| |
Schmerzfreiheit und eine möglichst hohe postoperative Lebensqualität sind
aus Sicht des Patienten die entscheidenden Kriterien, wenn sie den Erfolg
einer Operation beurteilen sollen. Dies berichteten die Referenten bei einem
Symposium zum Thema Versorgungsqualität in der Koloproktologie am 26. Januar
2007 in Hamburg.
Jeder Mensch, der sich einer Operation unterzieht, rechnet mit Schmerzen und
empfindet sie bis zu einer gewissen Grenze auch als erträglich. Patienten,
die der Schmerztherapie einer Einrichtung die Schulnote Eins bis Zwei geben,
hätten im Mittel immer noch Ruheschmerzen der Intensität 2 bis 3 auf einer
numerischen Rangskala (NRS) von 1 bis 10, erklärte der Schmerztherapeut Dr.
Christoph Maier von den Bochumer BG-Kliniken Bergmannsheil bei einer
Veranstaltung der Stiftung Coloplast zur Versorgungsqualität in der
Kolorektalchirurgie am 26. Januar in Hamburg.
Für den Maximalschmerz im Verlauf von 24 Stunden und den Belastungsschmerz
tolerierten Patienten je nach Geschlecht sogar noch höhere Werte, meinte
Maier. Übersteigen die postoperativen Schmerzen jedoch diese
Toleranzgrenzen, so führe dies dazu, dass ein Patient – unabhängig vom
klinischen Ergebnis des Eingriffs – die Versorgungsqualität der Einrichtung
insgesamt negativ bewertet.
Wer vor der OP Schmerzen hatte, leidet auch postoperativ
Im Sinne zufriedener Patienten und optimaler Versorgungsqualität sollte der
Operateur daher besonderes Augenmerk auf die Schmerztherapie richten und die
Prädiktoren postoperativer Schmerzen berücksichtigen. Insbesondere für die
Kolorektalchirurgie, aber auch auf anderen Gebieten wie zum Beispiel der
Gefäß- oder Mammachirurgie hätten neuere Studien gezeigt, dass präoperative
Schmerzen ein wichtiger Hinweis darauf sind, dass der Patient auch
postoperativ unter Schmerzen leiden wird.
Die Intensität postoperativer Schmerzen korrespondiere auch mit der Größe
des Eingriffs, wie Maier berichtete. Allerdings seien es paradoxerweise
gerade die kleineren, vermeintlich harmlosen Eingriffe, die häufiger
postoperative Schmerzen verursachten. Maier führte diese Beobachtung darauf
zurück, dass bei größeren Eingriffen eine intensivere anästhesiologische
Betreuung gewährleistet ist als bei kleineren Operationen.
Patienten mit Malignomen artikulieren Schmerzen rasch
Aus ähnlichen Gründen sei die Malignität einer Erkrankung ebenfalls ein
signifikanter Prädiktor für geringere postoperative Schmerzen: In den
Kliniken habe sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass Patienten
mit einem Malignom eine effektive Schmerztherapie benötigen. Daher erhielten
die Betroffenen eher die notwendige Medikation als Patienten mit einer
nicht-malignen Erkrankung. “Außerdem artikulieren Patienten mit Malignomen
ihre Schmerzen häufiger und werden daher rascher und besser versorgt”,
erklärte Maier.
Weniger klar lässt sich nach Auffassung Maiers der Einfluss des Geschlechts
des Patienten auf die Intensität postoperativer Schmerzen eingrenzen.
Mittlerweile würden ältere Studien angezweifelt, denen zufolge Morphine bei
Männern und Frauen unterschiedlich rasch und intensiv wirken. “Außerdem weiß
jeder Arzt, dass eine Frau als Patientin nicht undbedingt in erster Linie
Frau ist und ein Mann nicht nur Mann.” Auf einer NRS gäben Frauen zwar
häufig stärkere postoperative Schmerzen an als Männer, klagten aber
gleichzeitig weniger über Befindlichkeitsstörungen nach dem Eingriff. “In
diesem Zusammenhang nur die NRS-Schmerzwerte zu untersuchen, ist daher nicht
sachdienlich”, meinte Maier.
Beruhigendes Gespräch kann den Morphinverbrauch senken
Eindeutig belegt sei hingegen der Zusammenhang zwischen psychologischen
Faktoren wie Angst und der Intensität postoperativer Schmerzen: “Ein
beruhigendes Gespräch kann den Morphinverbrauch nach einer Operation
signifikant senken”, berichtete Maier und ergänzte ein wenig spöttisch:
“Natürlich ist das die teurere Therapieoption.”
Billiger, aber ähnlich effektiv lasse sich der Morphinverbrauch senken,
indem man ganz einfach mehr Sonnenlicht in die Krankenzimmer lasse: Einer
Studie auf dem Gebiet der psychosomatischen Medizin zufolge berichten
Patienten unter dem stimmungsaufhellenden Einfluss von Sonnenlicht über 35
Prozent weniger Stress und verbrauchen 22 Prozent weniger Morphium.
Hierdurch verringerten sich die Kosten für Analgetika um 21 Prozent. “Und
das, obwohl die tatsächlich gemessenen Schmerzen dieser Patienten zur
marginal geringer sind”, sagte Maier.
Bauliche Merkmale wie lichtdurchflutete Räume sollten trotz dieser
überraschenden Erkenntnis nicht überbewertet werden: Der signifikanteste
Prädiktor für geringe postoperative Schmerzraten ist Maier zufolge vor allem
die fachliche Expertise einer Einrichtung. “In diesem Punkt möchte ich mich
meinem Chef Professor Muhr anschließen, der seit Jahren predigt, dass 70
Prozent aller chronischen postoperativen Schmerzen entstehen, weil ein
Chirurg etwas operiert hat, das er besser gelassen hätte.”
|
|
| |
Rektumkarzinom: Postoperative Lebensqualität bestimmt den “gefühlten Erfolg”
der Therapie
Um den Therapieerfolg beim Rektumkarzinom zu beurteilen, sollte der Arzt
sich nicht nur an klinischen Zielkriterien wie der Letalitäts- oder
Komplikationsrate orientieren, sondern auch die postoperative Lebensqualität
des Patienten messen. Darauf hat Professor Marco Sailer, chirurgischer
Chefarzt am Hamburger Krankenhaus Bethesda, in seinem Referat hingewiesen.
Schließlich messe auch der Patient den Erfolg der Therapie vor allem an
seiner Lebensqualität: „Das Hauptproblem eines rektumresezierten Patienten
sind sein imperativer Stuhldrang und sein perianales Ekzem, nicht sein
Lymphknotenstatus“, erklärte Sailer.
Lebensqualität sei ein multidimensionales Konstrukt aus physischen, mentalen
und sozialen Komponenten – und eine messbare Größe wie jeder beliebige
Laborparameter. Bislang gebe es jedoch nur wenige prospektive Studien zur
Lebensqualität von Patienten mit Rektumkarzinom. „Diese Studien zeigen aber
ausnahmslos, dass eine Rektumresektion mit Einbußen in allen Dimensionen
verbunden ist“, sagte Sailer. In allen Studien berichteten die Betroffenen
über ein beeinträchtigtes Sexualleben und eine eingeschränkte Darmfunktion.
„Dennoch ist der Sphinktererhalt nicht das einzige Kriterium um die
Lebensqualität zu messen“, warnte Sailer. In der Frage, ob Stomapatienten
eine schlechtere Lebensqualität haben als Patienten ohne Stoma, sei die
Studienlage äußerst widersprüchlich. Bei den sphinktererhaltenden
Operationstechniken jedoch habe die Rekonstruktionstechnik einen
wesentlichen Einfluss auf die Lebensqualität: „Insbesondere langfristig
liefert die Operation nach Pouch bessere funktionelle Ergebnisse, denn die
Patienten leiden weniger unter imperativem Stuhldrang und Analekzemen.“
|
|