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Proktologische Erkrankungen in der Schwangerschaft und postpartal sind keine
Seltenheit: Die Zahlenangaben schwanken zwischen 48 und 75 Prozent.
Qualitätsgesicherte Prävalenzstudien liegen jedoch nicht vor. Ursache für
die erhöhte Häufigkeit sind verschiedene physiologische Veränderungen des
mütterlichen Organismus, die das Auftreten von proktologischen Erkrankungen
begünstigen.
Beginnend in der 6. Schwangerschaftswoche kommt es zu einem Anstieg des
Blutvolumens mit einer kontinuierlichen Zunahme um 40 bis 50 Prozent.
Gleichzeitig steigt das Herzzeitvolumen. Das Maximum ist erreicht in der 24.
Schwangerschaftswoche. Dies bewirkt eine Zunahme des Flusses in den
uteroplazentaren Gefäßen. Der erhöhte Einstrom und Druck im Bereich der
Beckenvenen wird zu einem Abstromhindernis aus den unteren Extremitäten. Der
Druck erhöht sich von acht Zentimetern H2O bis auf 24 Zentimeter H2O. Im
Beckenbereich bilden sich Ödeme.
Alle diese Faktoren lassen den Druck in den rektalen Kollateralvenen
ansteigen. Hormonelle Veränderungen vermindern zudem die Wandspannung der
Gefäßwände im Plexus haemorrhoidalis. Das ansteigende Körpergewicht führt zu
einer Minderbeweglichkeit und verstärkt die Obstipationsneigung. Gleiches
bewirkt die oft notwendige Einnahme von Eisentabletten. All diese
Veränderungen des weiblichen Organismus steigern die Blutfülle und Stauung
im Plexus haemorrhoidalis und begünstigen vor allem das gehäufte Auftreten
von Hämorrhoiden, perianalen Thrombosen und Analfissuren.
Bei der Behandlung proktologischer Erkrankungen in der Schwangerschaft sind
zwei Besonderheiten zu beachten. Zum einen bestehen Kontraindikationen für
gewisse Medikamente und Maßnahmen, zum anderen sind Schwangere sehr besorgt,
dass Medikamente schädlich sein könnten für ihre Leibesfrucht.
Hämorrhoiden
Häufig treten Hämorrhoidalbeschwerden während der Schwangerschaft und
postpartal erstmals in Erscheinung. In zwei Dritteln aller Fälle handelt es
sich um eine Erstmanifestation. Es kommen alle Stadien vor. Therapieziel ist
die Beseitigung der Symptome und Beschwerden. Die Behandlung ist primär
konservativ mit allgemeinen Maßnahmen wie Stuhlregulation, sorgfältiger
Analhygiene und Proktologika. Dies gilt auch für thrombosierte
Hämorrhoidalknoten. Alle gängigen Proktologika, auch kortisonhaltige, können
verabreicht werden.
Invasives Vorgehen ist nur angezeigt bei schweren Blutungen und nicht
vertretbarem Analgetikabedarf. Bei einer sichtbaren Blutung hat sich die
Infrarotkoagulation als effizientes Verfahren zur Blutstillung bewährt. Die
Indikation zur Sklerosierung stellen wir zurückhaltend bei Blutungen, in
Abwägung des Risikos möglicher Komplikationen. Eine Gummibandligatur führen
wir wegen der Gefahr einer stärkeren Blutung nicht durch. Postpartal bildet
sich die überwiegende Mehrzahl der Hämorrhoiden innerhalb von zwei Monaten
zurück. Danach verbleibende Hämorrhoiden werden bei Beschwerden
stadiengerecht behandelt.
Perianale Thrombose
Zirka 35 Prozent aller Schwangeren erkranken im letzten Trimenon an
Perianalthrombosen. Hauptursache sollen der erhöhte Venendruck im Becken und
das prolongierte Pressen beim Stuhlgang sein. Die Thromben sind häufig
umgeben von einem stauungsbedingten Begleitödem, so dass der Knoten größer
erscheint als es die eigentliche Thrombose ist. Therapieziel ist die
schnelle Schmerzreduktion. Ist die Thrombose nicht mehr ganz frisch und
bereits in Rückbildung, sind lokale Kühlung und Antiphlogistika oder
Analgetika ausreichend. Bevorzugtes Analgetikum ist Paracetamol (3 x 1 g /
die). Diclofenac und Ibuprofen können bis zur 29. Woche verabreicht werden.
Bei starken Schmerzen und größeren frischen Thromben ist die operative
Therapie in Lokalanästhesie indiziert als Inzision oder Exzision. Wir
bevorzugen die komplikationsärmere Exzision mit der elektrischen Schlinge.
Technisch gehen wir so vor, dass wir zunächst die Schlinge um den Knoten
legen und vorsichtig anziehen und erst dann die Lokalanästhesie setzen. So
verbleibt eine deutlich kleinere Wunde. Lokalanästhetika dürfen in der
Schwangerschaft zur Infiltrations- und Leitungsanästhesie eingesetzt werden.
Dies gilt auch für Präparate mit Adrenalinzusatz. Bewährte Vertreter dieser
Gruppe sind zu bevorzugen. Prilocain ist wegen des vergleichsweise höheren
Risikos der Methämoglobinbildung zu meiden.
Analfissur
Ein gehäuftes Vorkommen von akuten Analfissuren in der Schwangerschaft ist
nicht belegt. Der Beobachtung nach scheint es vorzukommen. Hauptursache ist
die Schwangerschaftsobstipation. Symptome sind heftige Schmerzen und die
Absonderung von hellrotem Blut beim Stuhlgang. Therapieziel ist die schnelle
Schmerzreduktion, die Beseitigung des hohen Schließmuskeltonus und die
Abheilung der Fissur. Therapeutisch zu empfehlen sind stuhlregulierende
Maßnahmen und warme Sitzbäder. Das bevorzugte Analgetikum ist Paracetamol.
Auch Salben, die Lokalanästhetika und Kortison erhalten, sind erlaubt.
Nitratsalben sollen in der Schwangerschaft und Stillzeit nicht angewendet
werden.
Perianale Abszesse und Analfisteln
Perianale Abszesse sind bei schwangeren Frauen selten. Eine Inzision sollte
möglichst früh erfolgen, um eine Bakteriämie zu vermeiden. Eine Fistel
sollte mit einem Faden drainiert werden zur Verhinderung einer
Abszessbildung. Die Fisteloperation sollte erst einige Zeit nach der Geburt
erfolgen.
Kolorektales Karzinom
Das kolorektale Karzinom tritt nur in sehr seltenen Fällen während einer
Schwangerschaft auf. Einige hundert Fälle sind publiziert, vor allem
Rektumkarzinome. Es sind vorwiegend ältere Schwangere betroffen, aber auch
bei Jüngeren ist diese Erkrankung nicht auszuschließen. Die Diagnose wird
meist spät gestellt, da unspezifische Symptome wie Blutung und
Stuhlveränderungen oft fehlgedeutet werden. Die Schwangerschaft selbst hat
keinen Einfluss auf den Verlauf der Krankheit. Die Prognose hängt ab vom
Tumorstadium. Mit der Diagnosestellung ist auch die Indikation zur Operation
gegeben. In den letzten beiden Schwangerschaftsmonaten kann die
Darmoperation mit einer Sektio verbunden werden.
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
Man geht davon aus, dass eine chronisch entzündliche Darmerkrankung (CED)
weitgehend unabhängig von der Schwangerschaft ist. Der
Schwangerschaftsverlauf ist bei M. Crohn und Colitis ulcerosa zu 70 bis 80
Prozent unkompliziert. Letztendlich bestimmen Ausdehnung und Aktivität der
CED zum Zeitpunkt der Konzeption den Krankheitsverlauf während der
Gravidität. Erfolgt die Konzeption in der Remissionsphase, verläuft die
Schwangerschaft meist ungestört. 75 Prozent der Schwangeren erleiden keine
Exazerbation.
Bei Konzeption in einer Akutphase ist damit zu rechnen, dass die Aktivität
gleich bleibt oder schlechter wird. Nur ein Drittel erreicht bei adäquater
Behandlung eine Remission. Verschlechterungen treten vor allem im ersten
Trimenon und im Wochenbett auf. Es sind Phasen hormoneller Umstellung, in
den besonders auch psychosomatische Einflüsse wirksam werden können.
Psychologische Faktoren spielen überhaupt auch eine Rolle beim
Krankheitsverlauf. Bei einem Wunschkind ist er in der Regel besser als bei
einem unerwünschten.
Pharmakotherapie der CED
Besteht in der Frühphase einer Schwangerschaft eine stabile Remission, kann
sogar versucht werden, auf Medikamente zur Rezidivprophylaxe zu verzichten.
Im Zweifelsfall sollte aber die Medikation beibehalten werden, dies gilt
gegebenenfalls auch für Azathioprin. Bei akuten Schüben ist auch in der
Schwangerschaft die Pharmakotherapie indiziert. Aminosalizylate und
Kortikosteroide in üblicher Dosierung gelten als sichere Substanzen, die
ggf. von der Konzeption bis zum Wochenbett dauerhaft verabreicht werden
können. Folsäure muss substituiert werden. Falls zwingend indiziert, kann
auch Metronidazol nach üblicher Dosisempfehlung eingesetzt werden.
Bei einer Immunsuppression mit Azathioprin oder 6-Mercaptopurin wurden
bisher keine ernsthaften Auswirkungen auf Mutter oder Kind beobachtet.
Hinweise auf eine Myelosuppression bei der Mutter im dritten Trimenon
sollten jedoch Anlass geben die Dosis gegebenenfalls nach unten zu
korrigieren, um Auswirkungen auf die fetale Blutbildung zu vermeiden. Die
Medikation muss aber während der Schwangerschaft nicht unterbrochen werden.
Vom Stillen braucht unter dieser Medikation nicht abgeraten werden, da sich
in der Milch nur geringe Mengen finden und eine Schädigung des gestillten
Kindes bisher nicht beschrieben wurde.
Wegen einer limitierten Datenlage sollten Therapeutika wie Metotrexat,
Cyclosporin, Tacrolismus und Infliximab nicht zum Einsatz kommen. CED
stellen keine Kontraindikation für eine Schwangerschaft dar, ebenso besteht
keine medizinische Indikation für eine Interruptio. Nur in absoluten
Notfällen wie schwerer Blutung, Perforation, Ileus oder therapieresistentes
toxisches Megakolon ist eine Operationsindikation gegeben.
Post partum
Postpartal treten gehäuft Fissuren auf. Fissuren, die während der Entbindung
auftreten, finden sich fast ausschließlich an der vorderen Kommissur. In der
Stillzeit, vor allem in der frühen Stillzeit, ist der Stuhlgang oft sehr
fest, weil die Wöchnerinnen sich noch nicht auf die notwendige erhöhte
Trinkmenge von drei bis vier Litern eingestellt haben. Die Fissur ist dann
meist bei 6° in SSL lokalisiert. Die Therapie der Fissur ist die gleiche wie
in der Schwangerschaft.
Nicht selten (in etwa zehn Prozent der Fälle) kommt es während der
Entbindung zum Hämorrhoidalprolaps und zur gelegentlich monströsen
Anschwellung von Marisken durch starke Ödembildung. Fast immer können diese
Komplikationen durch Kühlung und Antiphlogistika konservativ behandelt
werden. Die Abschwellung erfolgt meist innerhalb einer Woche. Diclofenac
kann kurzfristig verabreicht werden, bei länger notwendiger Behandlung ist
Ibuprofen der Vorzug zu geben.
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Buchtipp:
Arzneimitteltherapie in Schwangerschaft und Stillzeit
Wer Frauen während der Schwangerschaft und Stillzeit behandelt, ist oft
unsicher, welche Medikamente er den Patientinnen gefahrlos verabreichen kann
und mit welchen Nebenwirkungen gegebenenfalls zu rechnen ist. Die
Informationen in Beipackzetteln, der Roten Liste oder Lehrbüchern der
Pharmakologie und Toxikologie sind für praktische Entscheidungen häufig
unzureichend oder gar irreführend. Das vorliegende Standardwerk von Dr.
Christof Schaefer et al. ist mittlerweile in der siebten Auflage erschienen
und unterstützt Ärzte aller Fachrichtungen bei der Suche nach dem geeigneten
Arzneimittel für Schwangere oder Stillende.
Es gliedert sich in vier Teile: Teil 1 vermittelt grundsätzliche
Informationen zur Arzneimitteltherapie in der Schwangerschaft. Hierzu
gehören Kapitel über die embryonale Entwicklung, Entwicklungstoxikologie,
Arzneimittelkinetik und molekularbiologische Grundlagen teratogener
Wirkungen, aber auch Informationen über die Schwangerenberatung. Teil 2
behandelt spezielle Fragen zur Arzneimitteltherapie in der Schwangerschaft.
Analog hierzu widmet sich Teil 3 grundsätzlichen und Teil 4 dann speziellen
Fragen zur Arzneimitteltherapie in der Stillzeit. Jeder Teil endet mit einem
umfangreichen Literaturverzeichnis.
Alle Arzneimittel sind innerhalb der Themengebiete nach Substanzklassen und
am Ende des Buches in einem alphabetischen Sachregister geordnet. Das Buch
eignet sich daher als Nachschlagewerk für den klinischen Alltag. Dr.
Christof Schaefer ist Facharzt für Kinderheilkunde und Leiter des
Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie. Professor
Horst Spielmann ist Facharzt für klinische Pharmakologie, Direktor und
Professor im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Professor Klaus
Vetter ist Direktor der Klinik für Geburtsmedizin, Vivantes Klinikum
Neukölln.
Schaefer, C., H. Spielmann, K. Vetter: Arzneiverordnung in
Schwangerschaft und Stillzeit. 7. Auflage. München: Urban & Fischer Verlag,
2006. 781 Seiten, gebunden, 69,95 Euro. |
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Literatur
Abramowitz, L., A. Batallan: epidemiology of anal lesions during pregnancy
and post partum, Gynecol. Obstetr. Tertil 2003,June 31, 546-9
Abramowitz, L., et al: Anal fissure and thrombosed external hamorrhoids
before and after delivery. Dis. Colon Rectume: 2002 May 45, 650-55
Cappell, M.S.: Colon cancer during pregnancy.Gastroenterol. Clinic North Am.
1998 b 27: 225-56
Huchzermeyer, H., Dormanen, A. J.: Pharmakotherapie internistischer
Erkrankungen während der Schwangerschaft: In: Friese, K., Melchert, F.
Hrsg.: Arzneimitteltherapie in der Frauenheilkunde. Stuttgart:
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2002: 95-171
Kane, S.: Inflammatory bowel disease in pregnancy. Gastenterol. Clinic North
Am. 2003, 32, 323-40
Rath, W., K. Friese: Erkrankungen in der Schwangerschaft, Thieme Verlag
Stuttgart, 2005
Schaefer, Ch., H. Spielmann: Arzneiverordnung in Schwangerschaft und
Stillzeit, Urban und Fischer Verlag, München 2006 |
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Autoren:
Dr. Horst Loch und Dr. Fedor Ernst, Proktologisches Zentrum Berlin,
Fasanenstr. 60, 10719 Berlin, Tel.: 030/ 8848991, Fax: 030/ 8854649,
horst@loch.com,
www.proktologie-berlin.de
Co-Autor:
Dr. Christof Schaefer, Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für
Embryonaltoxikologie, Spandauer Damm 130, Haus 10, 14050 Berlin, Tel.:
030/30308111, Fax: 030/30308122,
schaefer@embryotox.de,
www.embryotox.de
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