Fußchirurgie: Die distale Neuropathie als Wegweiser für die Therapie knöcherner Fußverletzungen


Die Behandlungskonzepte von Frakturen am Fuß richten sich nach dem Ausmaß der Weichteilschäden, Frakturmuster, Ergebnis der operativen Versorgung, Stabilität und den individuellen Fähigkeiten des Patienten. Ein wesentlicher Faktor für den Verlauf ist eine Störung der peripheren Nervenfunktion.

Die Prüfung der Nervenfunktion ist ein wesentlicher und unverzichtbarer Bestandteil der klinischen Untersuchung von knöchernen Fußverletzungen. Wesentliche anamnestische Angabe ist heute der Diabetes mellitus. Bei Patienten mit distaler Neuropathie sollte die Osteosynthese möglichst stabil sein. Bis heute nicht sicher geklärte Mechanismen können durch Trauma oder Unfall eine Stoffwechselstörung des Knochens auslösen, die eine schwere Heilungsstörung zur Folge haben kann.

Heilzeiten für Frakturen und Luxationen verdoppeln
Ihre dramatischste Form ist die sogenannte Diabetische Neuro-Osteo-Arthropathie (DNOAP). Um diesen Veränderungen vorzubeugen, sollten die geplanten Heilzeiten für Frakturen und Luxationen bei Patienten mit distaler Neuropathie verdoppelt werden. Die akute DNOAP ist auch eine wichtige Differenzialdiagnose der Schwellung und Rötung von Unterschenkel und Fuß. Auch für dieses Krankheitsbild ist die Neuropathie eine wichtige Hilfe in der Diagnosefindung. Beispielhaft werden im Folgenden die Schäden des Lisfranc-Gelenks dargestellt. Die Funktion des Fußes ist hochkomplex. Die Anpassung des Vorfußes beim Fersenauftritt erfordert einen entriegelten Vorfuß, der sich den Bodenunebenheiten anpassen kann. In der mittleren Gangphase wird diese flexible Situation in eine rigide Situation überführt.

Wechsel von flexibel zu rigide bestimmt die Fußfunktion
Durch Aktivität des M. tibialis posterior werden das subtalare Gelenk und das Chopartgelenk verblockt. Die Funktion des M. peroneus longus und wechselnde Gelenkachsen verblocken wenig später das Lisfranc-Gelenk. Nur durch diese Stabilität ist es möglich, den Fuß zum „push off“ vom Boden abzustoßen. Die Abrollbewegung des Fußes leitet die Kraft von der Ferse über den lateralen Mittelfuß zu den Metatarsalköpfchen III und II und dann über die Großzehkuppe auf den Boden.

Verletzungen sind klinisch schwer zu untersuchen
Dieser ständige Wechsel findet bei der Therapie von Fußerkrankungen noch wenig Beachtung. Die Verletzungen in dieser Region sind deshalb funktionell schwerwiegend und aufgrund des kräftigen Weichteilmantels klinisch schwer zu untersuchen. Hinzu kommt, dass diese Verletzungen in der Akutphase äußerst schmerzhaft sind. Die Röntgenuntersuchung ist durch die zahlreichen Überlagerungen von kleinen Knochen ebenfalls schwer zu beurteilen. Einen wesentlichen Aspekt der Biomechanik des Mittelfußes muss man sich ständig wieder vor Augen führen: die unterschiedliche Stabilität und Belastung der Metatarsalia in der Lisfranc-Gelenkreihe. Wesentlich haben die Arbeiten von H. Jacob zum Verständnis der Funktionen der Metatarsalia beigetragen.

Der Hauptunterschied wird zwischen dem Metatarsale I und II deutlich. Das Metatarsale I wird auf Druck belastet, der in das Metatarso-Cuneiforme I-Gelenk weitergeleitet wird. Der Kraftfluss wird in der Abstoßphase über den Großzeh an den Boden abgeleitet. Länge und Stabilität des ersten Strahls sind wesentlich für die Abstoßphase des Ganges. Das Metatarsale II unterliegt einer völlig anderen Belastung. Durch die feste Verankerung der Basis in der Gabel der Cuneiformia ist es nahezu unbeweglich. Die Bodenreaktionskräfte werden als Biegekräfte eingeleitet. Dies ist eine der Ursachen für die häufigen und schlecht heilenden Marschfrakturen der Basis des Metatarsale II. Die Kleinzehen nehmen an der Abstoßphase des Fußes nur mit geringer Kraftentfaltung teil. Wichtiger ist hier die Aufnahme der Bodenreaktionskräfte durch die Metatarsalköpfe II und III (Debrunner; Jacob, 1998).

Schwellung, Ödem und plantares Hämatom als Indizien
Akute Lisfranc-Verletzungen sind eher selten. Sportverletzungen und der Sturz auf der Treppe sind typische Ereignisse. Sie zeigen neben kräftiger Schwellung und einem Ödem im Mittelfuß als wichtiges pathognomonisches Zeichen ein plantares Hämatom. Dies weist auf massive Schäden des Knochen- Band- Apparates hin.

Verdacht auf knöcherne Verletzung mit CT/MRT belegen
Diese Verletzungen radiologisch nachzuweisen ist gelegentlich schwer. Typisch ist das „fleck sign“, das radiologische Korrelat für den knöchernen Bandausriss des Lisfranc-Bandes. Entscheidend ist hier der Verdacht auf eine knöcherne Verletzung. Bei fehlendem Nachweis im Röntgen ist eine CT- und/oder MRT-Aufnahme notwendig. Für die weitere Therapieplanung ist der neurologische Status von erheblicher Bedeutung. Dies gilt sowohl für die Wahl des Osteosyntheseverfahrens, als auch für die postoperative Behandlung. Nur vollständig unverschobene Brüche sollten konservativ behandelt werden. Alle übrigen Verletzungen bedürfen einer anatomischen Reposition, deren wesentlichen Orientierungspunkte die Basis des Metatarsale II und IV sind. Die medialen Kanten schließen exakt an der medialen Begrenzung des Os cuneiforme intermedium bzw. dem Os cuboideum ab. Die Nachbehandlung dieser Patienten sollte sechs Wochen Entlastung und bei dann vier Wochen Teilbelastung umfassen. Dies wird jedoch nicht einheitlich gehandhabt. Die Versorgung mit Gipsschuh oder Walker sind möglich.

Bei Diabetikern unbedingt Nervenfunktion überprüfen
Die Angabe eines Diabetes mellitus, insbesondere bei einem bereits mehrjährigen Verlauf, sollte an die Möglichkeit einer diabetischen symmetrischen distalen Neuropathie denken lassen. Hier ist die Prüfung der Nervenfunktionen unerlässlich. Hierfür sind nur wenig Zeit, eine Untersuchungsliege und einige Hilfsmittel erforderlich. Mit dem Semmes- Weinstein- Filament kann eine definierte Kraft von zehn Gramm auf die Haut gebracht werden, dann biegt der Nylonfaden durch. Die Prüfung erfolgt an verschiedenen Zehen, der Fußsohle und dem Fußrücken. Ein Vergleich zu Hand bietet sich an. Mit dem Tip-Therm lassen sich Unterschiede in der Warm-Kalt-Diskrimination erfassen. Die Stimmgabel prüft das Vibrationsempfinden an den Malleolen. Mittels Skalierung können Werte von 1/8 bis 8/8 bestimmt werden. Der Patellarsehnenreflex und der Achillessehnenreflex vervollständigen die Untersuchung.

Interdisziplinäre Kooperation in allen Zweifelsfällen
Im Zweifel oder zur Bestimmung der Genese einer Polyneuropathie (PNP) ist die konsiliarische Bewertung durch einen Neurologen sinnvoll. Bei schmerzhafter Neuropathie ist die Optimierung der Schmerztherapie durch die Kollegen unverzichtbar. Die distale symmetrische Neuropathie bestimmt ganz wesentlich die Therapie. Luxationen und Frakturen müssen wie bei gesunden Patienten reponiert und fixiert werden. Unter Berücksichtigung der Neuropathie sollten Osteosynthesen sehr rigide ausgeführt werden. Insbesondere die Nachbehandlung muss modifiziert werden. Die knöchernen Heilzeiten verlängern sich teilweise bis zum Doppelten. Dies muss geplant und mit den Patienten besprochen werden.

Mangelnde Mitarbeit ist nicht gleich schlechte Compliance
Die Mitarbeit der Patienten ist wegen der fehlenden Schmerzreize und der reduzierter Körperwahrnehmung nur eingeschränkt möglich. Dies wird oft als fehlende Compliance interpretiert. Hier sollte ein Umdenken erfolgen: Die Behandlung muss diesem Umstand Rechnung tragen. Fixationsarten und Nachbehandlungsschemata sollten eine gewisse Belastung ermöglichen. Auch den Kostenträgern muss dies immer wieder vermittelt werden. Eine akute Lisfranc-Luxationsfraktur bei einem neuropathischen Patienten wird offen reponiert und mit einer rigiden, winkelstabilen Fixation retiniert. Dies Systeme haben sich als sehr stabil und belastbar gezeigt. Es sind heute viele Systeme mit unterschiedlicher Philosophie auf dem Markt.

Winkelstabile und flexible Plattensysteme am Markt
Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Richtung des Plattengewindes. 90°-Systeme sind unidirektional winkelstabil und verwenden eine Bohrlehre für die Schrauben, multidirektionale System haben einen Spielraum zur Implantation der Schrauben. Das Gewinde wird mit der Schraube in die Platte gedrängt. Damit sind Abweichungen von der Plattenachse von bis zu 20° möglich. Die Nachbehandlung für diesen Patienten bestand in zehn Wochen Entlastung in Gipsschiene und Walker und anschließend weitere acht Wochen Teilbelastung im Walker. Es konnte eine stabile Ausheilung und Vollbelastbarkeit im orthopädischen Maßschuh erzielt werden.

Eine besondere Reaktion des Knochens auf einen noch nicht sicher definierten Reiz, eben auch ein Trauma, stellt die Diabetische Neuro-Osteo-Arthropathie (DNOAP) dar. Im klinischen Gebrauch ist der Begriff des Charcot-Fußes üblich. Die Namensgebung erfolgte nach dem französischen Neurologen J. M. Charcot. Er beschrieb den schmerzlosen Zerfall des Fußskeletts bei einem Patienten mit Tabes dorsalis im Jahre 1883. Auch diese Patienten haben eine distale Neuropathie.

Aktuelle Erklärungsmodelle für den Charcot-Fuß
Heute ist die Hauptursache für die Neuropathie der Diabetes mellitus. Aber auch andere Neuropathien können eine Charcot-Reaktion auslösen. Zwei mögliche Ursachen werden sehr strittig diskutiert: eine vaskuläre Theorie, die vom Effekt einer maximal gesteigerten Durchblutung ausgeht und eine neuro-traumatische Theorie, die Mikrotraumen als Ursache annimmt. Im Jahre 2005 kam eine molekularbiologische Theorie hinzu. Demnach kommt es in der Steuerung des Knochenstoffwechsels durch Aktivierung eines sogenannten RANK’L Komplexes zur Veränderung der Osteoklastenaktivität (Jeffcoate, 2005). Dies wäre eine Erklärung für den Knochenzerfall. Wie diese Reaktion initiiert wird, erklärt diese Theorie nicht vollständig, insbesondere nicht warum der Prozess nach einer gewissen Zeit endet und der Knochen sich erholt – und zwar zunächst oft mit einer Osteopetrose. Entlastung und Ruhe sind die wichtigsten Faktoren um den Charcot-Fuß in das Endstadium zu überführen. Die klinischen Zeichen der akuten Charcot-Erkrankung sind eine Schwellung und Rötung des Fußes sowie des Unterschenkels.

Schwierige Differenzialdiagnostik beim Charcot-Fuß
Üblicherweise ist der Prozess schmerzfrei. Es gibt aber auch schmerzhafte Verläufe. Wegen der Klinik sind Thrombose oder Infektion die häufigsten Differenzialdiagnosen. Oft werden unter dem Verdacht einer Osteomyelitis oder einer schweren Weichteilinfektion Operationen indiziert. Auch mittels MRT gelingt die Differenzialdiagnose nicht immer sicher. Eine Operation des akuten Charcot ist jedoch grundsätzlich kontraindiziert. Ausnahme ist nur der akute Charcot mit Gelenkluxation. Die Behandlung des akuten Charcot-Fußes erfolgt zunächst konservativ. Die Entlastung des Fußes ist der wichtigste Therapieansatz um die Zerstörung und Deformation des Fußskelettes zu verhindern und den Prozess zur Abkühlung zu bringen. Dazu kann eine kurzzeitige stationäre Behandlung sinnvoll sein. Rollstuhl und Unterarmgehstützen sind notwendig. Die Ruhigstellung des Fußes wird mit dem Total-Contact-Cast (TCC) oder einer Zweischalen-Orthese gesichert. Wichtig ist die Elimination von Bewegungen der Rückfußgelenke. Die Rötung und Schwellung sowie das Ödem sind bei konsequenter Therapie schnell rückläufig.

Schrittweise Belastung des Fußes nach der Akutphase
In Abhängigkeit von der Aktivität des Charcot kann nach der akuten Phase die Belastung in der Zweischalen-Orthese aufgebaut werden. Hier muss der Chirurg auf eine exakte Passform achten und ein gutes Verständnis beim Patienten wecken, da die Krankheit außerhalb seiner bewussten Wahrnehmung verläuft. Gelingt es nach in der Regel mehrmonatiger Therapie, den Prozess zur Ausheilung zu bringen, ohne dass es zu einem Zusammenbruch des Fußskeletts gekommen ist, kann der Patient mit orthopädischen Maßstiefeln versorgt werden. Dies ist in der Leitlinie I/2007 zur Versorgung von Diabetikern festgelegt und unter www.leitlinien.de abzurufen, was auch den Kostenträgern bekannt sein sollte. Eventuell notwendige Höherversorgungen sind durch Zusätze geregelt. Leider sehen wir Chirurgen diese Patienten selten.
Häufiger ist der Charcot im Stadium Eichenholtz III mit durchgebrochenen Fuß als sogenanntem „Tintenlöscherfuß“. Die plantar prominenten Knochen der luxierten Mittelfußgelenke stellen den Druckpunkt für den „inneren Dekubitus“ dar. Oft sind diese Prominenzen auch durch kunstvollen Schuh- und Bettungsbau nicht ausreichend zu entlasten.

Chirurgische Korrektur deformierter Füße ist möglich
Hier beginnt die chirurgische Unterstützung der Therapie des Charcot-Fußes. Knöcherne Prominenzen, oft fälschlich als Exostosen bezeichnet, können chirurgisch abgetragen werden. Damit lassen sich plantare Druckspitzen reduzieren. Dies ist nur bei mechanisch stabilen Füßen sinnvoll. Auch die chirurgische Korrektur der deformierten Füße ist möglich. Zugänge und Fixation sind auch bei Experten umstritten und benötigen noch viel wissenschaftliche Aufarbeitung. Die klinisch-neurologische Untersuchung ist auch in der unfallchirurgisch-orthopädischen Therapie ein wichtiger Bestandteil. Das Aufspüren einer peripheren Neuropathie ist für Diagnose, Therapieplanung, Operationstechnik und Nachbehandlung wesentlich. Fehlschläge in der Behandlung können so weiter reduziert werden.

Insbesondere der therapeutische Nihilismus bei Diabetikern („Es heilt ohnehin nicht…“) ist bei der Differenzierung in Diabetiker und Diabetiker mit Neuropathie nicht berechtigt. Die wichtigere Unterscheidung ist die Unterscheidung nach dem Stadium der Makroangiopathie. Die Durchblutungssituation ist der wesentlicher Prädiktor. Die Abklärung der Duchblutungssituation vor operativen Eingriffen ist obligat.

Autor: Dr. Ralph Springfeld, Hamburg

 
Quelle: Chirurgen Magazin 38, Ausgabe 2.2009 (April/Mai 2009)
 

Di. 28.04.2009