Bundeskongress: Abstracts der Fachvorträge
     
 

An dieser Stelle veröffentlichen wir Zusammenfassungen ausgewählter Fachvorträge aus dem umfangreichen Programm des 9. Bundeskongresses der niedergelassenen Chirurgen vom 2. bis 4. März 2007 in Nürnberg.

Distale Radiusfraktur: Gold-Standard weiter nicht in Sicht
Mit bundesweit 200.000 Fällen pro Jahr ist die Radiusfraktur die häufgste Fraktur überhaupt. Dennoch sind Handchirurgen von einem Goldstandard für diese Indikation weit entfernt, wie Dr. Peter Haensel berichtete. In den vergangenen Jahren sei die Osteosynthese mit winkelstabilen Platten zum Modetrend avanciert, dennoch belege die Literatur keine eindeutigen Vorteile für diese Methode gegenüber klassischen Fixationsvarianten wie Kirschnerdrähte oder Fixateur externe. Explizit empfahl Haensel winkelstabile Platten für die Fixation von A3- und C3-Frakturen, sprach sich bei letzteren allerdings aus Gründen der Übersicht für den dorsalen Zugang aus.

Referent: Dr. Peter Haensel, Chemnitz

Unklarer Handgelenkschmerz: Keine OP ohne klare Diagnose
“Nicht alles, was am Handgelenk weh tut, muss aus dem Knochen kommen”, so das Fazit des Handchirurgen Dr. Christian Ludwig. Jeder Schmerz sei immer als multifaktorielles Symptom aufzufassen und erfordere daher eine ausführliche Anamnese, klinische Untersuchung, natives Röntgen und bei Bedarf auch bildgebende Verfahren wie CT und MRT. “Angesichts der Zunahme entzündlicher Erkrankungen gewinnt auch die Labordiagnostik auf CRP und Harnsäure an Bedeutung”, erklärte Ludwig.

Bei unklarem Handgelenkschmerz sollte der Chirurg immer auch an Probleme mit der Halswirbelsäule oder an infektiöse Zahnherde denken, die bis ins Handgelenk ausstrahlen. Er warnte vor Operationen ohne klare Diagnose und gab außerdem zu bedenken: “Ein Chirurg ohne genaue anatomische Kenntnisse ist wie ein Maulwurf. Er tappt im Dunkeln und hinterlässt Erdhügel.”

Referent: Dr. Christian Ludwig, Mannheim

Skapholunäre Bandläsion: ein häufig übersehenes Problem
“Skapholunäre Bandverletzungen kommen in der Praxis als Folge einer distalen Radiusfraktur durchaus häufig vor “, berichtete Dr. Karsten Becker, “doch sie werden oft erst erkannt, wenn der Patient mit einer Arthrose in die Praxis kommt.” Während eine SL-Läsion bei einer extraartikulären Radiusfraktur eher unwahrscheinlich sei, sollte man bei einer intraartikulären Fraktur mit MRT oder Arthroskopie das SL-Band untersuchen, sofern der Patient nach acht Wochen Ruhigstellung immer noch Schmerzen habe, riet Becker. Bei einer Teilruptur habe die Naht die besten Erfolgsaussichten, denn auch SL-Bandplastiken könnten bis zu 30 Prozent Bewegungseinschränkung zur Folge haben, erklärte Becker.

Referent: Dr. Karsten Becker, Gersfeld

Auf eine Million ambulante OPs nur 6 Behandlungsfehler
Nicht jede misslungene ärztliche Behandlung ist gleich ein schuldhafter Behandlungsfehler. Darauf wies Dr. Ricarda Arnold in ihrem Referat über die ärztlichen Aspekte des Fehlermanagements hin: “Der Patient hat einen Anspruch auf eine sorgfältige und sachgerechte, nicht aber auf eine erfolgreiche Behandlung.”

Chirurgen würden zwar erfahrungsgemäß häufiger wegen vermeintlicher Behandlungsfehler verklagt, dies liege jedoch nicht an einer besonders hohen Fehlerquote in dieser Fachgruppe: “Vielmehr sind die Ergebnisse chirurgischer Tätigkeit für Laien scheinbar leichter zu beurteilen als bei anderen Fachgruppen”, erklärte Arnoldt. Immerhin habe eine Recherche bei der Gutachterkommission Thüringen ergeben, dass auf eine Million ambulanter chirurgischer Eingriffe gerade einmal sechs echte Behandlungsfehler entfallen.

Die häufigsten Behandlungsfehler seien ein verspäteter Therapiebeginn, übersehene Frakturen, mangelnde Diagnostik (insbesondere Röntgen) sowie Komplikationen, beispielsweise Wundinfektionen. Behandlungsfehler ließen sich weitgehend vermeiden durch gute Organisationsstrukturen, enge Indikationsstellung gemäß der eigenen chirurgischen Qualifikation, standardisierte Arbeitsanweisungen an das Personal, eine adäquate Überwachung sowie die intensive und respektvolle Kommunikation mit dem Patienten.

Referentin: Dr. Ricarda Arnold, Jena

Definition: Ein Fehler ist jede Abweichung vom Soll-Verlauf
Um jegliche positive oder negative Bewertung zu vermeiden, definierte die Rechtsanwältin Dr. Britta Konradt den Begriff “Fehler” als jede Abweichung vom Soll-Verlauf einer Behandlung. Ein fachlicher Fehler sei recht schwer nachweisbar, denn er setze voraus, dass dem Patienten tatsächlich ein Schaden entstanden ist, der mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent auch in einem kausalen Zusammenhang mit dem Behandlungsfehler steht.

Die meisten haftungsrechtlichen Prozesse würden daher zum Nachweis von Aufklärungsfehlern geführt, erklärte Konradt. Zudem gebe es für den Ablauf der Aufklärung keine klaren Vorgaben, man bewege sich also auf juristisch unsicherem Terrain. “Klar ist nur, dass die Aufklärung den Patienten befähigen muss, sein Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen.” Die Aufklärung müsse rechtzeitig und mündlich erfolgen, verständlich sein sowie mögliche Komplikationen und Alternativmethoden konkret benennen.

“Je riskanter der Eingriff und je weniger klar die medizinische Indikation, desto frühzeitiger sollte die Aufklärung erfolgen”, riet Konradt. Aufklärungsbögen könnten helfen, die erfolgte mündliche Aufklärung juristisch möglichst eindeutig zu dokumentieren.

Referentin: Dr. Britta Konradt, Berlin

Wundtag: Fotodokumentation erleichert Qualitätssicherung
Vernetzung und Qualitätssicherung waren zwei zentrale Themen des ersten interdisziplinären BNC-Wundtages, der mit insgesamt knapp 250 Teilnehmern sehr gut angenommen wurde. Dr. Walter Wetzel-Roth berichtete über die Möglichkeiten der Qualitätssicherung mittels digitaler Fotodokumentation chronischer Wunden: “In unserer Praxis kombinieren wir bei der Dokumentation Fotos und Textelemente. “ Bilder und Texte würden in der digitalen Patientenakte gespeichert, auf diese Weise lasse sich die Fotodokumentation auch in Arztbriefe und in Schreiben an Kostenträger oder den Medizinischen Dienst integrieren.

Aber auch für die eigene Kontrolle des Heilungsverlaufs und zur Evaluation sei die digitale Fotodokumentation ideal. Sie lasse sich überdies für den fachlichen Austausch mit Kollegen nutzen, wenn die Fotos – aus Datenschutzgründen am besten verschlüsselt – per E-Mail verschickt werden. Wetzel-Roth beklagte allerdings, dass es innerhalb der vielen Wundnetze bislang noch keinen Standard für die Fotodokumentation gibt: “Hier fehlt eine einheitliche Norm.”

Referent: Dr. Walter Wetzel-Roth, Buchloe

Längst nicht mehr exotisch: Ambulante Portimplantation
Weil die Zahl der Krebskranken steige und Onkologen vermehrt die Kooperation mit Chirurgen im vertragsärztlichen Bereich suchten, sei die Implantation von Ports längst keine exotische Nische mehr für niedergelassene Chirurgen, erklärte Dr. Herbert A. Hofmann. Während sich im Krankenhaus für diesen Eingriff häufig bis zu acht Personen im OP versammelten, könne der niedergelassene Chirurg mit nur einer OP-Schwester und einem klaren OP-Algorithmus innerhalb von etwa 15 bis 20 Minuten einen Port implantieren.

Referent: Dr. Herbert A. Hofmann, Berlin

 
     
  Quelle: Chirurgen Magazin, Ausgabe 26 (Heft 2/07, April/Mai 2007)  
     

Mo.  23.04.2007