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Beim 124.
Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München haben die
beteiligten Experten die neuen S3-Leitlinien zur Akutschmerztherapie in der
Chirurgie vorgestellt. Die Leitlinien sind seit Ende Mai 2007 auf der
Internetseite der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich-Mediznischer
Fachverbände (AWMF) abrufbar.
Seit 2003 hatten die Fachgesellschaften an der Weiterentwicklung der seit
1999 geltenden S2-Leitlinie gearbeitet. Beim 124. Kongress der Deutschen
Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) am 4. Mai 2007 in München konnten die
beteiligten Experten der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Akutschmerz (CAAS)
dann endlich die Vorab-Version der neuen S3-Leitlinien zur
Akutschmerztherapie in der Chirurgie vorstellen.
Langer Abstimmungsprozess mit allen Fachgesellschaften
Bereits 2003 hatten mehrere Delphirunden zwischen Vertretern der
Fachgesellschaften der operativen Fächer damit begonnen, die neuen
Leitlinien zu erarbeiten und mit 21 Fachgesellschaften und Berufsverbänden
abzustimmen. Im Jahr 2006 waren die Leitlinien konsentiert und wurden Ende
Mai 2007 dann auf der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft
Wissenschaftlich-Mediznischer Fachverbände (AWMF) publiziert.
Die neuen Leitlinien der Entwicklungsstufe S3 (siehe Kasten) erfüllen die
Kriterien der evidenzbasierten Medizin. Sie lösen die 1999 verabschiedeten
S2-Leitlinien zur Akutschmerztherapie ab, deren formale Gültigkeit bereits
2001 abgelaufen war. Die neuen Leitlinien sollen spätestens 2011 erneut
überarbeitet werden, verantwortlich für die Einleitung der nächsten
Aktualisierung sind die Koordinatoren.
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Gefragt
ist durchgängig schmerzbewusstes Verhalten
Professor Edmund A. M. Neugebauer, Lehrstuhlinhaber und Direktor des
Instituts für Forschung in der Operativen Medizin betonte, dass es bei den
Leitlinien nicht allein um die medikamentöse Schmerztherapie, sondern um
durchgängige Empfehlungen für schmerzbewusstes Verhalten geht. Hierzu
zählten auch Empfehlungen für die Patientenaufklärung, die Messung und
Dokumentation von Schmerzen sowie nicht-medikamentöse schmerztherapeutische
Verfahren wie psychologische Verfahren (beispielsweise Entspannungsübungen,
Verhaltens- oder Imaginationstherapie) oder TENS.
Die Leitlinien bewerten darüber hinaus auch operationstechnische Aspekte,
etwa den Einfluss laparoskopischer oder offener Techniken auf die
postoperative Schmerzintensität. Die Notwendigkeit neuer Leitlinien habe
zuletzt die PATHOS-Studie gezeigt, die Lücken im Management postoperativer
Schmerzen für etliche europäische Länder offenbart hatte (siehe Kasten).
Insgesamt verhielten sich in puncto Schmerztherapie europaweit erst zehn bis
15 Prozent aller Kliniken leitliniengerecht, Deutschland belege hier einen
schlechten Mittelplatz, erklärte Neugebauer.
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PATHOS-Studie:
Stiefkind postoperative Schmerztherapie
Die alarmierenden Resultate von PATHOS (Postoperative Analgesic THerapy
Observational Survey), einer europaweiten Evaluation zum Management
postoperativer Schmerzen, wurden erstmals beim Kongress der Europäischen
Gesellschaft für Anästhesiologie (ESA) 2005 in Wien präsentiert. Über 1.500
Chirurgen und Anästhesisten an 746 Kliniken hatten zwischen 2004 und 2005
hierfür 30 Fragen zum postoperativen Schmerzmanagement bei stationären
Patienten beantwortet. Zu den untersuchten Parametern zählten die
Informationsstrategie gegenüber den Patienten, die Evaluation und
Dokumentation von Schmerzen, Behandlungsstrategien, Nachkontrolle sowie
Personalschulung. Das Studienkomitee definierte zu jedem Punkt
Mindestanforderungen an ein optimales Schmerzmanagement. Ergebnis der
PATHOS-Studie war, dass die Mindestanforderungen in weniger als 25 Prozent
der Fälle erfüllt waren. Eine postoperative Schmerzevaluation fand demnach
nur in 34 Prozent der Fälle statt. In ebenfalls 34 Prozent der Kliniken gab
es keine geordnete Weiterbildung für das Personal zum postoperativen
Schmerzmanagement, nur in 44 Prozent wurden postoperative Schmerzen in der
Patientenakte dokumentiert. Angesichts der Ergebnisse der PATHOS-Studie
hatten internationale Experten Verbesserungen beim postoperativen
Schmerzmanagement in Kliniken gefordert.
Quelle: Benhamou D et al.: Postoperative Analgesic Therapy
Observational Study (PATHOS): A practice pattern study in 7 central/southern
European countries. In: Pain 2007 Aug 17 [Epub ahead of print] |
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Lücken im
postoperativen Schmerzmanagement
Die neuen S3-Leitlinien gliedern sich in einen allgemeinen und einen
prozedurenspezifischen Teil sowie in einen Teil zu speziellen
Patientengruppen. Sie umfassen fast 400 Seiten, mehr als 1.500
Literaturstellen und 100 Evidenztabellen. Je nach Evidenzgrad (Level of
Evidence, LoE) der zugrundeliegenden Literatur (siehe Kasten) stuften die
Experten die einzelnen Empfehlungen nach Relevanzgraden (Grade of Relevance,
GoR) A, B und C ab: A für Empfehlungen mit Evidenz 1a und 1b, B für
Empfehlungen der Evidenzstufe 2a, 2b und 3 sowie C für Empfehlungen der
Evidenzgrade 4 und 5. |
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Mangelhafte Schmerztherapie nach ambulanten Eingriffen?
Für das ambulante Operieren halten die Leitlinien fest, dass das
postoperative Schmerzmanagement nach ambulanten operativen Eingriffe
prinzipiell den gleichen Regeln wie nach stationärer Behandlung folgen
sollte (GoR: A). Als ambulante Operationen definieren die Leitlinien dabei
nicht notfallmäßig durchgeführte Prozeduren an selektierten Patienten, wobei
Aufnahme, Operation und Entlassung am gleichen Tag stattfinden.
Die Autoren bewerten die Schmerztherapie nach ambulant durchgeführten
Operationen trotz ihrer Bedeutung für das Operationsergebnis der als
unzureichend. Sie beziehen sich dabei unter anderem auf kanadische und
US-amerikanische Daten, wonach etwa 30 Prozent von 5.000 befragten, ambulant
operierten Patienten nach der Operation moderate bis starke Schmerzen
angaben. Viele ambulant operierte Patienten erhielten auch keine klaren
Instruktionen zur Medikamenteneinnahme (45 Prozent) oder Informationen zu
dem Umgang mit möglichen Nebenwirkungen (56 Prozent).
Schmerzfrei: Wichtig sind die ersten Stunden nach der OP
Den ökonomischen Schaden durch schmerzbedingte Wiederaufnahmen nach
tageschirurgischen Eingriffen bezifferten die Autoren unter Berufung auf
eine US-amerikanische Studie auf 1.900 US-Dollar pro Fall. Prädiktoren für
das Auftreten starker postoperativer Schmerzen bei ambulanten Operationen
sind neben der Art des operativen Eingriffs ein hoher Body-Maß Index und die
Dauer der Anästhesie. Auch eine unzureichende Analgesie und Schmerzkontrolle
in den ersten Stunden nach einer Operation führen regelhaft zu starken und
dauerhaften Schmerzen nach der Entlassung.
Insbesondere für die ambulante Kreuzbandchirurgie konstatieren die
Leitlinien einen positiven Einfluss einer intensiven Physiotherapie und
Rehabilitation auf das chirurgische Operationsergebnis (LoE: 2b). Ein
intensiviertes physiotherapeutisches Behandlungsschema scheint sogar
Behandlungskosten langfristig senken zu können (LoE: 2b). Auch in der
ambulanten Chirurgie sollten daher indikationsbezogen frühzeitig nach der
Operation physiotherapeutische Maßnahmen verordnet werden.
Viszeralchirurgie: Querschnitt statt Längsinzision
In der Viszeralchirurgie sollten – soweit technisch vertretbar –
intraoperativ bei elektiven Oberbauchlaparotomien Querschnitte den
Längsinzisionen vorgezogen werden (GoR: A). Die Leitlinien beziehen sich
hierbei auf eine Metaanalyse aus dem Jahr 2001 (LoE: 1a), die signifikant
weniger postoperative Schmerzen, pulmonale Komplikationen, Nahtdehizenzen
und Hernien nach einem abdominellen Querschnitt im Vergleich mit einem
Längsschnitt nachweist und von einer aktuellen Studie aus dem Jahr 2005
untermauert wird (LoE: 1b).
Ein Nichtverschluss des Peritoneums bei viszeralchirurgischen Eingriffen
verkürzt die Operationszeit und führt zu weniger postoperativen Schmerzen,
ohne die Komplikationsrate zu erhöhen (LoE: 1a). Ebenso wird empfohlen, bei
laparoskopischen Eingriffen den intraabdominellen Druck möglichst gering zu
halten und bei Operationsende auf eine gute Desufflation des CO2 zu achten
um postoperative Schmerzen zu vermeiden (GoR: A).
Wundrandinfiltration mit Lokalanästhetikum empfohlen
Bei einigen chirurgischen Eingriffen wird die postinzisionale
Wundrandinfiltration mit einem Lokalanästhetikum empfohlen (GoR: A). Die
Empfehlung beruft sich auf zahlreiche randomisierte Studien zur
laparoskopischen Cholezystektomie und Leistenhernienoperation, die eine gute
Schmerzkontrolle in der frühen postoperativen Phase belegen.
Für die postoperative Schmerztherapie nach kleinen bis mittelgroßen
viszeralchirurgischen Eingriffen reicht in der Regel die regelmäßige
Applikation von Nichtopioiden (GoR: A). Diese sollten in Abhängigkeit von
dem Eingriff und der Darmmotilität intravenös oder oral verabreicht werden.
Mittelstarke bis starke Schmerzspitzen nach diesen Eingriffen sollten durch
Opioide abgefangen werden (GoR: A).
Angesichts guter Belege für die Überlegenheit der Lokalanästhesie gegenüber
der Regional- oder Allgemeinanästhesie empfehlen die Leitlinien für
inguinale Eingriffe die Lokalanästhesie mit oder ohne Sedierung oder eine
Allgemeinanästhesie in Kombination mit einer lokalanästhesierenden Technik (GoR:
A). Bei prä- oder intraoperativen Leitungsanästhesien sollte eine orale Gabe
von Nichtopioiden innerhalb der ersten drei Stunden nach der Operation
eingeleitet werden. Außerdem sollte zusätzlich zur Basisschmerzmedikation
eine Leitungsanästhesie als Inguinalblock erfolgen (GoR: A).
Stuhlregulierende Maßnahmen nach proktologischen Eingriffen
Für die bessere Schmerztherapie nach proktologischen Eingriffen empfehlen
die Leitlinien einen Pudendusblock mit langwirksamen Lokalanästhestika.
Aufgrund relativ hoher Versagerraten und einem erhöhten Verletzungs- und
Toxizitätsrisiko im Bereich der Geburtshilfe wurde der Empfehlungsgrad für
den Pudendusblock zwar abgestuft, wird nach sorgfältiger
Risiko-Nutzen-Abwägung aber dennoch empfohlen (GoR: C). Eine klarere
Empfehlung sprechen die Leitlinien dagegen für stuhlregulierende Maßnahmen
nach proktologischen Eingriffen aus, mit denen sich ein breiiger, weicher
Stuhl und damit ein geringerer Defäkationsschmerz erzielen lässt (GoR: B).
Varizenchirurgie: Babock oder endoluminale Verfahren?
Für die Varizenchirurgie kommen die Leitlinien zu dem Ergebnis, dass die
endoluminalen Verfahren bezüglich der postoperativen Schmerzintensität
keinen nachweislichen Vorteil gegenüber der Babock-Operation haben (GoR: C).
Auch für die verschiedenen etablierten Babock-Methoden (mit und ohne
Blutsperre, ein- und zweiseitig) ergab sich bezüglich der postoperativen
Schmerzintensität kein Unterschied.
Für unfallchirurgische Eingriffe an den Extremitäten ist davon auszugehen,
dass unabhängig vom Verletzungsort eine regionale Anästhesie besser wirksam
als eine systemische Anästhesie ist. Wann immer regionale
Anästhesieverfahren nicht möglich sind, sollten Opioide und langwirksame
Lokalanästhetika verabreicht werden (GoR: A).
Unfallchirurgie: Physiotherapie kann auch Schmerzen lindern
Bei gelenkchirurgischen oder gelenknahen Eingriffen lindern physikalische
Maßnahmen wie Kühlen oder Hochlegen nachweislich den postoperativen Schmerz
(GoR: B). Auch physiotherapeutische Maßnahmen könnten neben einer
frühzeitigen Mobilisierung auch zur Schmerzlinderung beitragen.
Die Leitlinien beziehen sich auf einige kontrollierte Studien und ein
Cochrane Review, die bei konservativ behandelten gelenknahen Frakturen an
den Extremitäten den günstigen Einfluss einer frühzeitigen Physiotherapie
auf die Funktion, den Heilungsprozess und Schmerzen belegen (LoE: 1a).
Wenngleich keine entsprechenden Studien für den schmerztherapeutischen
Effekt von Physiotherapie auf operativ versorgte Frakturen vorliegen, könne
man vergleichbare Ergebnisse vermuten.
Generelle Ablehnung von postoperativen Wunddrainagen
Drainagen hingegen häaben generell keinen nachweislichen Effekt und sollten
deshalb möglichst vermieden werden (GoR: A). Die Leitlinien berufen sich
hierbei auf Studien aus verschiedenen chirurgischen Fachgebieten, die weder
einen positiven Effekt von Drainagen auf die Wundinfektionsrate, noch auf
die Hämatomneigungnachweisen konnten. Es fehlt daher jegliche Evidenz, die
bei Eingriffen an den Extremitäten für einen Einsatz von Drainagen sprechen
könnte.
Die vollständigen Leitlinien finden Sie als pdf-Datei auf der Internetseite
der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich-Medizinischer Fachverbände (AWMF)
unter:
www.awmf-online.de und
www.leitlinien.net
Autorin: Antje Soleimanian, Medizinjournalistin, Bruno-Lauenroth-Weg
5, 22417 Hamburg, Tel.: 040/53050398, Fax: 040/53050399,
antje.soleimanian@bncev.de,
www.soleimanian.de |
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