereits erfolgter distaler Umstellung des Metatarsale I oder einem Hallux rigidus, sowie bei einem stark vergrößerten PASA-Winkel wählen wir ein anderes Verfahren.

Operatives Vorgehen
Das Operationsprinzip beruht auf der intramedullären Verankerung einer Stahlspange in den Schaft des Metatarsale I und der winkelstabilen Verschraubung des distal ösenförmig gebogenen Spangenendes an das lateralisierte Metatarsaleköpfchen. Über eine dorsomediale Hautinzision erfolgt zunächst die Darstellung der Großzehengrundgliedbasis und ein laterales Weichteilrelease des einstrahlenden Großzehenabduktor. Anschließend wird die Gelenkkapsel mediodorsal gespalten und das MT-I-Köpfchen freigelegt.
Bei Bedarf wird die mediale Pseudoexostose sparsam abgetragen. Mit einem von medial subkapital eingebrachten Führungsdraht wird die Osteotomieachse festgelegt und im Sinne einer Chevron-Osteotomie das MT 1 durchtrennt.

Je nach Anlage der Osteotomie kann das MT 1 verkürzt oder verlängert sowie eleviert oder plantarisiert werden. Wir legen die Osteotomie primär etwas steiler an und versuchen das MT I etwas länger als das MT II einzustellen, um eine Sinterung auszugleichen und nach Ausheilung wieder die gleichen Längenverhältnisse von MT I+II zu erzielen. Das MT-I-Köpfchen kann bis um Markraumbreite nach lateral verschoben werden, Danach wird eine Stoffella-Spange mit der entsprechenden Lateralisierung in den Schaft eingeschlagen, das MT-1-Köpfchen mit einer Schraube winkelstabil an die Spange fixiert und Spange samt Köpfchen mit einigen Hammerschlägen im MT-I Schaft verankert. Die überstehenden Kanten werden geglättet und die Kapsel im Sinne einer medialen Raffung verkürzt. Nach Haut und Wundverband wird der Fuß und Unterschenkel elastisch gewickelt.

Ergebnisse
In den vergangenen zehn Jahren haben wir über 400 Operationen des Hallux valgus nach Stoffella durchgeführt. Das Durchschnittalter betrug 54 Jahre. Das Verhältnis Frauen zu Männer betrug 15:1. Bei 28 Prozent aller Eingriffe wurden zusätzliche Korrekturosteotomien an den Zehen vorgenommen.
Die Operationszeit betrug inklusive der Zusatzeingriffe durchschnittlich 32 Minuten. Bei Patienten unter 65 Jahren wurden die Spangen nach acht bis zehn Wochen entfernt, bei älteren Patienten haben wir sie meist belassen. Bei den durchgeführten Nachuntersuchung waren neun von zehn Patienten zufrieden oder sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Die Halluxwinkel und Intermetatarsalwinkel konnten auf im Mittel hochnormale Werte zurückgeführt werden. Allerdings fiel uns auf, dass teilweise eine erhebliche Diskrepanz zwischen röntgenologischem Ergebnis und der Funktionalität oder Beschwerden der Patienten bestand.

Mobilisierung
Bei uns dürfen die Patienten den Fuß oft vom Operationstag an in einer Konfektions-Trekkingsandale oder einem Verbandsschuh bis zur Schmerzgrenze, manchmal auch voll belasten und den Fuß abrollen. Unterarmgehstützen sind in der Regel nur wenige Tage erforderlich. Einen weiten Konfektionsschuh konnten die Patienten nach durchschnittlich drei bis vier Wochen wieder tragen.

Thromboseprophylaxe
Obwohl wir eine forcierte Mobilisation betreiben, verordnen wir für sieben Tage eine medikamentöse Thromboseprophylaxe, bei Risikopatienten und bekannter Varikose auch Kompressionsstrümpfe.
Danach sind praktisch alle Patienten wieder mobil. Trotz vollständiger Mobilisation und medikamentöser Thrombosprophylaxe haben wir eine partielle Unterschenkelvenenthrombose beobachtet. Die Patientin wurde mit einem Kompressionsstrumpf versorgt und für drei Monate marcumarisiert.

Schmerztherapie
Wir führen die Eingriffe meist in einer Larynxmaskennarkose und in Oberschenkelblutsperre durch. Bei diesen Patienten infiltieren wir nach der Hautnaht 10 ml Bupivacain zur postoperativen Schmerzprophylaxe. Mit zusätzlich Ibuprofen 800 und Tramadol sind die Patienten meist beschwerdefrei.

Nachsorge
Durch die Umstellungsosteotomie kommt es zu einer Änderung der gesamten Fußstatik. Der anfängliche Belastungsschmerz klingt in der Regel rasch ab. Die Bewegungseinschränkung im Großzehengrundgelenk verschwindet meist innerhalb von drei Monaten. Für diesen postoperativen Zeitraum raten wir unseren Patienten, einen Zwischenzehenkeil zu tragen, um einem Frührezidiv vorzubeugen, das durch Narbenzug entstehen kann. Wenn der Fuß nach Abklingen der Schwellung nach zirka drei Monaten seine endgültige Form gefunden hat, verordnen wir den Patienten neue Einlagen.

Fallstricke und Probleme
Die Resektion der medialen Pseudoexostose sollte sparsam durchgeführt werden. Wir waren anfangs etwas zu großzügig. Bei anfänglich achsengerechter Stellung entwickelte sich in zwei Fällen ein Hallux varus. Seither resezieren wir deutlich sparsamer und verwenden dann lieber eine kleinere Versetzung der Stoffella-Spange. Bei distalen Umstellungen wird in der Literatur die Gefahr eine Köpfchennekrose beschrieben. Bei zwei Patientinnen beobachteten wir eine partielle Osteonekrose des Metatarsale-I-Köpfchens mit einer Verkürzung und konsekutiver Überlastung von Metatarsale II und III im Sinne einer Transfermetatarsalgie. Ursache war wohl eine zu ausgiebige Mobilisierung und Lateralisierung des MT-I-Köpfchens, eventuell auch eine zu großzügige Denudierung beim Lateral Release. Wir führen den Lateral Release seither ohne größere laterale Freilegung des MT-I-Köpfchens durch. Eine in der Literatur vereinzelt beschriebene totale Köpfchennekrose haben wir bisher nicht beobachtet.

Eine Pseudarthrose haben wir bisher nie beobachtet, jedoch eine verzögerte Abheilung der Osteotomie in drei Fällen. In allen Fällen handelte es sich um sehr aktive, in einem Fall um eine deutlich übergewichtige Patientin. Durch Ruhigstellung heilten alle Osteotomien vollständig aus, ein Folgeeingriff war nicht erforderlich. Einmal kam es beim Einschlagen der Spange zu einer Schaftsprengung bei einem sehr engen Schaft. Manchmal sperrt auch das MT-I-Köpfchen bei der Lateralverschiebung bei ungenügender Mobilisierung. Eine zu forcierte Hebelung sollte besonders beim älteren Knochen unterbleiben. In unserem Fall heilten unter vorübergehender Teilentlastung Osteotomie und Schaft achsengerecht aus.

Bei einer Patientin kam es zu einem Weichteilinfekt, der nach vorzeitiger Metallentfernung problemlos ausheilte. Ein Keim konnte nicht nachgewiesen werden. Eine Patientin entwickelte nach Metallentfernung einen oberflächlichen Weichteilinfekt, der durch konservative Maßnahmen abheilte. Bei einer Patientin wurde auswärts das Implantat unter Infektverdacht entfernt. Ob sich der Verdacht erhärtet hat, konnten wir trotz mehrfacher Anfragen nicht eruieren. Fünfmal kam es zum Abkippen des Köpfchens nach medial oder dorsal bei Auslockerung der Schrauben im MT-1-Köpfchen. Zweimal beobachteten wir ein Zurücklaufen der Schrauben, einmal brach eine Schraube bei der Metallentfernung. Als Ursache sehen wir die dynamische Wechsellast durch die frühfunktionelle Therapie.

Die Konsequenz sind für uns zum einen das Metall etwas länger zu belassen und nicht schon wie bei Stoffella beschrieben nach sechs Wochen zu entfernen, zum anderen engmaschigere Röntgenkontrollen und die Aufforderung an hyperaktive Patienten sich zumindest vorübergehend etwas zu schonen. Außerdem lassen wir Patienten, bei denen wir das MT-I-Köpfchen maximal lateralisiert haben, so dass nur Kortikalis auf Kortikalis steht, den Fuß über drei bis vier Wochen nur teilbelasten. Cave bei einem Pes adductus: Eine Korrektur ist hier sehr schwierig, da kaum Raum zur Verschiebung des Metatarsale-I-Köpfchens zur Verfügung steht. Hier ist eine distale Umstellung gleich welchen Verfahrens äußerst problematisch und auch das Verfahren nach Stoffella ist hier, kritisch betrachtet, überfordert. Hier sollte eher ein anderes Verfahren zur Anwendung kommen.

Resumee
Nach unseren Erfahrungen ist die Umstellungsosteotomie nach Soffella mit guten Ergebnissen ambulant auch bei größeren Achsabweichungen mit Halluxwinkeln über 30° und Intermetatarsalwinkeln über 15° komplikationsarm möglich. Varisierung, Rotation oder Plantarverschiebung des Köpfchens sind durch unterschiedliche Lagen des Implantats möglich. Diese Form der Osteosynthese erlaubt eine frühe Belastung im Verbandsschuh oder in einer einfachen Konfektions-Trekkingsandale mit flexibler Sohle.
Wir halten die Operationsmethode nach Stoffella für eine sehr interessante Bereicherung der Vorfußchirurgie. Bei richtiger Indikation, motivierten Patienten und Beachtung einiger Komplikationsmöglichkeiten ist mit diesem Verfahren eine ambulante Hallux valgus Chirurgie mit sehr guten Ergebnissen möglich,

Literatur bei den Verfassern

Autoren: Dr. Klaus Dieterich und Dr. Jürgen Eichhorn, Ditzingen

 
Quelle: Chirurgen Magazin 38, Ausgabe 2.2009 (April/Mai 2009)
 

Di. 28.04.2009