Wundbehandlung: Chirurgische Therapie hartnäckiger venöser Ulzera
 


Chronische Wunden erfordern eine interdisziplinäre Therapie aller beteiligten Fachrichtungen mit einem gemeinschaftlich festgelegten Therapiekonzept. Die Therapie venöser Ulzera umfasst dabei die vier Säulen Kompression, Lokaltherapie, chirurgische Sanierung und Physiotherapie, wie der niedergelassene Chirurg Heiner Schmitz berichtet.

Bereits im Altertum waren schwere Venenerkrankungen und deren Folgeerscheinungen bekannt. Schon Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.) beschrieb den Zusammenhang zwischen Venenerkrankungen und Unterschenkelgeschwüren. Auch Martin Luther litt nachweislich an einem chronischen Ulcus cruris des linken Beines. Aufgrund der seinerzeit herrschenden Lehrmeinung wurden zur „Ableitung böser Körpersäfte“ Ulcera crurum offen gehalten. Dies geschah unter Verwendung eines Ätzstiftes aus ungelöschtem Kalk und Pottasche. Luther, der unter chronischen Kopfschmerzen litt, befürchtete, dass nach Abheilung des Ulcus die Kopfschmerzen wiederkehren könnten.
Diese Auffassungen haben sich natürlich wesentlich geändert, obwohl lange Zeit Erkenntnisse und Behandlungsverfahren nur auf empirischen Erfahrungen gegründet waren. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang es, anatomische Zusammenhänge zu erkennen.

Stiefmütterliche Behandlung therapieresistenter Ulzera
So hat das venöse Ulkus zwei Hauptursachen. Dies ist zum einen das postthrombotische Syndrom (50 bis 60 Prozent) und zum anderen die primäre Varicosis (40 bis 50 Prozent). Das chronische venöse Ulkus stellt dabei die schwerste Form der chronisch venösen Insuffizienz dar. Dabei gilt ein Ulkus als therapieresistent, wenn es unter optimaler phlebologischer Therapie nach drei Monaten keine Heilungstendenz zeigt oder nach zwölf Monaten nicht abgeheilt ist. Auch heute noch wird die bekanntermaßen schwierige und langwierige Therapie des Ulcus cruris stiefmütterlich behandelt. Der britische Gefäßchirurg und Ulkusexperte David Negus sagt hierzu: „Es ist traurig, dass es nur drei Fakten über Beinulzera gibt, die man verkünden kann, ohne Angst haben zu müssen , sich zu widersprechen:
– ihre Behandlung ist zeitaufwändig und mühselig,
–sie sind nicht lebensbedrohlich,
– und die meisten Chirurgen bevorzugen es, wenn sich andere damit beschäftigen… “.

Interdisziplinäre Behandlung von Problemwunden
Aufgrund dieser Tatsachen ist es aus meiner Sicht notwendig, solche therapieresistente Problemwunden interdisziplinär zu behandeln. In Jena und Umgebung haben wir dazu vor zirka drei Jahren unter Leitung von Dr. Christine Zollmann, Fachärztin für Dermatologie und Phlebologie, das Jenaer Wundnetz gegründet. Hier treffen sich einmal im Monat Dermatologen, Phlebologen, niedergelassene und stationär tätige Internisten und Diabetologen, Gefäß- und Ulkuschirurgen. Das hier gemeinschaftlich festgelegte Therapiekonzept wird dann in den teilnehmenden Praxen oder Kooperationskliniken entsprechend umgesetzt. Am Anfang eines solches Konzeptes steht die suffiziente Duplexsonographie durch einen erfahrenen Angiologen oder Phlebologen. Die zielgerichtete Diagnostik der Ursache solcher chronischer Ulzera ist essenziell für die weitere notwendige Therapie. Das therapeutische Vorgehen bei venösen Ulzera stützt sich dabei auf die vier Säulen Kompressionstherapie, Lokaltherapie, chirurgische Therapie und Physiotherapie (Lymphdrainage).

Chirurgische Sanierung insuffizienter Venenabschnitte
Die chirurgische Therapie umfasst an erster Stelle die Sanierung insuffizienter epi- und transfaszialer Venenabschnitte bei primärer Varikosis, Rezidivvarikosis oder sekundärer Varicosis beim gut rekanalisierten postthrombotischen Syndrom. Aufzuzählen sind hier die stadiengerechte Operation im Stromgebiet von Vena saphena magna et parva und die isolierte Dissektion insuffizienter Perforansvenen (offen, endoskopisch).
Es hat sich gezeigt, dass bei einem intakten tiefen Venensystem die exakte chirurgische Therapie der epifaszialen Refluxstrecken zu einer Verlängerung der Rezidivfreiheit beim Ulcus cruris führt. Dagegen gleichen die Rezidivraten bei operativ versorgtem epifaszialen Venensystem und insuffizienten tiefen Leitvenen denen nicht operativ versorgter Patienten.

Ulkus-Shaving mit Venenchirurgie verbinden
Den nächsten chirurgischen Therapieansatz bietet das „Ulkus-Shaving“. Diese tangentiale, ausschließlich suprafasziale Nekrosektomie und Fibrosektomie bei ausgeprägter Dermatolipofasziosklerose mit meist einzeitiger Spalthautplastik hat einen rein symptomatischen Therapieansatz und sollte deshalb mit oben genannter Venenchirurgie und gegebenenfalls paratibialer Fasziotomie kombiniert werden. Dieses Verfahren wurde erstmals als „layered shaving “ 1987 beschrieben und vorallem durch den Dermatologen Professor W. Schmeller Mitte und Ende der 90-er Jahre in Deutschland publik gemacht. Als operationstechnisch relativ einfache und sehr wirkungsvolle Methode mit guten Kurz- und Langzeitergebnissen sollte das Ulkus-Shaving zum Standardrepertoire einer jeden chirurgischen Klinik gehören. Es bietet im Vergleich zu den invasiveren Verfahren (Fasziektomie) in der Literatur die besseren Abheilungsraten sowie ein besseres kosmetisches Ergebnis durch die Vermeidung der Stufenbildung am Resektionsrand.

Ulkussanierung gelingt mit begleitender VAC-Therapie
Den dritten Therapieansatz stellen die Verfahren mit Behandlung der Faszia cruris dar. Hier sind die paratibiale Fasziotomie mit Durchtrennung der Perforansvenen und Entlastung der medialen Muskelkompartimente sowie die partielle und komplette crurale Fasziektomie zu nennen. Vor allem letzteres Verfahren bietet bei tiefreichenden Ulzerationen unter Beteiligung von tieferliegenden Sehnen-, Muskel- und Knochenabschnitten die Möglichkeit einer radikalen chirurgischen Ulkussanierung. Diese ist in den meisten Fällen jedoch nur mehrzeitig mit intermittierender Vakuumtherapie zu erreichen.

Behandlungsverlauf bei Rezidiv-Gamaschenulkus
Desweiteren ist die Fasziektomie nach vorangegangenem fehlgeschlagenem Ulkus-Shaving die Methode der Wahl, um doch noch eine Ulkusdeckung zu ermöglichen. Nachfolgend dokumentiert ist hier der Verlauf eines 66-jährigen Patienten mit einem Rezidiv-Gamaschenulkus bei schwerer Dermatolipofasziosklerose, chronischer venöser Insuffizienz Stadium IIIb sowie stattgehabter Varizensanierung mit Ulkus-Shaving und Spalthautplastik im Mai 2005. Die Anamnese ergab, dass der Patient zuvor bereits zehn Jahre unter einem Ulcus cruris litt. Nach kompletter cruraler Fasziektomie im November 2005 und anschließender Wundgrundkonditionierung – teilweise ambulant – erfolgte Ende im Januar 2006 die Spalthautplastik. Während des gesamten Verlaufs erfolgte eine intensive Physiotherapie mit Behandlung der oft begleitenden erheblichen Bewegungseinschränkungen im oberen Sprunggelenk sowie einer täglichen manuellen Lymphdrainage mit konsekutiver Kompressionstherapie. Bis heute ist der Patient unter ambulanter Fortführung oben genannter Therapiemaßnahmen rezidivfrei.

Einzelne Patienten brauchen tägliche Lymphdrainage
Abschließend muss jedoch auf ein wesentliches Problem hingewiesen werden: Bei ambulant nicht straff geführter Kompressionstherapie und Lymphdrainage kam es bei einigen Patienten zu Rezidiven, welche erst unter Ausschöpfung aller konservativen Maßnahmen bis hin zur nochmaligen stationären Aufnahme abheilten. In Konsequenz dessen ist bei solchen ausgewählten Patienten die mitunter tägliche Lymphdrainage notwendig.

Empfehlungen
Nach der kausalen Sanierung des epifaszialen Krampfaderleidens ist die Shaving-Therapie die operative Methode der Wahl. Eine Fasziektomie sollte nur durchgeführt werden bei ausgedehnten, tiefreichenden Ulzera mit Sehnenbeteiligung und transfaszialen Nekrosen sowie Therapieversagen nach Shaving in Kombination mit der Vakuumversiegelung. Immer wieder verstecken sich hinter nicht heilenden chronisch-venösen Ulzera Malignome, welche erkannt und entsprechend therapiert werden müssen.

Autor: Heiner Schmitz
Chirurgische Gemeinschaftspraxis
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Jahrgang 1969, verheiratet, 2 Kinder.
Facharztausbildung zum Facharzt für Chirurgie zunächst Universitätsklinikum Jena, danach Helios Klinik Blankenhain, seit 5/2003 Facharzt für Chirurgie, seit 11/2005 Oberarzt in der Abteilung Allgemein- und Viszeralchirurgie, seit 6/2006 leitender Oberarzt, seit 4/2008 Niederlassung in einer chirurgischen Gemeinschaftspraxis in Jena

 
     
  Quelle: Chirurgen Magazin 32 (Heft 2/08), April/Mai 2008  
     

Di.  29.04.2008