Wilhelmsburger Herniensymposium: Ausblick auf die Hernienchirurgie der Zukunft



Die Hernienchirurgie hat nach Einschätzung des Alterspräsidenten der Deutschen Herniengesellschaft, Professor Volker Schumpelick, auf dem Gebiet der Leistenhernien in den vergangenen drei Jahrzehnten wichtige Erkenntnisse gesammelt. Viel unbekanntes Terrain gebe es hingegen auf dem Gebiet der großen und monströsen Narbenhernien, deren Inzidenz aufgrund von immer mehr älteren Patienten und einen immer höheren Anteil adipöser Patienten in Zukunft weiter steigen werde. Schumpelick sprach beim 4. Wilhelmsburger Herniensymposium, das vom 20. bis 21. Januar 2012 in Hamburg stattgefunden hat, vor über 300 Chirurgen aus dem In- und Ausland über „weiße Flecken auf der Landkarte“ in der Hernienchirurgie.

Schumpelick zufolge begünstigen eine Reihe von Faktoren die Entstehung monströser Narbenhernien: Adipositas, ein zu hoher seitlicher Zug auf der Narbe, zu hoher hydrostatischer und intraabdomineller Druck und qualitativ schlechtes Narbengewebe. „Wir Chirurgen müssen Strategien entwickeln, mehr Platz im Bauchraum zu schaffen und den hohen Druck zu mindern“, sagte Schumpelick. Auch wenn Bridging-Techniken in der Hernienchirurgie sonst verpönt seien, komme man bei monströsen Narbenhernien häufig nicht um diese Technik herum.

In Aachen folge man derzeit folgendem Algorithmus für die Operation monströser Narbenhernien: Zunächst Implantation einer präperitonealen Mesh Prothese (PMP) mit Faszienverschluss. Falls dies nicht ausreiche, komme eine PMP mit Components Separation Technique nach Ramirez zum Einsatz. Wenn dieses Verfahren immer noch nicht zum Erfolg führe, setze man auf ein intraabdominelles Bridging mit Inlay, Sublay oder Ipom. „Wir setzen das Verfahren nicht gern ein, weil es die Gefahr eines Darmkontakts mit dem Netz birgt, doch manchmal geht es nicht anders“, erläuterte Schumpelick. Der Hernienexperte riet seinen Kollegen aber dazu, beim Verschluss monströser Narbenhernien immer auch an die pulmonale Funktion zu denken: „Wenn ich unten alles schließe, kann der Mensch oben nicht mehr atmen!“ Bei monströsen Narbenhernien sollte der Chirurg bei der Planung seiner Behandlungsstrategie daher immer auch einen Pulmologen hinzuziehen.

Das 4. Wilhelmsburger Hernien-Symposium wurde gemeinsam von Dr. Wolfgang Reinpold, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung für Chirurgie und des Hernienzentrums im Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand, Dr. Ralph Lorenz aus der Berliner Praxis 3Chirurgen und Dr. Bernd Stechemesser vom Berliner Vivantes Klinikum AVK organisiert. Im Mittelpunkt standen acht von internationalen Spezialisten durchgeführte Operationen, die live aus der Klinik ins Tagungsort übertragen wurden. Im Vorfeld der Veranstaltung fand der Kurs „Hernie Kompakt“ statt, der interessierten Nachwuchschirurgen an drei Tagen praktisches Training auf dem Gebiet der Hernienchirurgie bot.
 

 
 
Antje Thiel

27.01.2012