Lauterbach: „Beim ambulanten Operieren herrscht Unterversorgung!“
     
 

Über- und Fehlversorgung gibt es in vielen Bereichen des deutschen Gesundheitswesens – nicht jedoch beim ambulanten Operieren. Mit dieser Aussage überraschte Professor Karl W. Lauterbach, gesundheitspolitischer Berater von Bundesministerin Ulla Schmidt, die Teilnehmer des 6. Bundeskongresses der niedergelassenen Chirurgen,

 

 
 

der vom 5. bis 7. März 2004 in Nürnberg stattfand. „Für den Bereich des ambulanten Operierens haben wir im Gesundheitssurvey 2001 eine deutliche Unterversorgung festgestellt“, erklärte Lauterbach.

 
   
 

Der Gesundheitsökonom warnte die ambulanten Operateure jedoch vor der Erwartung, dass die Politik mehr Geld ins System pumpen werde, um diese Unterversorgung abzubauen: „Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland liegt mittlerweile knapp unter dem Durchschnitt der Europäischen Union, gleichzeitig geben wir im Vergleich zur restlichen EU rund ein Drittel mehr Geld für das Gesundheitswesen aus. Die Politik setzt also nicht aus Willkür auf Kostendämpfung im Gesundheitswesen, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit“. Die Bundesregierung wolle keineswegs den ambulanten und den stationären Sektor gegeneinander ausspielen, betonte Lauterbach: „Ich bin in diesem Punkt immer missverstanden worden.“ Die Abschaffung der doppelten Facharztschiene sei nicht gleichbedeutend mit der generellen Abschaffung niedergelassener Fachärzte. Lauterbach empfahl den niedergelassenen Chirurgen daher, sich für Kooperationen mit Krankenhäusern und den geplanten Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) zu öffnen.

Zur Frage der Vergütung ambulanter Operationen äußerte sich Lauterbach ebenfalls wider Erwarten ganz im Sinne der niedergelassenen Chirurgen: „Es muss gleiches Geld für gleiche Leistung geben, egal ob die Leistung im Krankenhaus oder in der Praxis erbracht wird.“ Er sprach sich für ein simples Vergütungssystem mit festen Pauschalen aus, wobei die Leistungen in drei Kategorien aufgeteilt werden müssten: zum einen Leistungen, die ausschließlich ambulant und nur in begründeten Ausnahmefällen stationär abgerechnet werden dürfen. In der zweiten Kategorie dann Indikationen, die wahlweise ambulant oder stationär behandelt werden können, und in der dritten Kategorie schließlich Eingriffe, die ausschließlich im Krankenhaus erbracht werden dürfen. Zuschläge in Form eines Qualitätsbonus könnten dann die Anbieter erzielen, die regelmäßige Weiterbildung und besondere Qualifikationen nachweisen könnten.

„Unser Berufsverband hat mit seinem Katalog ambulanter und stationsersetzender Leistungen schon vor Jahren feste Preise für ambulante Operationen vorgelegt“, erinnerte BNC-Präsident Dr. Dieter Haack und ergänzte: „Für die 15 häufigsten Eingriffe haben wir mittlerweile auch Komplexpauschalen kalkuliert, welche die gesamte Behandlung inklusive präoperativer Diagnostik, Operation, die Versorgung mit Hilfs- und Arzneimittel sowie die postoperative Betreuung und Rehabilitation für ein halbes Jahr nach dem Eingriff beinhalten.“ Lauterbach antwortete: „Ich kenne Ihre Bemühungen auf diesem Gebiet und würde diese Komplexpauschalen gern einmal in einer Gesprächsrunde mit Ihnen und Vertretern der Kassen auf Plausibilität prüfen.“ Ärztliche Berufsverbände sollten Lösungsansätze dieser Art intensiv weiter verfolgen – und zwar mit dem Ziel, Direktverträge mit den Krankenkassen abzuschließen. „Generell sollten Preise diejenigen verhandeln, die sich auf fachlicher und auf finanzieller Seite auskennen, sprich Ärzte und Krankenkassen.“ Die Kassenärztlichen Vereinigungen hingegen sollten sich mehr und mehr auf eine reduzierte Rolle als Dienstleister vorbereiten, schloss Lauterbach.

An der berufspolitischen Podiumsdiskussion zum Auftakt des BNC-Kongresses am Freitag Nachmittag beteiligten sich neben Lauterbach auch Dr. Werner Gerdelmann, Vorstandsmitglied im Verband der Angestellten-Krankenkassen und Arbeiter-Ersatzkassen-Verband (VdAK/AEV) und Johann-Magnus von Stackelberg, Geschäftsführer Gesundheit beim Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), sowie Dr. Michael Hammer, Vorsitzender der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Die Resonanz auf den BNC-Kongress übertraf in diesem Jahr sämtliche Erwartungen der Veranstalter: Insgesamt kamen am Wochenende 789 Chirurgen nach Nürnberg, um sich über aktuelle Entwicklungen in der Gesundheitspolitik und in ihren jeweiligen Fachgebieten zu informieren und sich mit Kollegen auszutauschen. Wir dokumentieren an dieser Stelle einzelne Vorträge und Diskussionen, ausführliche Artikel finden Sie außerdem in der kommenden Ausgabe der BNC-Verbandszeitschrift Chirurgen Magazin, die Mitte April erscheint.

 
   
  Antje Soleimanian  
     

Mo.  08.03.2004