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Insbesondere bei chronischen Wunden ist die Wundumgebung äußerst
schmerzempfindlich. Damit die Patienten angstfrei an der Therapie
mitarbeiten, sollten Wundtherapeuten beim Verbandwechsel die sensible
Wundumgebung nicht unnötig reizen und Schmerzen durch einfache Tricks
vermeiden, wie die Wundtherapeutin Kerstin Protz aus Hamburg berichtet.
Schmerzen sind ein
Warnsignal des Körpers, das uns auf Gefahren aufmerksam macht. Sie sollen
den Körper dazu zu bewegen, sich aus einer Gefahrensituation zu entfernen –
oder sie deuten auf eine Verletzung hin, bevor diese sich zu einer
nachhaltigen Schädigung entwickelt. Wenn das Warnsignal Schmerz, wie bei
Patienten mit einer nachhaltigen Neuropathie nicht mehr greift, kann sich
unbemerkt eine Wunde mit gravierenden Folgeschäden bis hin zur Infektion
ausbilden. Schmerz ist immer ernst zu nehmen. Nur das Empfinden des
Betroffenen kann über Art und Intensität eine Aussage treffen und somit
verwertbare Hinweise auf die Schmerzursache liefern.
Akuter und chronischer Wundschmerz
Der akute Wundschmerz wird hervorgerufen durch eine Verletzung oder ein
Trauma. Er ist eindeutig lokalisierbar, seine Stärke ist abhängig vom
ursächlichen Reiz und er dient als Warnung oder Schutz vor weiterer
Schädigung. Akut rezidivierender Wundschmerz tritt beispielsweise beim
Verbandwechsel, bei Wundspülung oder Wundreinigung wie dem Debridement auf.
Chronischer Wundschmerz hingegen hat seine Warnfunktion verloren und ist vom
eigentlich auslösendem Vorfall unabhängig. Das Schmerzempfinden hängt nicht
mehr vom initiierenden Reiz ab, der Schmerz tritt permanent auf: sowohl in
Ruhephasen als auch bei den Bewegungen des täglichen Lebens. Chronischer
Schmerz gilt daher als eine eigenständige Erkrankung.
Auslöser für Schmerzen beim Verbandwechsel
Ein Verbandwechsel bedeutet häufig Stress für den Patienten, da er oft mit
Schmerzen verbunden ist. Schmerzauslöser beim Verbandwechsel können sein:
- Verklebte Wundgaze,
- Angetrocknete Wundauflage,
- Trockene konventionelle Wundversorgung,
- Rasches Abziehen der Wundauflage,
- Unsachgemäßes Ablösen von Folienverbänden,
- Hautrisse,
- Verbände mit Kleberand,
- Überreizte Nerven in der Wundumgebung,
- Kalte Spüllösungen,
- Unnötige Berührung der Wunde und Umgebung,
- Langes Freiliegen der Wunde,
- Offenes Fenster / Zugluft,
- Ausgetrocknete Wunden,
- Unsachgemäße Anwendung von Instrumenten,
- Sekundärverbände oder Kompression sind zu stramm angebracht.
Schmerzvermeidung beim Verbandwechsel
- Patienten aufklären und in die Behandlung einbeziehen,
- Vorgehensweise absprechen,
- Fenster schließen,
- Stressfreie Umgebung,
- Bequeme Lagerung,
- Bei Bedarf Pausen/Ablenkung,
- Schonendes Ablösen der Wundauflage, Folienverbände durch
paralleles Überdehnen der Folie zur Haut ablösen,
- Wundspüllösung anwärmen und mit nicht zu großen Druck
einsetzen,
- Schonendes Debridement: Einsatz von Lokalanästhetika
(EMLA®-Creme) oder autolytisches Debridement, bei Bedarf
Verbandwechsel in Kurznarkose durchführen,
- Unnötige Reize an Wunde und Wundrand oder Druck vermeiden,
- Wunde nicht lange offen liegen lassen,
- Bei gereizter oder mazerierter Wundumgebung Hautschutz
(z.B. Cavilon®) applizieren,
- Kompression bei chronisch venöser Insuffizienz (CVI),
- Verbände ohne Kleberand bevorzugen; eventuell Einsatz speziell
beschichteter Wundauflagen,
- Bei Bedarf Anwendung eines wirkstoffhaltigen Polyurethanschaums
mit Ibuprofen,
- Feuchte Wundbehandlung,
- Keine Einschnürungen provozieren durch zu festes Anwickeln von
fixierenden Mullbinden,
- Stadien- und wundtypgerechter Verband.
Weiterführende Strategien
Neben diesen Tätigkeiten gibt es zusätzlich noch allgemeine Strategien, die
dabei helfen, Schmerzen zu reduzieren:
- Kälte-/Wärmeanwendung,
- Keine einschnürende Kleidung,
- TENS (Transkutane Elektrische Nervenstimulation),
- Akupunktur,
- Lagerung unter Einsatz von speziellen Hilfsmitteln,
- Basale Stimulation,
- Massage,Entspannungs- und Atemtechnik sowie Musik.
Medikamentöse Schmerztherapie
Droht die Schmerzsituation trotz aller Maßnahmen die Lebensqualität des
Patienten nachhaltig einzuschränken, ist eine zusätzliche adäquate
Schmerzmedikation notwenig. Um die Wirksamkeit zu gewährleisten, werden
schmerzhemmende und schmerzstillende Medikamente entsprechend der
Packungsbeilage rechtzeitig vor dem Verbandwechsel gegeben.
Hindernisse in der Schmerzbehandlung
Verschiedene Faktoren können die Schmerzbehandlung nachhaltig behindern und
so zu einer Verschlechterung der Schmerzsituation führen:
- Mangelnde Compliance aus Angst vor Arzneimittelabhängigkeit
und Nebenwirkungen,
- Schmerzempfinden des Betroffenen wird nicht ernst genommen
und falsch eingeschätzt,
- Angst des Betroffenen, das Personal zu stören,
- Mangelhafte Therapiekenntnisse,
- Falscher Stolz des Betroffenen,
- Die Einstellung „Bei Krankheit sind Schmerzen normal“.
Schmerzen belasten den Betroffenen nicht nur physisch, sondern auch
psychisch. Ein Hauptaugenmerk bei der Wundversorgung liegt deshalb auf dem
schmerzarmen Verbandwechsel. Verursacht dieser beim Betroffenen Angst- und
Stress, wird er sich bewusst oder unbewusst gegen die Maßnahme sperren und
so den Heilungsverlauf negativ beeinflussen. Ein schmerzfreier Patient kann
eher seinen Teil zu einer erfolgreichen Therapie beitragen. Betroffene
benötigen daher von den Behandelnden Verständnis, Zuspruch und
Einfühlungsvermögen.
Literatur
1. EWMA Positionsdokument (2002): Schmerzen beim Wundverbandwechsel, Medical
Education Partnership LTD, London.
2. Sellmer, W. (2007): Schmerzvermeidung vor Schmerzbehandlung, in: MagSi
04/2007, S. 9ff., Hrsg. DVET Fachverband Stoma und Inkontinenz e.V., Goslar.
3. Protz, K. (2007): Moderne Wundversorgung, 4. Aufl., Elsevier Verlag,
München.
Autorin: Kerstin Protz
Managerin im Sozial- und Gesundheitswesen, examinierte Krankenschwester
sowie Wundexpertin ICW e.V.
Bachstraße 75, 22083 Hamburg
Tel.: 040 65 88-2288
Fax: 040 65 88-2121
kerstin.protz@gmx.de
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