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Einleitung
Die distale Radiusfraktur ist die häufigste Fraktur des Menschen. In
Deutschland werden im Jahr zirka 200.000 Frakturen dieses Typs behandelt.
Obwohl die Diskussion um die optimale Behandlung dieser Fraktur bereits seit
dem 19. Jahrhundert anhält, gibt es noch lange keine einheitliche
Lehrmeinung.
Die Radiusfraktur wirft nach wie vor Probleme auf, denn seit den Vorgaben
der Behandlungsprinzipien nach Böhler aus den 30er Jahren [1] hat sich die
Versorgung rasant entwickelt. So waren in den 60er Jahren die
Kirschnerdrähte [9, 20], dann die dorsale und palmare Plattenosteosynthese
und schließlich die Einführung des Fixateur externe innovative
Behandlungsmethoden der jeweiligen Zeit bis hin zu den zurzeit favorisierten
winkelstabilen Plattensystemen.
Probleme ergeben sich trotz neuer Methoden aufgrund der verschiedenen
Frakturmechanismen in jugendlichem wie auch in höherem Alter. Beim jungen
Menschen handelt es sich vorwiegend um Rasanztraumata mit Zerstörung der
Gelenkflächen, wohin gegen es sich im höheren Alter eher um Radiusfrakturen
bei osteoporotischen Knochen handelt, was wiederum Probleme bei der Fixation
der Fragmente aufwerfen kann.
Da in etwa 30 bis 80 Prozent der Fälle, je nach Frakturtyp, ligamentäre
Begleitverletzungen vorhanden sind [7, 8, 13, 22], erwächst aus dieser
Tatsache zusätzlicher Handlungsbedarf.
Äußerungen, die Radiusfraktur stelle keine therapeutische Herausforderung
mehr dar, sind somit nicht nachvollziehbar und werden diesem differenzierten
Verletzungstyp nicht gerecht. Vielmehr zeigen Aussagen dieser Art eine
gewisse Ignoranz gegenüber einer Fraktur, die nicht zuletzt auch große
sozioökonomische Bedeutung hat: Komplikationen beim Heilungsverlauf bergen
für den Patienten immer auch die Gefahr, sich nicht mehr hinreichend selbst
versorgen zu können. Die distale Radiusfraktur ist damit auch im Hinblick
auf die zunehmend älter werdende Bevölkerung immer noch eine große
Herausforderung.
Anatomische
Vorbemerkungen
Der Radius artikuliert mit der distalen Ulna ebenso wie mit Skaphoid und
Lunatum, das heißt mit der proximalen Handwurzelreihe. Zwischen dem
Ellenkopf und der proximalen Handwurzelreihe ist der Triangulärer
FibroCartilaginärer Complex (TFCC) zwischengeschaltet. Aber auch zwischen
den beiden Handwurzelreihen im Mediokarpalgelenk findet ein Teil der
Bewegung des Handgelenkes statt.
Der Inklinationswinkel in der radiologischen ap-Ebene beträgt zwischen 20
und 30°, der dorsopalmare Winkel in der seitlichen Ebene zirka 10°. Die
Länge der Ulna zum Radius kann sehr variabel sein und es gibt neben der
Neutralstellung auch die Ulna „-“ und die Ulna „+“ Variante.
Liegt ein Längenverlust nach einer Radiusfraktur vor, kommt es insbesondere
zur Einschränkung der Unterarmdrehbewegung. Bleiben Stufen in der
Gelenkfläche zurück, ist eine Arthroseentwicklung des Gelenkes programmiert.
Auch ein Winkelverlust der dorsopalmaren Kippung von 20° führt zur
Arthrosebildung.
Zwar wird eine Bewegungsreduktion von 20 bis 30 Prozent bei Extension und
Flexion oftmals nicht wesentlich wahrgenommen, bei der Unterarmdrehung sind
jedoch schon geringe Bewegungseinschränkungen mit deutlichen Problemen im
täglichen Leben behaftet.
Klassifikation der
Radiusfrakturen
Für eine optimale Behandlung der Radiusfraktur ist eine einheitliche
Klassifikation von großer Bedeutung. Die einfachsten Klassifikationen
stammen aus den Jahren 1941 und 1934 und beschreiben die Smith-Fraktur als
palmar dislozierte Fraktur und die Collesfraktur als dorsal dislozierte
Fraktur [2]. Die Chauffeur-Fraktur mit Abriss des Proc. styloideus radii und
Die-Punch-Frakturen mit Eindrücken der Gelenkfläche sind Eigennamen von
definierten Frakturtypen [19].
Eine weitere Klassifikation ist die nach Frykman von 1967 (siehe Abb. 3),
die insgesamt acht Frakturtypen des Radius in intra- und extraartikuläre mit
und ohne Ulnabeteiligung beschreibt [19]. Im amerikanischen Sprachraum hat
sich die Klassifikation von Melone 1984 weitestgehend durchgesetzt [11],
welche die Frakturen mit Gelenkbeteiligung in fünf Schweregrade einteilt.
Interessant ist auch das 3-Säulenmodell [6, 16, 17], wonach das distale Ende
des Unterarms biomechanisch aus drei Säulen besteht: der radialen Säule mit
dem Radiusstyloid mit der Fovea scaphoidea, der intermediären Säule mit der
Fovea lunata mit der Sigmoid-Notch und einer ulnaren Säule mit der distalen
Ulna und dem TFCC.
Im deutschen Sprachraum hat sich unter den vielen Frakturklassifikationen
die AO-Klassifikation [19] durchgesetzt. Die A-Frakturen bezeichnen die
extraartikulären Frakturen: A1 die isolierte Ulnafraktur, A2 die einfache
impaktierte Radiusfraktur und A3 die Radiusfraktur mit metaphysärer
Trümmerzone.
Bei den B-Frakturen dagegen handelt es sich um partielle Gelenkfrakturen: B1
Gelenkfraktur mit sagitalem Frakturverlauf, B2 mit frontalem Frakturverlauf
und dorsalem Fragment, B3 mit frontalem Frakturverlauf und palmarem
Fragment.
Die intraartikulären und metaphysären C-Frakturen unterscheiden sich in C1
(einfache Gelenk- und metaphysäre Fraktur), C2 (einfache Gelenk- und
metaphysäre Mehrfragmentfraktur) und C3 (Mehrfragmentfraktur des Gelenkes).
Entscheidend zur Therapieplanung ist auch, ob es sich um eine stabile oder
eine instabile Fraktur handelt. Poigenfürst hat entsprechende
Instabilitätskriterien benannt (vgl. Tabelle 1). Beim Auftreten von
mindestens zwei der genannten Kriterien handelt es sich um eine instabile
Fraktur [3, 5, 10, 13].
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Sämtliche
Einteilungsformen sind aber als unzureichend anzusehen, da sie nicht immer
die Behandlungsstrategie vorgeben. Mit zu berücksichtigen sind die
Begleitverletzungen, das Alter des Patienten, Osteoporosegrad,
Gebrauchsfähigkeit und die persönlichen Anforderungen an die Hand durch
Beruf und Freizeit. Somit ist jede Fraktur als einzigartig anzusehen, dies
muss im Rahmen der Frakturversorgung berücksichtigt werden.
Konservative
Frakturbehandlung
Viele Frakturen lassen sich relativ einfach unter Zug und Gegenzug und durch
direkte Manipulation reponieren. Problematisch ist dann allerdings die
Retention. Während sich eine instabile Fraktur mit dem Gips nicht retenieren
lässt und somit eine OP-Indikation darstellt, lassen sich stabile Frakturen
mit einem Gips oft sicher behandeln.
Eine dorsale gut modellierte Gipslonguette mit einer Dreipunkteabstützung
ist vielfach ausreichend. Engmaschige Röntgenkontrollen lassen eine
eventuelle Redislokation erkennen um gegebenenfalls eine Operation
durchzuführen. Eine erneute und eine zu brüske Reposition ist schon allein
wegen der Sudeckprophylaxe zu vermeiden.
Bei der Gipsbehandlung ist dringend darauf zu achten, dass die Finger in
ihren Grundgelenken frei beweglich sind und der volle Faustschluss möglich
ist. Der Patient muss auch aufgefordert werden, mehrmals am Tage den
Faustschluss durchzuführen. Eine Tragedauer von vier Wochen ist bei einem
gesunden Knochen ausreichend, bei einer Osteoporose sind sechs Wochen
angezeigt. Es sollten Zwangshaltungen wie die verstärkte Ulnaduktion oder
die verstärkte Flexion im Gips vermieden werden.
Es bleibt die Frage offen, welche Fehlstellung einer Radiusfraktur noch
tolerabel ist. In der Literatur gibt es diesbezüglich unterschiedliche
Angaben [14, 15, 18, 19]. Eine dorsale Abkippung bis zu 20°, eine radiale
Inklination bis 10°, eine Verkürzung bis zu 5 mm und eine Gelenkstufe bis zu
1 mm sind unserer Meinung nach noch akzeptabel.
Operative
Frakturbehandlung
Die Indikation zur Operation kann relativ “einfach” gestellt werden. Ist
eine Radiusfraktur disloziert, überschreitet die oben angegebenen
Toleranzbereiche und/oder ist gleichzeitig instabil, so sollte sie operativ
versorgt werden. Handelt es sich um eine stabile Fraktur, reicht eine
Gipsruhigstellung nach der Reposition auch bei einer primären Dislokation
aus, dies sollte dann aber immer im Intervall radiologisch kontrolliert und
überwacht werden.
Auch wenn die kostenintensive palmare winkelstabile Plattenosteosynthese in
der heutigen Zeit das Implantat der Wahl ist, so haben auch die anderen
Operationsverfahren noch durchaus ihre Berechtigung. Die einzelnen Verfahren
sollen kurz beschrieben werden und ihre Indikation anhand der AO-Einteilung
aufgezeigt werden.
Der Kirschnerdraht
Die Kirschnerdrahtung kann nach Willenegger oder nach Kapandji erfolgen.
Beim Letzteren werden zwei intrafokale Drähte wie abgebildet und ein
Kirschnerdraht durch den Proc. styloideus radii, der in der Gegenkortikalis
als Antirotations- und zusätzlicher Stabilisierungsdraht gebohrt wird,
eingebracht.
Diese Drähte sollten für sechs bis acht Wochen belassen werden, wobei
gleichzeitig eine Gipsruhigstellung für zwei bis vier Wochen unsere Meinung
nach zu empfehlen ist, obwohl die Erstautoren keine Gipsruhigstellung
durchführten und diese Versorgung als übungsstabil ansahen [9].
Die Indikationen sehen wir vor allem bei A2 Frakturen, die keine dorsale
Trümmerzone aufweisen. Auch als Komplementärosteosynthese etwa beim Fixateur
hat der Kirchnerdraht nach wie vor seine Berechtigung. Es handelt sich dabei
um ein kostengünstiges Verfahren mit dem Nachteil einer Metallentfernung und
einer notwendigen Gipsruhigstellung, die aber bei anderen Verfahren
teilweise auch nötig sind.
Die
Schraubenosteosynthese
Die alleinige Schraubenosteosynthese ist vor allem bei den B1-Frakturen
indiziert und stellt ebenfalls ein wirtschaftliches Verfahren dar. Auch wird
dieses Verfahren oft als Ergänzung einer anderen Osteosynthese genutzt.
Die
Plattenostheosynthese
Bei der Plattenversorgung konkurrieren die modernen winkelstabilen
Plattensysteme mit den konventionellen Platten. Zudem spielt der operative
Zugang eine entscheidende Rolle und man muss sich zwischen dorsal und palmar
entscheiden. Der palmare Zugang setzt sich immer mehr durch, da er
wesentliche Vorteile, wie eine gute Weichteildeckung mit geringer
Sehnenirritation und ein geringes operatives Trauma aufweist. Auch hat die
winkelstabile Platte ein breites Indikatiosspektrum.
Aber nicht jede Fraktur erfordert eine winkelstabile Versorgung. Während die
A3- und die C2-Frakturen eine Domäne der winkelstabilen Platten darstellen,
reicht bei einer Smithfraktur (AO: B3) eine konventionelle Abstützplatte.
Sollte auch bei einer A2 Fraktur eine OP Indikation bestehen, reicht eine
konventionelle palmare Platte aus.
Um die Vorteile der palmaren winkelstabilen Plattenosteosynthese auch
umfassend zu nutzen und mögliche Komplikationen zu vermeiden, sind einige
Punkte streng zu beachten. Der korrekte Zugang nach Henry [10] radial der
FCR-Sehne ist entscheidend, um den N. medianus und auch den Ramus palmaris
nervus medianus zu schützen. Die Plattenlage darf die Watershed-Line nicht
überragen. Damit ist der höchste Punkt am distalen palmaren Radius gemeint.
Somit wird einer Ruptur insbesondere der langen Daumenbeugesehne vorgebeugt.
Die winkelstabilen Schrauben sollten stets zwei Millimeter kürzer gewählt
werden, damit die scharfen Kanten der selbstschneidenen Schrauben nicht
dorsal überstehen und somit zur Verletzung der Strecksehnen führen. Der
distale T-Schenkel der Platte sollte zweireihig mit Schrauben zu besetzen
sein. Diese sollten auch multidirektional einzubringen sein.
Damit wird eine sehr hohe Stabilität der Frakturversorgung erreicht, die
auch einen osteoporotischen Knochen sicher fixiert. Bei korrekter
Plattenlage ist eine Metallentfernung nur indiziert, wenn durch die Platte
Komplikationen entstehen, wie zum Beispiel ein Engegefühl am Handgelenk. Bei
einer sehr weit distal gelegenen Fraktur kann eine Plattenlage distal der
Watershed-Line, dann auch mit nur einer Schraubenreihe notwendig werden.
Auch die dorsale Verplattung hat bei korrekter Anwendung ihre Berechtigung.
Mittlerweile sind auch diese Platten winkelstabil. Man hat einen sehr guten
Überblick über die Gelenkfläche und kann gleichzeitig intraoperativ
Begleitverletzungen sicher ausschließen oder korrigieren. Mit dem
Retinaculum gelingt es, das Implantat zu decken und somit die Strecksehnen
zu schonen. Mit der Subkutanverlagerung der langen Daumenstrecksehne
verringert man das Risiko der Ruptur.
Die Erhaltung des Tuberculum Listeri ist mit dem neuen Plattendesign möglich
und erhält somit die Stabilität der Fraktur. Diese operative Versorgung
stützt sich auf das 3-Säulenprinzip. Eine Plattenentfernung ist nach einem
halben Jahr zu empfehlen, um einer Ruptur der Strecksehnen vorzubeugen.
Der Fixateur externe
Der Fixateur bleibt den offenen und den C3-Frakturen vorbehalten. Er nutzt
die Ligamentotaxis zur Frakturreposition und letztlich zur Retention. Der
Zug sollte aber spätestens nach drei Wochen reduziert werden (Dynamisierung
des Fixateurs), wenn dies nicht bereits nach der Reposition möglich ist. Bei
Anwendung des Fixateurs sollte eine Komplimentärosteosynthese angewandt
werden.
C3 Frakturen
Die Versorgung der C3-Frakturen ist nach wie vor eine Herausforderung der
Frakturversorgung. Nicht nur wegen der hohen Rate der Begleitverletzungen
von bis zu 80 Prozent [4, 7, 8, 13], auch wegen der oftmals scheinbaren
Unmöglichkeit der Wiederherstellung einer akzeptablen Gelenkfunktion. Hierzu
sind neben einem kombinierten Zugang auch oft alternative Maßnahmen bis zu
Teilarthrodese nötig.
Wegen der Komplexizität der Versorgung bleibt diese Versorgung oft dem
stationären Bereich vorbehalten. Oft ist aber trotz aller Bemühungen keine
Restitutio ad integrum möglich.
Begleitverletzungen
Je höhergradig eine Radiusfraktur ist, umso häufiger ist mit einer
Begleitverletzung zu rechnen. Es sind vor allen die Verletzungen des Discus
triangularis und die Ruptur des interossären Bandes zwischen Skaphoid und
Lunatum. Auf deren Versorgung wollen wir aber nicht weiter eingehen und auf
die einschlägige Literatur verweisen [7]. Sie erfordert vom Operateur große
Erfahrung auf dem Gebiet der Handchirurgie, denn ein palmarer Zugang
erschwert das Erkennen solcher Begleitverletzungen, da bei diesem Zugang
kein Einblick in das Gelenk gegeben ist. So ist intraoperativ eine
Kinematographie unter dem Bildwandler dringend erforderlich.
Komplikationen
Trotz der modernen Implantate kommt es mit der zunehmenden Anzahl der
operativen Radiusfrakturversorgung immer noch zu postoperativen
Komplikationen. Es handelt sich dabei um Rupturen der Streck- und der
Beugesehnen vor allem der des Daumens. Diese Komplikationen sind jedoch
nicht schicksalhaft und können durch einen erfahrenden Handchirurgen
korrigiert werden. Allerdings ist hierfür eine erneute Operation notwendig.
Es kommt auch zu Plattenbrüchen und zu Redislokationen dieser Frakturen,
auch das Durchschneiden der Schrauben und Dislokation ins Gelenk werden
beschrieben [10]. Es wird zwar propagiert, dass eine Spongiosaplastik nicht
mehr erforderlich ist [2, 4, 10, 12, 21], aber sekundäre Redislokationen
nach Plattenosteosynthesen stellen diese Meinung infrage. Leider kann man
präoperativ nicht sicher bestimmen, welche Frakturen eine solche
Spongiosaplastik benötigen.
Bemerkungen
Eine operative Notfallversorgung einer Radiusfraktur ist nur bei
Durchblutungsstörungen oder Nervenverletzungen notwendig, sonst kann die
operative Behandlung dieser Fraktur durchaus verzögert erfolgen. Nach
Abschwellung der Weichteile, die eine Gipsruhigstellung erfordert, ist eine
geplante operative Versorgung unter optimalen Bedingungen innerhalb einer
Woche möglich. Bei schweren Gelenkfrakturen ist zur Vordiagnostik eine
Computertomographie zur Operationsplanung zu empfehlen. Sie erleichtert die
Rekonstruktion der Gelenkflächen.
Eine arthroskopische Abklärung der Radiusfrakturen zur zusätzlichen
Diagnostik insbesondere von Begleitverletzungen ist zwar möglich, aber
logistisch selten durchführbar. Dies benötigt neben zusätzlicher
Operationszeit einen erfahrenden Handgelenksarthroskopiker.
Beim palmaren Zugang ist eine zusätzliche Spaltung des Karpalkanals nicht
immer erforderlich, nur wenn präoperativ eine periphere Medianuskompression
vorliegt, auf die immer zu achten ist. Man sollte den N. Medianus auch nicht
intraoperativ darstellen, um eventuelle Verwachsungen mit der Umgebung zu
vermeiden, die dann zu einer postoperativen Medianusstörung führen können.
Weil eine Plattenosteosynthese eine gemeinhin als vorteilhaft beschriebene
frühfunktionelle Nachbehandlung ermöglicht, verzichten viele Operateure
zunehmend auf eine postoperative Ruhigstellung. Untersuchungen aus den USA
zeigen aber keinen Unterschied in der Funktion des Handgelenkes und im
DASH-Score nach einer operativen Radiusfrakturversorgung im Vergleich ohne
und mit einer vierwöchigen Gipsruhigstellung [21].
Vor allem in den ersten postoperativen Tagen bietet der Gips eine sehr gute
Schmerz- und Ödemprophylaxe. Auch ist nicht bekannt, wie viele
Begleitverletzungen durch die Gipsruhigstellung ausheilen. Wir empfehlen
daher niedriggradige Frakturen für 14 Tage und höhergradige Frakturen für
vier Wochen mit einem Gips postoperativ ruhig zu stellen.
Eine physiotherapeutische Nachbehandlung ist vom Befund und von der
Mitarbeit des Patienten abhängig. Häufig werden Patienten unter der Diagnose
Morbus Sudeck physiotherapeutisch mit eingeschränktem Erfolg behandelt. In
solchen Fällen ist differenzialdiagnostisch an ein dekompensiertes
Karpaltunnelsyndrom zu denken. Bei unseren Patienten haben wir sehr gute
Erfahrungen mit der Spaltung des Retinaculum flexorum bei langdauernden
schmerzhaften Bewegungsstörungen gemacht. Die Aussage: „In einen Morbus
Sudeck darf man nicht hinein schneiden“ sollte der Vergangenheit angehören.
Zur Materialentfernung der winkelstabilen Implantate muss angemerkt werden,
dass es bei zu weichem Metall zu Kaltverschweißungen kommen kann, die eine
Materialentfernung durchaus schwierig gestalten können.
Trotz der teuren Implantate mit Preisen von etwa 500 Euro sind die
winkelstabilen Implantate aus der Versorgung der distalen Radiusfraktur
nicht mehr wegzudenken. Aus sozialökonomischen Erwägungen sollten die
geringeren Materialkosten für den Fixateur externe (durch
Wiederverwendbarkeit) und Kirschnerdrähte einmal gegen die kürzere
Arbeitsunfähigkeit gerechnet werden. Uns ist aber keine derartige Studie
bekannt.
Fazit
Jede Fraktur muss individuell betrachtet und behandelt werden. Nicht jede
Fraktur darf nach einem vorgeschriebenen Therapieschema versorgt werden.
Die diffizilen Behandlungspfade und die immer wieder auftretenden Probleme
mit der Indikationsstellung zur operativen Versorgung der Radiusfraktur
erfordern eine fachärztliche Betreuung und Indikationsstellung und sind
mitnichten ein Anfängereingriff, sondern immer nach der Besonderheit des
Einzelfalls zu betrachten.
Der junge Assistent in der Ambulanz sollte mit dieser Fraktur nicht allein
gelassen werden. Eine stationäre wie auch eine ambulante Versorgung dieser
Frakturen ist möglich, setzt aber stets einen qualifizierten Operateur
voraus.
Zusammenfassung
Die distale Radiusfraktur ist nach wie vor differenziert zu betrachten.
Durch die neuen winkelstabilen Implantate sind zwar die meisten Frakturen zu
retinieren, aber um den Preis eines sehr teuren Implantats. Angesichts des
ökonomischen Drucks haben unter speziellen Kriterien auch die nicht
winkelstabilen Systeme und der Fixateur externe ihre Berechtigung.
Nicht vergessen darf man die Begleitverletzungen, die durch ihre Häufigkeit
die Frühmobilisierung eher fragwürdig erscheinen lassen.
Autoren:
Dr. Karsten Becker, chirurgisch-orthopädische Praxisklinik,
Fritz-Stamer-Str. 9, 36129 Gersfeld, Tel.: 06654/15-324, Fax: 06654/15-399,
dr.karsten.becker@t-online.de,
www.chirurgie-gersfeld.de
Dr. Peter Haensel, Maveus Praxisklinik für Hand-, Fuß- und
Gefäßchirurgie, Wiesner, Goethestr. 5-7, 09119 Chemnitz, Tel. 0371/909 83
30, Fax: 0371/909 83 36,
dr.haensel@maveus.de |
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